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Grenzen des Wachstums?
 
In jüngster Zeit wird wieder verstärkt eine Frage diskutiert, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als "Grenzen des Wachstums" bezeichnet wurde: Brauchen wir eine Strategie, die das ökonomische Wachstum begrenzt, wenn die Klima- und andere Umweltfragen gelöst werden sollen? Diese notwendige Diskussion wird allerdings meist eher ideologisch und moralinsauer als ernsthaft geführt. Man spielt hier mit Fragen, die - von ökologischer oder sozialer Seite - über die Existenz von unzähligen Menschen entscheiden werden. Möglicherweise sind wir in einer dilemmaartigen Situation, in der eine soziale Katastrophe - von der einen oder anderen Seite herkommend - unausweichlich ist. Weder mit der Kritik noch mit der Unterstützung der Wachstumsspirale sollte man es sich dabei zu einfach machen. Zehn Gedanken dazu: 

Erstens: Zunächst einmal scheint eine Klärung notwendig. Was wächst? Die bereits erreichten Grenzen des Wachstums beziehen sich nicht auf das ökonomische Wachstum, sondern auf das Wachstum des Ressourcenverbrauchs. 

Zweitens: Es scheint aber eine zwangsläufige Folge des Entropiesatzes (2. Hauptsatz der Thermodynamik), dass jedes ökonomische Wachstum, mit einem Ressourcenverbrauch - wie gering auch immer - verknüpft ist. Also: irgendwann gibt es auch eine - im vorhinein nicht genau bekannte - harte Grenze für das ökonomische Wachstum. (Es sei denn, wir besiedeln andere Welten.

Drittens: Eine der bemerkenswertesten Folgerungen der IPCC-Auswertung von Hunderten von Szenarien in ihrem Sonderbericht Emission Scenarios, die bis ins Jahr 2100 reichen, ist: In den nächsten Jahren ist eine Strategie des verstärkten Wachstums, allerdings eines qualifizierten ökonomischen Wachstums (bestimmte Branchen schrumpfen, andere überkompensieren dieses durch ihr starkes Wachstum) am besten geeignet, die Nutzung der Ressourcen zu mindern und zugleich die Lösung sozialer Fragen zu ermöglichen.

Dies erklärt sich vor allem aus zwei Tendenzen: Zum einen ist die Wirtschaft in den Industrieländern und Schwellenländern so wenig nachhaltig aufgebaut, dass ein schneller Umbau dieses Kapitalstocks notwendig ist, um ehrgeizige Umweltziele zu erreichen. (Schneller Umbau des Kapitalstocks kann nur bei hohem Wachstum durchgeführt werden). Zum anderen besteht in Entwicklungsländern durch die wachsende Bevölkerungszahl und deren Nachholbedarf eine erhebliche Notwendigkeit, neue Infrastrukturen aufzubauen. Auch dies kann - auch unter dem Aspekt einer Ressourcen-Effizienz - nur dann optimal geschehen, wenn wir in den kommenden Jahrzehnten ein hohes qualifiziertes Wirtschaftswachstum haben.

Viertens: Diese Strategie ist insoweit riskant, als das bisherige ökonomische Wachstum die Fortschritte in der Ressourcen-Effizienz zunichte macht. Der Produktionsfaktor Umwelt muss deshalb deutlich stärker belastet werden - sei es durch Mengen- oder Preisziele (Emissionshandel oder Umweltabgaben und -steuern), um diesen Trend umzudrehen. Ohne diese Rahmensetzung ist ökonomisches Wachstum als solches keine Lösungsstrategie. 

Fünftens: Derzeit bedeutet wachstumslose Gesellschaft eine weitere Zunahme von Arbeitslosigkeit. Eine Verlagerung der Soziallasten vom Produktionsfaktor Arbeit auf den Produktionsfaktor Kapital würde der wachsenden Kluft von Arm und Reich entgegenwirken und zugleich mehr Arbeitsplätze generieren. Die Belastung des Produktionsfaktors Kapital bedarf in einer globalisierten Welt aber aus Wettbewerbsgründen einer internationalen Abstimmung. (In den letzten Jahren haben wir den deutlichen Gegentrend erlebt und dementsprechend eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich). 

Sechstens: Selbst wenn es für einige Zeit gelingt, durch eine Steigerung der Ressourceneffizienz das Wachstum der Wirtschaft deutlich zu kompensieren, wird das nach dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens nicht unbegrenzt möglich sein. Irgendwann, vielleicht schon in wenigen Jahrzehnten, kann deshalb die Weltwirtschaft nur noch um den Preis der ökologischen Selbstzerstörung weiter wachsen.

Siebtens: Bis zu diesem Zeitpunkt ist es notwendig, das Sozialsystem, das bislang wesentlich auf dem ökonomischen Wachstumsprinzip beruht, auf eine neue Grundlage zu stellen. (Die soziale Frage wird bisher dadurch entspannt, dass sowohl Kapitalseite als auch Arbeitnehmer vom Zuwachs profitieren). Ohne diesen Umbau wäre eine Strategie des Wachstumsstopps nur um den Preis erheblicher sozialer Probleme und Spannungen zu erreichen. Nur zwei Beispiele: Sowohl die umlagenbezogenen als auch die privaten Rentenversprechen beruhen auf angenommenem Wirtschaftswachstum; oder: Ohne Wachstum kann es keine allgemeine Einkommenszunahme, sondern nur noch Umverteilungen geben. 

Achtens: Die immense Schwierigkeit besteht nicht darin, sich eine praktisch wachstumslose Gesellschaft vorzustellen. Vom 5. bis zum 12. Jahrhundert gab es das im Wesentlichen in Europa. Auch heute noch ist prinzipiell, wie Gandhi bemerkte, genug da, um die Bedürfnisse von allen zu befriedigen, nicht aber ihre Gier. Aber der Phasenübergang von einem dynamisch wachsenden System zu einem nicht wachsenden System ist sehr schwer und möglicherweise nur über den Zusammenbruch des Systems herstellbar. Relativ problemlos ist, wenn es in Teilen der Weltwirtschaft oder auch in der Gesamtwirtschaft für einige Zeit kein Wachstum gibt. Aber eine dauerhafte weltweite Rezession (oder Nullwachstum) würde vermutlich zu einer sich selbst dynamisierenden Abwärtsspirale und zu einem Zusammenbruch des Währungssystems führen. Dies liegt u.a. an den immensen Mengen an aufgenommenen Krediten, die mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt werden müssen, was bei einer Dauerrezession nicht vorstellbar ist.

Ohne einen "Umbau" des Zinsmechanismus wird es wohl nicht zu einer wachstumslosen Gesellschaft kommen. Ohne Zins wird aber wesentlich weniger gespart werden. Das Gesparte ist, volkswirtschaftlich gesehen, aber das Geld, das für Investitionen zur Verfügung steht (Menge des Gesparten = Investitionssumme). Dies zeigt noch einmal, dass wir uns in einer Zeit, in der ein enormer Umbaubedarf besteht, keinen generellen ökonomischen Wachstumsverzicht leisten können.

Neuntens: Die bisherigen Überlegungen gehen von einem - wenn auch moderater werdenden - Wachstum der Weltbevölkerung aus. In einigen Jahrzehnten wird es aber vermutlich eine abnehmende Weltbevölkerung geben. Eine Stabilisierung der Weltwirtschaftsleistung könnte dann immer noch mit einer Steigerung der pro Kopf zur Verfügung stehenden (inflationsbereinigten) Geldmenge einhergehen. Es wäre zu prüfen, ob diese Veränderung eines der maßgeblichen Trends tatsächlich einen Ausstieg aus dem Wirtschaftswachstum erleichtern würde. 

Zehntens: Vorübergehend kann nur die Strategie zielführend sein, die das Wachstum der Sektoren fördert, die für den zukunftsfähigen Umbau der Infrastruktur benötigt werden. Diese Strategie wird aber irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Ob sich diese ökologische Einsicht - der Grenzen auch des ökonomischen Wachstums - in Zukunft durchsetzen lässt, ist sehr zweifelhaft.

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Der Globale Klimawandel:
Das perfekte Verbrechen?

Abb.3: Nachhaltige Entwicklung (Darstellung: GERMANWATCH, 2002)

 


zuletzt geändert am 12.9.02