GERMANWATCH-Symposium "Soziale Zukunftsfähigkeit":

Begrüßungsansprache von Holger Baum

Sehr geehrter Herr Staatssekretär, verehrte Gäste und Referenten, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie im Namen von GERMANWATCH sehr herzlich und danke Ihnen und besonders den Referentinnen und Referenten, daß Sie sich die Zeit genommen haben, am Gelingen dieser Tagung mitzuwirken.

GERMANWATCH nutzt seit einigen Jahren den Tag vor dem Nationalfeiertag, um mit Veranstaltungen wie dieser den Blick über den deutschen Tellerrand zu richten. Wie kein anderer Tag im Jahr hat der morgige 3. Oktober für uns Deutsche eine Symbolkraft für die rasanten Veränderungen, die sich in den vergangenen sechs, sieben Jahren auf unserem Globus vollzogen haben. Eben noch waren wir Zeugen des Scheiterns einer politischen Weltidee, da werden mit der „Globalisierung“ der Ökonomie die Konturen einer neuen globalen Ordnung sichtbar, die in allen Winkeln der Erde das alte Koordinatensystem neu zu formieren scheint.

Die neue Ordnung scheint sich selbst zu regeln; sie folgt den Gesetzen des ungebundenen Marktes. Zunehmend werden damit nationale Wirtschafts-, Sozial-, und Gemeinwesen durch externe Faktoren bestimmt, die den Steuerungsmöglichkeiten auf nationalstaatlicher Ebene entzogen sind. Zugleich beobachten wir sowohl in den Industrieländern als auch in vielen Entwicklungsregionen einerseits unübersehbare Verarmungsprozesse und andererseits das Anwachsen unermeßlichen Reichtums in den Händen jener, die das Produktivkapital beherrschen. Zugleich nimmt die Armut der Staaten und staatlichen Institutionen zu. Die Spende von Ted Turner für die UN sagt mehr über diesen Zustand aus als die meisten Abhandlungen, die dazu geschrieben worden sind. Und Ted Turner sagt selbst, daß er mit dieser Spende nicht ärmer als vor neun Monaten geworden ist. 1 Mrd. Dollar betrug sein Zugewinn aus der letzten Aktienhausse. Das ist shareholder value at its best!

Herr Staatssekretär, meine sehr verehrten Damen und Herren, nachdem in den vergangenen Jahren die Zielgröße Nachhaltigkeit bzw. nachhaltige Entwicklung überwiegend in Verbindung mit dem Themenkomplex Umwelt und natürliche Ressourcen diskutiert wurde, scheint es uns nun an der Zeit zu sein, die soziale Nachhaltigkeit im Entwicklungsprozeß in den Mittelpunkt zu stellen. Dies wollen wir heute gemeinsam tun.

Die UNCED-Konferenz 92 in Rio hat ein politisches Leitbild geschaffen, das für Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen gilt und Nachhaltigkeit in einer Trias definiert: Um die Zukunft der Weltbevölkerung zu sichern, müssen drei wesentliche Faktoren in Einklang gebracht werden: umweltverträgliche Nutzung der natürlichen Ressourcen, wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit.

Es wird noch relativ einfach sein, einen - zumindest theoretischen - Konsens über die ökologische Nachhaltigkeit im Entwicklungsprozeß herzustellen. Sobald es um ökonomische und soziale Nachhaltigkeit geht, werden wir uns da vermutlich sehr viel schwerer tun; denn hier sind unmittelbare ökonomische und soziale Interessen berührt.

Bei unserer heutigen Veranstaltung - soziale Sustainability - werden wir vor allem zwei Themenblöcke behandeln: Die Zukunft sozialer Sicherungssysteme und die Zukunft der Arbeit. Wir werden dabei wohl kaum umhin kommen, neben entwicklungspolitischen Perspektiven auch die Probleme in unserem eigenen Land zu behandeln.

Schließlich geht es - getreu dem UNCED-Leitbild - um eine zukunftsfähige Entwicklung im globalen Rahmen. Ich glaube nicht, daß wir - angesichts der sozialen und ökonomischen Herausforderungen in Deutschland - irgendjemandem in der „Entwicklungswelt“ tragfähige Rezepte anbieten können - es sei denn, wir hätten sie in unserem eigenen Land bereits erfolgreich ausprobiert. Aber da sehe ich wenig, was dazu geeignet wäre.

Vielleicht ist es ja so, daß wir selbst - für unser Land - von Modellen aus Entwicklungsländern lernen können. Sicher bin ich mir da freilich noch nicht, am Ende dieses Tages werden wir möglicherweise aber mehr wissen.

Ich gehe also davon aus, daß wir eine spannende und zuweilen auch kontroverse Tagung erleben werden. Sie alle, meine sehr verehrten Damen und Herren, sind herzlich gebeten, durch Ihre Diskussionsbeiträge zu möglichst konkreten Ergebnissen beizutragen.

Gewiß ist es kaum möglich, bei einem eintägigen Symposium auf überaus komplexe Fragen umfassende Anworten zu finden. Gleichwohl kann diese Tagung einige wichtige Impulse geben - für eine nachhaltige soziale und wirtschaftliche Entwicklung sowohl bei uns als auch in Ländern des Südens. Das Leitbild einer zukunftsfähigen Entwicklung ist unteilbar.

Zum Schluß noch eine Bitte zur Vereinfachung des technischen Prozederes: Tragen Sie sich bitte unbedingt in die Liste der Arbeitsgruppe ein, in der Sie mitarbeiten möchten. Die Listen liegen direkt am Ausgang. Die Arbeitsgruppen treten unmittelbar nach dem Mittagessen zusammen, und wir treffen uns alle nach der Kaffeepause wieder hier im Plenum.

Bevor ich das Wort an den Staatssekretär im BMZ, Herrn Hedrich, übergebe, ist es mir ein besonderes Anliegen, all denen zu danken, die am Zustandekommen dieses Symposiums mitgewirkt haben und ohne deren Einsatz dieses ambitionierte Projekt nicht möglich geworden wäre.

Insbesondere danke ich den Mitgliedern einer offenen Arbeitsgruppe von GERMANWATCH, die im Laufe dieses Jahres mehrfach zusammentraf und sich ausführlich mit den inhaltlichen Vorbereitungen befaßte.

Danken möchte ich auch für die freundliche Unterstützung

Ich wünsche uns allen anregende Debatten und einen erfolgreichen Verlauf der Tagung. Herzlichen Dank.


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zuletzt geändert am 08.02.1998 von Frank Plößel