GERMANWATCH-Symposium "Soziale Zukunftsfähigkeit":
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde,
ich bin gebeten worden, noch ein Grußwort zu sprechen als Sprecher und Koordinator des deutschen Forums Weltsozialgipfel der deutschen Nichtregierungsorganisationen, die sich dort zusammengefunden haben.
Wir sind über 40 Organisationen, die ich auch nicht alle aufzählen möchte, vom DGB bis Caritas, den Entwicklungsorganisationen der Kirchen, dem Deutschen Frauenrat, und eben auch mit der Mitgliedschaft von GERMANWATCH und es ist insofern aus meiner Sicht eine sehr positive Sache, als daß man bei einem solchen Thema auch zum Ausdruck bringen kann, daß man gemeinsam zusammenarbeitet und eben auch gemeinsam für Ziele eintritt, die gerade bei der Umsetzung der Ergebnisse dieses großen UN-Weltgipfels mehrfach angesprochen wurden. Es geht uns gemeinsam um Zukunftsfähigkeit, internationale Kooperation und auch soziale Gerechtigkeit.
Ich möchte unterstreichen, daß das Forum Weltsozialgipfel keine zentralistische Veranstaltung ist, schon gar nicht ist es ein Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, wie es neulich in einem Anschreiben aus dem BMZ hieß. Wir haben uns zwar als Stiftung ein wenig dazu bereit finden können, die Zusammenarbeit des Forums zu stärken, aber ich denke, es ist uns sehr deutlich, daß das Forum eine Plattform der Verfolgung gemeinsamer Ziele ist, ein Netzwerk eben der Kooperation und der Vertretung nach außen, es lebt aber grundsätzlich von den Aktivitäten der Mitgliedsorganisationen, also von Veranstaltungen, wie sie heute hier stattfinden, und es ist offen für den Dialog unterschiedlicher Einschätzungen und Positionen, es ist kein in allen Positionen gleichgeschaltetes Gremium.
Wir haben 1994 mit sehr viel Mühe und Sorgfalt ein gemeinsames Grundsatzdokument erarbeitet und auf dessen Basis dann auch die weitere Arbeit gestaltet, aber es ist selbstverständlich und kann von mir noch einmal unterstrichen werden, daß zwischen den Entwicklungsorganisationen und vor allem den großen Sozialverbänden, Interessenvertretungen, Deutscher Gewerkschaftsbund, Beamtenbund und so weiter, in vielen Fragen natürlich unterschiedliche Einschätzungen vorhanden sind, die wir auch durchhalten müssen. Wir sehen gerade eine Stärke der Zusammenarbeit von Entwicklungsorganisationen und den im eigenen Land wirkenden Sozialverbänden darin, daß es gelungen ist, das Gemeinsame der Anliegen und Ziele ins Zentrum zu stellen und die Verschiedenheiten und Unterschiede zu akzeptieren und im Gespräch zu bleiben.
Wir halten daran fest, und das zeigt sich in vielen Bereichen, vor allen Dingen in der Diskussion im Leitungskreis: Wir brauchen die konstruktive Auseinandersetzung, vielleicht brauchten wir sogar mehr Streit, das ist auch schon angesprochen worden. Aber wir müssen, und das ist die andere Motivlage, die bei uns sehr im Vordergrund gestanden hat, dazu beitragen, daß der Konsens über die Grundwerte in unserer Gesellschaft, das, was Gesellschaft zusammenhält und was derzeit massiv in Frage gestellt wird, neu definiert wird. Das ist eines der Ziele, die wir mit unserer Arbeit verfolgen.
Ich kann und will kein weiteres Einführungsreferat halten. Ich versuche mich da doch bewußt zurückzuhalten, ich will eigentlich nur die Kernthesen von Kopenhagen noch einmal ansprechen, die ja auch Themen dieses Symposiums sind. Das waren drei große Bereiche: Beseitigung der Armut, die breitere Verfügbarkeit produktiver Beschäftigungsmöglichkeiten und Verminderung der Arbeitslosigkeit und der dritte Aspekt: soziale Integration. Uns ist ganz deutlich, auch durch die bisherigen Beiträge, Arbeitslosigkeit und die völlig ungleiche Verfügung über die produktiven Ressourcen sind im Norden wie im Süden die zentralen Probleme und deswegen auch zu Recht Thema dieser Konferenz. Mir geht es, was Kopenhagen angeht und auch die Diskussion innerhalb des Forums, eigentlich nur um fünf Punkte, die ich hier vortragen möchte. Vieles davon ist auch in den Einführungsreferaten, vor allen Dingen auch durch Herrn Hedrich, schon angesprochen worden, ich will es trotzdem nochmals formulieren:
Erstens: Der Weltgipfel von Kopenhagen unterstreicht die
Verantwortung der Staaten für soziale Sicherung. In Kopenhagen
haben sich die Regierungen verpflichtet, und ich zitiere da, bei
nationalen, regionalen und internationalen Politiken und Maßnahmen
der Förderung des sozialen Fortschritts, der Gerechtigkeit und der
Verbesserung der Lebensbedingungen auf der Grundlage der vollen Teilhabe
aller Menschen höchste Priorität einzuräumen.
Für uns stand immer im Vordergrund, und wir haben die Absicht, die
Staaten nicht aus ihrer Verantwortung und aus Ihrer Verpflichtung, die
sie dort bekundet haben, zu entlassen.
Und vielleicht hat Kopenhagen tatsächlich etwas von einer Umkehr
aus der Verengung auf die neoliberale Dogmatik bewirkt, die viele von
uns sich damals erhofft haben. Nicht nur die Äußerungen von
Staatssekretär Hedrich würde ich da in Anspruch nehmen wollen,
sondern man kann das auch etwa in der Neubewertung des
Verhältnisses Staat, Markt und Gesellschaft bis in die Weltbank,
auch schon angesprochen, und im Entwicklungsbericht 1997 sehen. Dies
ist, das will ich ganz deutlich sagen, absolut nicht ausreichend und
sicher auch so allgemein nicht herstellbar, aber ich möchte das
doch als einen Erfolg der Gegenbewegung, auch aus Europa heraus, und als
einen Schritt in die richtige Richtung einordnen. Das Forum
Weltsozialgipfel wird bei seiner Jahreskonferenz am 27./28. Oktober
diese Debatte über Staat und Zivilgesellschaft in der sozialen
Entwicklung weiterführen. Ich gehe davon aus, daß in den
nächsten Tagen alle von Ihnen Einladungen vorfinden werden.
Mein zweiter Punkt ist, daß der Weltsozialgipfel, entgegen
mancher Auffassung, kein Wohlfahrtsstaatsgipfel gewesen ist. Es ist auch
kein Entwicklungsgipfel gewesen, wie ihn manche abschieben wollten, als
ein Thema nur für die Dritte Welt. Im Zentrum stand und
steht produktive Beschäftigung, eigene Arbeit. Kopenhagen stellt
die Eigenverantwortung in den Vordergrund, macht dann aber die
Befähigung der Menschen zur aktiven Teilhabe durch Bildung,
Ausbildung und den Zugang zu den produktiven Ressourcen wie Grund und
Boden, Kapital, Wissen, Infrastruktur und soziale Beziehungen zum Kern
der staatlichen Sozialpolitik. Kopenhagen akzeptiert auf der einen Seite
die marktwirtschaftlichen Ordnungen und nimmt die Globalisierung als
Realität. Was nicht akzeptiert wird, ist die Resignation, das
Abschieben der Verantwortung auf das anonyme Wirken der
Globalkräfte, das in der Politik immer mehr um sich greift.
Kopenhagen setzt auf die politische Gestaltung der Rahmenbedingungen und
die sozialen Ordnungsfunktionen der Staaten und auf die Beteiligung der
Menschen, die Stärkung ihrer Interessenvertretung, ihren Anspruch
auf sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit.
Ich habe mich gefreut, daß Herr Hedrich in einer ähnlichen
Weise auch auf Kopenhagen Bezug genommen hat. Die Auffassung, daß
man durch gute Politik - die Übersetzung für
good governance ist ja auch eine ganz schwammige Aussage -
sehr wohl auf die sozialen Bedingungen und die Armutssituation einwirken
kann, ist uns ja inzwischen durch den Human Development Report der UNDP
und auch durch Untersuchungen der Weltbank und der ILO vielfach
bestätigt worden. Ich meine, daß vielleicht die NGOs der
Politik hier helfen müssen, die soziale Einbindung des
globalisierten Marktes aktiv aufzugreifen, das Zögern, das in der
Politik bei dieser Frage herrscht, auch die Entschuldigung, das
Ausweichen, nicht länger zu akzeptieren. Es gibt Handlungsfelder
auf nationaler und internationaler Ebene, wo politische Aktion und
Zusammenarbeit Sinn macht. Das Netzwerk der
Nichtregierungsorganisationen, das inzwischen ja durchaus ebenfalls die
Welt umspannt und eine andere Dimension von Globalisierung darstellen
kann, hat hier möglicherweise einen Schritt zu tun, der Erfolg
verspricht.
Meine dritte These oder meine dritte Aufnahme von Kopenhagen
bekräftigt die historische Erfahrung, daß sozialer
Fortschritt weder einseitig dem Wirken des Marktes, noch der Wohltat der
Herrschenden überlassen werden kann. Soziale Gerechtigkeit wird
immer erkämpft. Demokratie, Rechtsstaat, die Durchsetzung von
Interessenvertretungen und die Beteiligung zivilgesellschaftlicher
Organisationen, die Gleichbehandlung und Gleichberechtigung der
Geschlechter, das sind wesentliche Voraussetzungen für den sozialen
Ausgleich innerhalb von Gesellschaften und zwischen den
Gesellschaften.
Es geht nicht ohne Institutionen und die Beteiligung der Betroffenen.
Gerade als Vertreter einer politischen Stiftung liegt mir an diesem
Zusammenhang, daß es international verpflichtende Absprachen nicht
geben kann, jedenfall daß sie ohne Wirkung bleiben, wenn in den
Ländern die Betroffenen nicht zu Wort kommen. D.h. die Durchsetzung
von Demokratie und Beteiligung in den Ländern der Dritten Welt ist
aus meiner Sicht mindestens genauso wichtig, wie die Aufgabe,
Regelungssysteme auf internationaler Ebene zu propagieren, wenn man
keine Erzwingungsmechanismen auf der internationalen Ebene mehr hat,
oder jedenfalls nur sehr limitierte.
Viertens: Mit Kopenhagen halten wir fest an der staatlichen
Verantwortung für Verteilungsgerechtigkeit. Das ist ein Begriff,
der oft ganz beiseite genommen wird. Das mag möglicherweise nicht
Gleichheit heißen, heißt aber Chancengleichheit, wie eben
auch gesagt worden ist. Gegen den Skandal der wachsenden Ungleichheit
muß die Legitimität sozialer Ausgleichsleistungen gesetzt
werden. Hier ist etwas in den kulturellen Werten in Frage gestellt
worden, was aus meiner Sicht neu ins Licht gesetzt werden muß. Es
geht nicht ohne soziale Transfers innerhalb und zwischen den
Gesellschaften zugunsten der Ärmsten. Deshalb unterstützen wir
vom Forum Weltsozialgipfel mit Nachdruck auch die 20/20 Initiative des
Weltsozialgipfels, weil wir wissen, daß soziale Stabilität
und politische Demokratie in einem sehr engen Zusammenhang stehen
Zukünftig wird entscheidend sein, wie der Zugang zu produktiven
Ressourcen Kapital, Bildung und Wissen, Land und natürlichen
Gütern gestaltet wird.
Dies ist vorrangig eine politische Aufgabe, auch und gerade weil dieses
aus dem politischen Diskurs weitgehend ausgeblendet wird. Wer redet in
unserem Land noch über die Frage des Grund- und Bodenrechts? Ich
erinnere mich, daß 1971, glaube ich, Hans Jochen Vogel als
Oberbürgermeister von München zuletzt einmal dazu intensiver
Stellung genommen hat, aber das war jetzt am Rande gesagt.
Mein letzter Punkt - der fünfte - ist, nochmals mit Kopenhagen
festzuhalten: Soziale Sicherheit ist ein Menschenrecht. Kopenhagen
definiert dabei nicht deren Struktur, nicht die Leistungsniveaus oder
auch die Finanzierungsformen. Eigenverantwortung und staatliche
Verantwortung werden eng aufeinander bezogen. Es ist deutlich, daß
das deutsche Sozialstaatsmodell in Kopenhagen nicht Pate gestanden hat,
wer sorgfältig liest, wird das in dem Text auch immer wieder finden.
Wir sind uns im Forum nach manchen Diskussionen bewußt geworden,
daß ein Umbau des Sozialsystems gerade unter
Nachhaltigkeitgesichtspunkten unausweichlich ist. Ich muß dazu
sagen, daß es mich in Erstaunen versetzt hat, wie gerade Vertreter
von großen Sozialverbänden selbstkritisch auf ihre eigene
Arbeit blicken und die Struktur dessen, was sich da hergestellt hat.
Wir haben das schon 1994 in unserem Grundsatzdokument angesprochen. Es
muß bedarfsorientierter, zielgenauer und effizienter werden, aber
auch deutlich unbürokratischer, die Bürokratie frißt
einen großen Teil unserer sozialen Aufwendungen, und es muß
auf die Basis echter Subsidiarität gestellt werden. Es reicht nicht
nur, an den beiden Stellschrauben Beiträge und Leistungen zu
drehen. Daß der Sozialstaat in der jetzigen Form und unter den
Bedingungen der Globalisierung nicht mehr so finanzierbar ist, ist uns
deutlich geworden. Aber auf der anderen Seite wird ebenfalls
festgehalten: Die völlige Aufgabe sozialstaatlicher Verantwortung
und der Perspektive sozialer Marktwirtschaft wäre für den
europäischen Kontext - und ich denke auch darüber hinaus -
demokratiegefährdend und gesellschaftssprengend. Wir möchten
daher eine Debatte, und ich hoffe, daß wir heute dazu auch kommen,
die weder einseitig nur von der Finanzkrise der Sozialsysteme ausgeht,
noch sich nur mit der Defensive des Bestehenden zurechtfindet, d.h.
eigentlich einem Strukturkonservatismus das Wort redet.
Nach unserer Auffassung gilt es einerseits neu zu bestimmen, was der
Staat notwendigerweise zu leisten hat und wie er dies tut (daß das
für jedes Land möglicher Weise anders aussieht, kann ich auch
nur nochmals unterstreichen), und auf der anderen Seite das was an
Eigenverantwortung und Problemlösungen den Einzelnen und ihren
gesellschaftlichen Selbstorganisation übertragen werden kann.
Wir
sind ja nicht umsonst in Nichtregierungsorganisationen, weil wir meinen,
daß aus diesem Bereich auch Ansätze der Problemlösung
gegeben werden können, die über das hinausgehen, was
staatliche Bürokratien an dieser Stelle leisten können. Ich
denke, daß es da innovatorische Ansätze gibt, Herr Baum hat
das auch angesprochen. Können wir aus der Dritten Welt, aus diesen
Erfahrungen lernen, die vielleicht so etwas bedeuten, wie das, was man
in der ökologischen Nachhaltigkeitdiskussion sozusagen mit der
Faktor-4-Effizienzrevolution verbindet?
Gerade weil das Marktgeschehen - das ist gesagt worden - und gesellschaftliche Veränderungen zu Individualisierung und Isolierung führen, gilt es das Soziale als das Grundelement von Gesellschaft neu zu entdecken und zu definieren. Und ich denke, wir müssen dabei auch versuchen, den Begriff des Eigeninteresses mit dem der Solidarität neu in eine Beziehung zu bringen. Ich hoffe, daß wir es schaffen, nicht in der sozialkritischen Resignation und im Lamento über diese negativen Seiten der Globalisierung zu beharren, sondern den Mut haben, auch Neues zu denken. Und in diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Erfolg für dieses Symposium und auch für die gemeinsame weitere Arbeit. Ich danke Ihnen.
| © GERMANWATCH zuletzt geändert am 08.02.1998 von Frank Plößel |