GERMANWATCH-Symposium "Soziale Zukunftsfähigkeit":
Arbeitspapier: Zukunft der Arbeit
Hinweis: Es gibt auch eine Kurzfassung
sowie eine
englische Langfassung dieses Textes.
Beschäftigung ist für den Menschen sinnstiftend. Der Begriff
der Beschäftigung umfaßt jedoch nicht nur die - im Lohnverhältnis
geleistete - bezahlte Arbeit, sondern er umfaßt alle Wege der Existenzsicherung.
In den Entwicklungsländern z. B. arbeiten viele Menschen auf ihren
eigenen Farmen, im informellen Sektor oder gehen anderen selbständigen
Beschäftigungen nach. Abgesehen von dem mit bezahlter Arbeit erzielten
Einkommen bewerten die Menschen ihre Arbeit nach einer Vielzahl weiterer
Kriterien, so z.B.
-
der Entfaltung von Kreativität und individuellen Fähigkeiten
-
Anerkennung und Selbstachtung
-
die Teilhabe an einer kollektiven Leistung
-
soziale Integration
-
Status
Neben dieser produktiven, bezahlten Arbeit umfaßt 'Beschäftigung'
den weiten Bereich der - zumeist von Frauen geleisteten unbezahlten, reproduktiven
Arbeit sowie den von z.T. beiden Geschlechtern geleistete Beitrag zum Gemeinwesen
(Engagement in freiwilligen Organisation, karitativen Vereinigungen etc.)
Der UNDP-Bericht 1995 schätzt, daß zu der globalen Gesamtproduktion
von 23 Billionen Dollar im Jahre 1993, nicht bezahlte Arbeit im Haushalt
und für die Gesellschaft im Werte von 16 Billionen geleistet wurde.
Davon entfallen 11 Billionen USD auf die unsichtbare Arbeit von Frauen.
In den Industrieländern werden rund zwei Drittel der Gesamtarbeitszeit
von Frauen - aber nur ein Drittel der von Männern - nicht registriert.
In Peking (4. Weltfrauenkonferenz) einigten sich die Regierungschefs daher
darauf, diese Arbeit in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aufzunehmen
und in Sonderkonten die gesamte nicht für den Arbeitsmarkt geleistete
Arbeit zu berücksichtigen.
Die soziale Bedeutung der Haushalts- und Gemeinschaftsarbeit geht allerdings
weit über die ökonomische hinaus. Die Tätigkeit "reproduziert"
die Gesellschaft - nicht nur die ArbeitnehmerInnen. In diesem Sinne hat
sie einen eigenständigen menschlichen Wert, der nicht auf Geld- oder
Zeiteinheiten zu reduzieren ist. Diese Aktivitäten bereichern das
Familien- und Gemeinschaftsleben, bewahren kulturelle Tradition und stärken
die menschliche Entwicklung. Es ist "soziale Reproduktion" im weitesten
Sinne. Allerdings ist daraus nicht abzuleiten, daß der Nationalstaat
aus seiner sozialen Verantwortung zu entlassen ist. Die Frage nach dem
Begriff der 'Solidarität' bzw. der 'schleichenden Entsolidarisierung
durch systemische Interessensentflechtung' sollte in diesem Zusammenhang
auch gestellt werden.
Im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung scheint sich der Zusammenhang
von wirtschaftlichem Wachstum und neuen Arbeitsplätzen aufzulösen.
Es sollte untersucht werden, ob Unternehmensgewinne tatsächlich schon
lange nicht mehr in zusätzliche Arbeitsplätze münden. Die
Frage, ob wirtschaftliches Wachstum Arbeitsplätze schafft hängt
von vielen Faktoren ab, u.a. was, von wem, wie produziert wird, der eingesetzten
Technologie in Abhängigkeit vom Produkt, der Organisation der Produktion,
der Verteilung des Produktivvermögens (Grund und Boden, Kapital) etc.
Ein bestimmtes Wirtschaftswachstum kann bestimmte Arbeitsplätze schaffen.
Andererseits - welches Wachstum wird gebraucht? Das Wachstum der "verfaßten
Arbeitsmärkte"? Sind nicht andere Ansätze notwendigt? Die Frage
der Spaltung der Arbeitsmärkte in einen verfaßten und einen
mit Grundsicherung sowie freiwilligen oder "Do-it-yourself-Tätigkeiten"
gehört ebenfalls in diesen Gesamtkontext.
Es geht nicht um fertige Modelle. Die Arbeits- und Lebensformen in modernen
Gesellschaften differenzieren sich weiter aus. Aber gerade diese Vielfalt
benötigt einen neuen sozialen Grundkonsens. Es geht um soziale Nachhaltigkeit
in neuen Schattierungen. Sparen auf Kosten der Zukunft, weil der Sozialstaat
überlastet ist, zeugt nur von mangelnder sozialer Zukunftsfähigkeit.
Um daraus für die Zukunft der Arbeit in Nord und Süd zu lernen,
sollen folgende, jweils drei oder vier, Fragekomplexe - unterteilt nach
Nord und Süd - auf dem Symposium diskutiert werden:
Nord und EZ/Süd (gemeinsame, übergreifende Aspekte)
-
Müssen die genannten Funktionen bezahlter Arbeit (Einkommensicherung,
Sinnstiftung und soziale Einbindung) notwenigerweise als Einheit gewährleistet
werden? Oder ist auch eine gesellschaftliche Neuorganisation erstrebenswert,
in der diese drei Funktionen durch getrennte Lebenszusammenhänge gewährleistet
werden, und wie müßten diese dann - aufeinander abgestimmt -
beschaffen sein?
-
Muß nicht von der Idee der (bezahlten) Vollbeschäftigung für
die bevölkerungsreichen Länder im Süden (aber auch für
den Norden) Abstand genommen und wie kann Einkommenssicherung dann gewährleistet
werden? Ist Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen eine Antwort
auf Globalisierung, zumindest eine denkbare Facette? Welche anderen müßten
hinzukommen?
-
Welche Rolle wird die selbständige Erwerbstätigkeit zukünftig
einnehmen (müssen), wenn durch veränderte Produktionsprozesse
(z.B. fortschreitende Rationalisierung) weltweit der Bedarf an bezahlter
Arbeitsleistung abnimmt?
-
Welche Rolle wird die unbezahlte Arbeit zukünftig spielen? Sind Frauen
die Verlierer und werden erkämpfte Rechte auf dem Altar politischen
Pragmatismus geopfert?
Nord
-
Sollte sinnvolle ehrenamtliche Tätigkeit zur Sicherung der Funktionen
'Sinnstiftung' und "soziale Einbindung" eine stärkere Bedeutung erlangen?
Wie kann sie gefördert werden? Wo liegen die Gefahren (wie geschlechterdifferenzierte
Analysen schon heute zeigen)? Wird das Soziale zurückdelegiert an
das Private? Wie kann der Zusammenhang 'gesellschaftlicher Status' - 'bezahlte
Arbeit' aufgelöst und eine Zweiteilung der Gesellschaft verhindert
werden? Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen sind erforderlich?
-
Muß nicht der Verzicht auf die (zu) knappe Ressource Arbeit durch
eine Grundrente kompensiert werden?
-
Welche Folgen hat es für die Steuerungsfähigkeit durch die Politik,
wenn die formalisierte Arbeit immer weiter an den Rand gedrängt wird?
Welche globalen Steuerungsmechanismen und welche - unkontrollierte - Macht
entstehen? (Z.B. Legitimation G-8)
-
Was können die reichen Länder von ärmeren Gesellschaften
mit stärkeren sozialen Bindungen in bezug auf die Sicherung der o.g.
drei Grundfunktionen bezahlter Arbeit lernen? Markt und Staat reichen als
Akteure nicht mehr aus; welche Rolle kommt der Zivilgesellschaft zu?
Süd
-
Die verdeckte Exportorientierung der derzeit gängigsten Entwicklungsstrategien
hat weder die fortschreitende 'Globalisierung der Armut' verhindern noch
zur Sicherung des Einkommens/Existenzgrundlage der breiten Bevölkerung
beitragen können. Welche Strategien können Einkommensverteilung
auch bei armen Bevölkerungsgruppen sichern?
-
Lassen sich Modelle zur Einkommensschaffung durch selbständige Arbeit
im Stile einer Grameen-Bank verallgemeinern, oder stützt das nur ein
bestehendes nicht-gerechtes, nicht-nachhaltiges, nicht am Menschen orientiertes
Wirtschafts- und Politik-System?
-
Wie wirkt sich Globalisierung auf die Arbeitsplätze aus? Verlagert
sich Arbeit wirklich in den Süden und welche entwicklungspolitischen
Impulse gehen davon aus?
-
Welche Elemente des informellen Sektors im Südens sind übertragbar
und könnten für ein zukunftsfähiges Modell auch im Norden
genutzt werden? Im Süden erfolgte häufig der Sprung aus der 'Subsistenz'
in den 'informellen Sektor' (durch kleine Existenzen); im Norden ist der
Weg oft umgekehrt, i.e. aus dem formalisierten Sektor in die Subsistenz.