GERMANWATCH-Symposium "Soziale Zukunftsfähigkeit":
Grußwort von Staatssekretär Klaus-Jürgen Hedrich
Sehr geehrte Damen und Herren,
- Spätestens seit der Rio-Konferenz wissen wir, daß
Zukunftsfähigkeit drei zentrale Elemente umfaßt, nämlich
wirtschaftliche Effizienz, ökologische Nachhaltigkeit und soziale
Gerechtigkeit. Mit der Behandlung ausgewählter sozialer
Zukunftsfragen hat sich die Tagung ein großes Thema vorgenommen.
Vielleicht ist es das schwierigste der genannten Komponenten, da es
Grundfragen der menschlichen Lebensführung und des menschlichen
Zusammenlebens anspricht. Wenn sie auch zeitweilig halbwegs gelöst
zu sein schien, so ist doch heute am Ausgang des 20. Jahrhunderts
die soziale Frage wieder von brennender Aktualität. Armut und
Ungleichheit haben eher noch zugenommen, wie z. B. der
diesjährige UNDP-Bericht zur menschlichen Sicherheit gezeigt hat,
der sich speziell mit der Armut befaßt. Die Probleme haben nicht
nur quantitativ durch die schiere Zahl der betroffenen Menschen eine
neue Dimension angenommen, sondern wahrscheinlich auch qualitativ. Denn
Ursachen und Strukturen haben sich verändert, so daß alte
Rezepte nicht mehr greifen. Gefragt sind neue Ideen und der Mut,
eingefahrene Wege zu verlassen. Ich begrüße es, daß
sich die Tagung mit diesen Fragen beschäftigt.
- Es ist erfreulich und gibt Hoffnung, daß das
Bewußtsein für soziale Fragen und die Beschäftigung mit
ihnen in den nationalen Politiken und auch in der internationalen
Politik einschließlich der Entwicklungszusammenarbeit in den
letzten Jahren zugenommen hat. Ich erinnere an die Beschlüsse des
Weltgipfels für soziale Entwicklung in Kopenhagen, die die soziale
der wirtschaftlichen Entwicklung gleichstellen und den Menschen im
Mittelpunkt sehen. Auch Institutionen wie die Weltbank und die
regionalen Entwicklungsbanken haben der Armutsbekämpfung und der
sozialen Entwicklung einen sehr hohen Stellenwert eingeräumt.
Ebenso haben die EAU und OECD diese Belange betont und die letzten
Weltwirtschaftsgipfel haben eine umfassende Partnerschaft mit den
Entwicklungsländern vorgesehen. Wenn die Umsetzung auch manchem zu
langsam erscheinen mag, so sind damit doch wichtige Anstöße
gegeben worden. Ich erinnere auch daran, daß schon der Pakt
über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vom Jahre 1966
das Recht eines jeden auf einen angemessenen Lebensstandard, auf Arbeit,
Bildung und Gesundheit und auf Teilnahme am gesellschaftlichen Leben als
Menschenrechte anerkannt hat.
- Warum sehe ich und warum sieht die deutsche Entwicklungspolitik
die soziale Zukunftsfähigkeit in Form der Armutsbekämpfung als
Querschnittsaufgabe und Schwerpunkt an? Der Grund sind nicht nur
humanitäre Motive und die Solidarität mit Unterprivilegierten,
die über die nationalen Grenzen und über die EU-Grenzen hinaus
einen weltweiten sozialen Ausgleich anstreben lassen. Eine weitere
Begründung sind die mit sozialer Ungleichheit verbundenen Probleme
wie Flucht und Wanderungsbewegungen, deren Lösung auch in unserem
Interesse liegt. Letztlich dient soziale Sicherheit dem friedlichen
Zusammenleben der Menschen in den einzelnen Staaten und der Staaten
untereinander, einem wichtigen übergreifenden Ziel der deutschen
Politik. Darüber hinaus scheint mir wichtig, daß auch in
wirtschaftlicher Hinsicht brachliegendes menschliches Potential eine
Vergeudung ist und daß die Kosten sozialer Unruhen und durch sie
ausgelöster Wirkungen wesentlich teurer sind, als die rechtzeitige
sozialpolitische Befriedung.
- Bei der Behandlung des Themas stellt sich unausweichlich die Frage
nach Rolle und Aufgabe der verschiedenen Akteure, vor allem der
nationalen Regierungen, des Marktes und der zivilgesellschaftlichen
GruppenArmut und Ungerechtigkeit auch auf Interessengegensätzen
beruhen, reibt sich das Prinzip des unbeschränkten Wettbewerbs mit
der Forderung nach dem Schutz der Schwächeren. Der Markt allein
kann nicht im Sinne der "unsichtbaren Hand" automatisch einen
Ausgleich zwischen den drei Rio-Elementen bewirken; er ist in sozialer
und ökologischer Hinsicht eher blind. Daher sind gewisse
Rahmenregelungen im Sinne der in Deutschland so benannten sozialen
Marktwirtschaft notwendig. Ich stimme der Aussage im diesjährigen
Weltentwicklungsbericht der Weltbank zur Rolle des Staates zu, die
lautet: Markt plus Staat und nicht Markt statt Staat. Der Staat hat die
wichtige Funktion, Regeln und Rahmenbedingungen aufzustellen, die
Chancengleichheit ermöglichen. Eine nähere Festlegung, was die
Kernaufgaben des Staates sind, ohne daß er ungebührlich in
das Marktgeschehen eingreift, ist schwierig und wird von Land zu Land
unterschiedlich vorzunehmen sein.
Ich brauche nicht besonders zu betonen, daß auch
Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und
Wirtschaftsverbänden eine wichtige sozialpolitische Aufgabe
zukommt. Sie können Dialogpartner und Mahner der Regierung sein,
aber auch selbst Aufgaben übernehmen. Es sollten die Prinzipien der
Subsidiarität und Komplementarität gelten.
- Ebenso unausweichlich wie die Frage nach der Rollenabgrenzung im
nationalen Rahmen stellt sich die Frage nach den weltweiten
Möglichkeiten der Sozialpolitik, vor allem im Zeichen der
Globalisierung. Auch international führt der Markt nicht
automatisch zu mehr Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich. Auf dieser
Ebene gibt es aber bisher keine dem nationalen Staat vergleichbare
Institutionen, die einen wirksamen Rahmen setzen könnten. Der
wirtschaftlichen Globalisierung steht keine Globalisierung der
politischen Macht gegenüber. Daher sehe ich eine wichtige
Zukunftsaufgabe darin, auch international an Ordnungen zu arbeiten, die
die Chancen der Schwachen und Benachteiligten wahren helfen.
Ansätze dazu gibt es z. B. in den GATT-Regeln und in den
Beschlüssen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Solche
Regeln müßten vermehrt und weiter ausgebaut werden in
Richtung einer internationalen Sozialordnung, die auch die globale
Zivilgesellschaft einschließt. Es würde diese Aufgabe
erleichtern, wenn die Globalisierung auch zu einer Angleichung der
kulturellen Werte und Überzeugungen führen würde. Eine
große Zahl inhaltlicher Vereinbarungen wurden in den
Weltkonferenzen der letzten Jahre getroffen, ohne daß unmittelbare
supranationale Implementierungsgremien festgelegt werden. Für die
Umsetzung dieser Beschlüsse ist die Reorganisation und
Stärkung der VN und ihrer Sonderorganisationen wichtig, die bisher
nur ein schwacher Beginn einer notwendigen "Global Governance"
sind.
- Wie könnte soziale Zukunftsfähigkeit im einzelnen
erreicht werden, welchen Prinzipien sollte man folgen? In der
Entwicklungszusammenarbeit haben wir unsere Vorstellungen unter dem
Begriff "Armutsbekämpfung" zusammengefaßt, der
teils weiter, teils enger als der Terminus "Sozialpolitik"
ist: weiter, weil er u. a. auch die Wirtschafts- und Finanzpolitik
umfaßt, enger, weil er gezielter auf die Armen unter der
Armutslinie abstellt. Ich denke aber, daß unsere Grundsätze
der Armutsbekämpfung generell wichtige Anhaltspunkte für
soziale Zukunftsfähigkeit sind. Folgende möchte ich
benennen:
- Freiheit, Eigenständigkeit und Beteiligung der Menschen.
Niemand soll zu seinem Glück gezwungen werden. Daher darf der Staat
den einzelnen nicht bevormunden und ihm im Sinne von Almosen Wohltaten
zukommen lassen. Es entspricht unserer Kultur, wenn wir auf individuelle
Freiheit und Eigeninitiative sowie auf Kooperation setzen. Dies wird
allerdings nicht in allen Ländern und Kulturkreisen in gleicher
Weise gesehen.
- Ein zweites Prinzip ist die Selbsthilfe. Wir wissen allerdings,
daß der Selbsthilfewille der Armen durch ihre Notlage so
geschwächt sein kann, daß sie keinen Ausweg sehen oder
daß sie das Risiko von Innovationen nicht eingehen können;
auch bei vorhandenem Selbsthilfewillen können
Handlungsmöglichkeiten der Armen durch die äußeren
Umstände eingeschränkt sein.
- Drittens ist auf den Gesichtspunkt hinzuweisen, daß die
produktiven Fähigkeiten der Unterprivilegierten gestärkt
werden sollten. Dies ist die Frage wirtschaftlicher
Leistungsfähigkeit und der Vermeidung von Subventionen.
Kreditnehmer sollten grundsätzlich Darlehen zu Marktzinsen und
nicht verbilligte Kredite oder Zuschüsse erhalten. Die Schaffung
privatwirtschaftlich organisierter Wirtschaftsstrukturen und die
Entwicklung der Infrastrukturen verbessern indessen nicht automatisch
die Lage der Armen; dazu ist die gezielte Berücksichtigung ihrer
Interessen erforderlich. Schwierig ist in diesem Zusammenhang die Frage
der laufenden Kosten: Müssen diese stets von den Empfängern
erbracht werden, oder können wir sie zumindest teilweise in
bestimmten Ländern oder bei bestimmten Trägern durch Mittel
der Zusammenarbeit übernehmen?
- Eine Kernfrage sozialer Zukunftsfähigkeit ist die Arbeit.
Bundespräsident Herzog hat vor kurzem gesagt: "Sozial"
ist im Zeitalter der Globalisierung vor allem, was mehr
Arbeitsmöglichkeiten und mehr Arbeitsplätze schafft. Ich
füge hinzu: Besonders auch für Frauen. Es ist wohl ziemlich
eindeutig, daß in unserer Gesellschaft aus strukturellen
Gründen (z. B. Rationalisierung, höhere
Arbeitsproduktivität) Arbeit im Verhältnis zum Bedarf immer
weniger angeboten wird, und zwar sowohl im Landwirtschaftssektor, im
produktiven und auch im tertiären Sektor. Auch ein hohes
Wirtschaftswachstum kann an dieser Tatsache voraussichtlich nichts
entscheidendes ändern. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist hier die
Möglichkeit von Teilzeitarbeit und von gesellschaftlich relevanten
Tätigkeiten. In den Entwicklungsländern mag die Lage
z. T. noch anders sein; ich sehe allerdings die Gefahr, daß
dem knappen Arbeitsangebot am Anfang des Entwicklungsweges ohne das
Zwischenglied der Vollbeschäftigung strukturelle Arbeitslosigkeit
folgen könnte.
Ich möchte einige für die Beschäftigung in
Entwicklungsländern wichtige Bereiche nennen, die
möglicherweise auch für uns von Interesse und in Teilen
übertragbar sind:
- Der informelle Sektor erwirtschaftet in manchen
Entwicklungsländern über 50% des Sozialprodukts. Solange
keine anderen Beschäftigungsmöglichkeiten bestehen, ist es ein
wichtiges Anliegen auch der Entwicklungszusammenarbeit, ihn zu erhalten
und zu stärken (z. B. durch Abbau von bürokratischen
Regelungen). Er sollte nicht gegen den formellen Sektor ausgespielt oder
möglichst schnell in diesen überführt werden.
- Mit dem Stichwort "Kultur der Selbständigkeit" ist
der Tatbestand gemeint, daß viele kleine Existenzen in den
Entwicklungsländern zumindest notdürftig ein Auskommen haben
und nicht die Gestellung von Arbeitsmöglichkeiten durch den Staat
oder die Wirtschaft erwarten. Inwieweit dies bei uns tragen kann, ist
fraglich, doch glaube ich, daß hier eine geänderte
Mentalität wünschenswert wäre: Eigeninitiative und
Eigenständigkeit anstelle hoher Erwartungen und Forderungen an
andere.
- Was soziale Sicherungen angeht, so ist das
Sozialversicherungssystem unserer Gesellschaft nicht zuletzt wegen
steigender Arbeitslosigkeit bei Verknüpfung des Systems an das
Erwerbseinkommen auf große Probleme gestoßen. Es kann den
Entwicklungsländern daher nicht unbesehen zur Übernahme
empfohlen werden. Dort ist die Situation sehr unterschiedlich. Breit
angelegte Versicherungssysteme spielen vor allem in Lateinamerika und in
den Transformationsländern eine Rolle. Eine flächendeckende
finanzielle Unterstützung durch die Entwicklungszusammenarbeit ist
wegen der Größenordnungen nicht denkbar, allenfalls Beratung
mit der eben erwähnten Einschränkung zur Übertragbarkeit.
Da solche Systeme im allgemeinen nur Beschäftigte des formalen
Sektors einbeziehen, eignen sie sich im übrigen weniger zur engeren
Armutsbekämpfung. Sie spielen in den Länden Afrikas,
Südasiens und in Indien wegen des geringen Umfanges des formellen
Arbeitsmarktes eine untergeordnete Rolle. Auch für uns sind
möglicherweise Versicherungen mit einem persönlichen
Kapitaldeckungsverfahren interessant, wie sie in einigen
Entwicklungsländern entwickelt wurden (z. B. Chile, Singapur).
In vielen Entwicklungsländern spielen selbstorganisierte, private
soziale Sicherungssysteme eine wesentliche Rolle. Solche Systeme reichen
von Solidaritätsnetzen, die z. B. auf Verwandschafts- oder
Berufszugehörigkeit beruhen, über kooperative Formen bis hin
zu privatwirtschaftlich organisierten Versicherungen. Solche Sicherungen
sollten möglichst auch weiterhin erhalten und unterstützt
werden, jedenfalls so lange stärker formalisierte Systeme nicht
erreichbar und finanzierbar sind. Aus Mitteln der EZ gibt es
Möglichkeiten der Beratung, ggfs. auch von kleineren finanziellen
Beiträgen. In Afrika hängen z. B. etwa 90% der
Bevölkerung von solchen privaten Solidaritätsnetzen ab. Der
Ansatz, daß kleine soziale Einheiten der Nachbarschaftshilfe im
Rahmen bestehender sozialer Strukturen wirksame soziale Absicherungen
aufstellen können, sollte festgehalten werden.
- Soweit einige Gedanken zum Thema der Tagung. Ich habe zu den
kritischen Punkten mehr Fragen gestellt, als Antworten gegeben. Bei der
Komplexität der Frage kann es keine einfachen und schnellen
Lösungen geben. Da die Ursachen und Strukturen in den Ländern
des Nordens, Südens und Ostens unterschiedlich sind, werden sich
auch die Antworten unterscheiden müssen. Ich sehe aber dennoch
Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches und des gegenseitigen
Lernens und auch der Vermeidung von Fehlern und entstandener
Fehlentwicklungen. Bei aller Unterschiedlichkeit sind die Grundfragen
nach ausreichender Beschäftigung, nach sozialer Absicherung und
nach größerer Chancengleichheit ähnlich.
Ich würde mich freuen, wenn die Tagung einiges zur Klärung
beiträgt. Es ist weiterhin aller Anstrengungen wert und es ist
notwendig dafür zu kämpfen, daß die Menschen in allen
Ländern durch die Befriedigung ihrer materiellen und immateriellen
Mindestbedürfnisse ein menschenwürdiges Leben führen
können.