Startseite  >  Klima  >  Entwicklung  >  Das perfekte Verbrechen?
Das Engagement der Einzelnen
 
Jede und jeder Einzelne kann viel zum Klimaschutz beitragen. Indem sie oder er politisch aktiv wird, den Klimaschutz bei der Abgabe seines Wahlzettels berücksichtigt, seine Abgeordneten auf dieses Thema anspricht, sich an Protestaktionen gegen die schleppende Umsetzung der Klimaschutzziele beteiligt. Jede und jeder kann auch seine Geldscheine als Stimmzettel für den Klimaschutz benutzen. Einerseits durch den Kauf von klimaschonenden Produkten, Geräten und Dienstleistungen, andererseits durch die Anlage des eigenen Geldes nach ökologischen und sozialen Kriterien. 

(1)  Politisches Engagement

Das demokratische Prinzip sieht vor, dass die, die von Entscheidungen betroffen sind, auch über diese mitentscheiden sollen. Dieses Prinzip wird im Bereich des globalen Klimawandels in eklatanter Weise verletzt. Die Betroffenen leben in erster Linie in den Entwicklungsländern, die Entscheider aber überwiegend in den Industrieländern. 

Das Dilemma besteht darin, dass die Politik ein Problem nur und erst dann angeht, wenn sie andernfalls von der Bevölkerung abgestraft würde. Mit anderen Worten, wenn es irgendwie wahlrelevant erscheint. Wie viele Menschen werden im Wahlkampf zu den Bewerbern um ein Abgeordnetenmandat gehen und darauf drängen, beim Thema Klimaschutz konkrete Zusagen zu erhalten? Dem Thema "Klimaschutz" muss also politisch ein deutlich größerer Stellenwert eingeräumt werden.

Das ist nach den oben dargelegten Mechanismen nur möglich, wenn die Bevölkerung in den Industrieländern die Politiker zum Handeln auffordert. Die beeindruckende Langsamkeit der Reaktion von Politik, Wirtschaft und Technologie auf das immer drängendere Problem des globalen Klimawandels fordert zunehmend Protest heraus. Bei den UN-Klimagipfeln in Den Haag und Bonn gab es erstmals größere Demonstrationen. 

Für die Probleme der Menschen, deren Häuser von Stürmen weggefegt werden, die sich vor Fluten auf Bäume und Hügel retten müssen, die sich in bisher davon unberührten Regionen mit Malaria herumschlagen müssen, ist in Politik, Wirtschaft und Technologie wenig Platz, ohne den Druck auch der nicht so unmittelbar betroffenen Bürger und Bürgerinnen. Die Sensibilität oder Empathie für die (potentiellen) Opfer des globalen Klimawandels ist die treibende Kraft der Proteste. Sie ist zugleich ein wesentlicher Gradmesser für die Zivilisiertheit einer Gesellschaft, sich auch für Belange anderer einzusetzen. 

Der Antrieb des Protestes liegt meist in solchen existentiellen Motiven. Seine Überzeugungskraft schöpft er, wenn er nicht von den Betroffenen selbst vorgetragen wird, vor allem aus drei Quellen. Erstens aus einem glaubwürdig erscheinenden Lebens- und Arbeitsstil, der in Einklang mit den gegenüber der Gesellschaft erhobenen Forderungen zu bringen ist. Zweitens aus der seltsam gewaltfreien Überzeugungskraft guter moralischer Argumente. Drittens aus der ebenso überzeugenden Wirkkraft wissenschaftlicher Argumente. Anders als bei einigen anderen Protestthemen kann beim globalen Klimawandel der Protest seine wissenschaftlichen Argumente aus dem etablierten Kenntnisstand der Wissenschaft ziehen. Es ist kaum damit zu rechnen, dass Politik, Wirtschaft und Technologie ohne den Druck eines wissenschaftsbasierten Protestes sich in einer Weise transformieren, dass die schlimmsten Folgen des globalen Klimawandels noch abgewendet werden können. 

Bei wirklich nennenswertem Protest wäre es angesichts des immer eindeutigeren Standes der wissenschaftlichen Debatte schwer für Politik, Wirtschaft und Technologie, ohne Strukturveränderungen aus dem Säurebad einer funktionierenden Öffentlichkeit hervorzugehen. Werden es die großen Umwelt- und Entwicklungsverbände wagen, zehn Jahre nach Rio zu einer wirklichen Großdemonstration aufzurufen?
 

Der Globale Klimawandel:
Das perfekte Verbrechen?
(2)  Konsumentscheid

KonsumentInnen und ArbeitnehmerInnen können den Trend des ökonomischen Systems vor allem über drei Kanäle beeinflussen. 

Erstens agieren wir alle als KonsumentInnen und können unser Geld als Stimmzettel für den biologischen Landbau, für Erneuerbare Energie-Anlagen, für effiziente Heizungsanlagen, für klima- und umweltverträglichen Verkehr usw. ausgeben und damit für den Aufbau entsprechender Kapazitäten "stimmen". Anders als die WählerInnen können sie durch ihre "Stimmabgabe mit dem Geldschein auch über nationale Grenzen hinweg Einfluss ausüben. Gerade multinationale Konzerne, die nah am Markt eine Marke zu verteidigen haben, sind anfällig gegenüber Kampagnen, Boykott-Aufrufen, schlechten Ratings oder Berichten in Ökotest usw.. Allerdings muss eingeräumt werden, dass die Transparenz, die Grundlage dafür ist, dass auch Unternehmen sich dem rationalitätssteigernden Säurebad der Öffentlichkeit unterwerfen müssen, meist noch unterentwickelt ist. Selbst wenn es Einschätzungen des ökologischen und sozialen Verhaltens von Unternehmen gibt, gelangen diese nicht an die meisten KonsumentInnen. Hier gibt es auch für die Politik viel zu tun.

Zweitens sparen viele von uns und legen ihr Geld an. Bei der Geldanlage gibt es inzwischen eine Vielfalt an ethischen, ökologischen und sozialen Anlagemöglichkeiten. Die erste Generation von derartigen in Deutschland angebotenen Fonds waren im wesentlichen Umwelt-Branchenfonds. Gearbeitet wurde vor allem mit Ausschlusskriterien. Meist musste eine schlechtere Rendite als sie sonst im Durchschnitt zu erwarten war hingenommen werden. Seit einigen Jahren setzen sich immer mehr nach dem "best in class"-Ansatz zusammengestellte Fonds durch. Diese schließen meist nur wenige Branchen aus - etwa Rüstung, Atomkraft, Gentechnik - suchen sonst aber in jeder der Branchen den oder die Spitzenreiter, was soziale und ökologische Nachhaltigkeit angeht. Dadurch soll in diesen Branchen ein "Wettlauf nach oben" ausgelöst werden. Wenn man die Bemühungen der Deutschen und Britischen Telekom beobachtet, bei diesem Wettlauf - etwa bei der Bewertung des Dow Jones Sustainability Index - die Nase vorn zu haben, dann scheint dies zumindest gelegentlich zu gelingen. Bei der Rendite können diese Fonds mit anderen Fonds normalerweise gut mithalten. Interessanterweise weist der Natur-Aktien-Index, der besonders strikte Kriterien anlegt, sogar eine besonders hohe Rendite aus.

In Großbritannien haben sich auch Fonds nach dem Ansatz der "konstruktiven Beeinflussung" breit durchgesetzt. Dabei wird nur nach Renditegesichtspunkten angelegt, aber das Fondsmanagement verpflichtet sich, bei bestimmten ökologischen und sozialen Fragestellungen positiven Druck gegenüber dem Unternehmensmanagement - manchmal bis hin zum Stimmverhalten - zu machen.

Insgesamt gibt es jedenfalls kaum noch einen Grund, sein Geld einem Sparbuch oder Fonds anzuvertrauen, die keine der genannten Kriterien berücksichtigen. Souveräne KonsumentInnen bzw. GeldanlegerInnen können gegenüber jedem Unternehmen dreifach reagieren: mit dem Geldschein abstimmen, protestieren oder abwandern (vgl. Deml/Weber, 1999; Schneeweiss, 1998).

Drittens können viele von uns auch als Arbeitende unsere lebensweltlichen Erfahrungen und ethischen Ziele in ökonomische Logik übersetzen. Das gemeinhin als zentral eingestufte Kampfmittel der Arbeitnehmer ist der Streik. Der Arbeitskampf im Rahmen einer gewerkschaftlichen Tarifrunde ist heute in der Rechtsordnung integriert. Allerdings haben die Gewerkschaften, nachdem weltweit der Wettbewerb zwischen kapitalistischem und sozialistischem System durch den Standortwettbewerb im Rahmen eines fast weltweiten kapitalistischen Systems ersetzt wurde, deutlich an strategischer Stärke eingebüßt. Mit dem Wegfall des Systemwettbewerbs kann die Gewerkschaft brüskiert werden, ohne Tendenzen hin zu einem sozialistischen System Vorschub zu leisten. Durch den Standortwettbewerb verringert sich zudem das Interesse von Unternehmen, dem Druck von Gewerkschaften nachzugeben. Es ist allerdings ohnehin nicht zu erwarten, dass die Gewerkschaften einen politischen Streik - oder gar einen Generalstreik - ausrufen, um eine stringentere Klimaschutzpolitik durchzusetzen. Aber es gibt viele legale und weniger spektakuläre Handlungsmöglichkeiten von Arbeitnehmern.

Warum kann die Frage, ob das Unternehmen ein klimapolitisches Risikomanagement hat, nicht zum Thema einer ein- bis zweitägigen Betriebsversammlung werden, bei der der Arbeitgeber zur Lohnfortzahlung verpflichtet ist? Auch den bereits in Ansätzen genutzten Möglichkeiten der ökologischen Gestaltung der Tarifverträge wurde bislang viel zu wenig Beachtung geschenkt. Es ist durchaus davon auszugehen, dass gerade die umworbensten Arbeitnehmer sich ihren Arbeitsplatz auswählen können. Warum sollte ein auf dem Arbeitsmarkt umworbener Experte bei Exxon oder anderen klimapolitischen Schmuddelkindern arbeiten und sich einer kritischen Öffentlichkeit stellen, statt sich einen ebenso gut bezahlten Arbeitsplatz bei einem Unternehmen mit besserem Image zu suchen? 

Wenn Gewerkschaften sich auch für Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen stark machen, dann sollten sie ein genuines Interesse daran haben, dass ein wachsender Teil der Belastung des Produktionsfaktors Arbeit auf den Produktionsfaktor Umwelt umgeschichtet wird. Nicht umsonst unterstützt der DGB seit Jahren die ökologische Steuerreform.

(3)  Weniger Konsum oder mehr Technik? 

Auf den ersten Blick scheint eine möglichst genügsame Lebensweise der wirksamste Weg zum Klimaschutz zu sein: Verursacht doch das Vermeiden von Emissionen und die Beschränkung auf das Notwendige eine geringere Belastung der Atmosphäre.

Doch eine politische Strategie, die den Klimaschutz auf diese Weise durchsetzen will, scheint zum Scheitern verurteilt. Der Grund für den Fehlschluss liegt darin, dass sich Individuen sehr wohl (freiwillig) für Suffizienz entscheiden können, die Wahrscheinlichkeit aber, dass dies ganze Industriegesellschaften tun, die aus Millionen von Individuen bestehen, hingegen sehr gering ist: Der Anteil überzeugter Ökologen wird selten die 5-Prozent-Marke überschreiten. Und im Zeitalter des wirtschaftlichen Wachstumszwangs stehen diese Menschen auch dauerhaft unter Legitimationsdruck - sie schaffen nicht nur wenig Umweltprobleme, sondern auch wenig Arbeitsplätze. 

Da nun nicht anzunehmen ist, dass ganze Industriegesellschaften (freiwillig) durch Verzicht das Klimaproblem angehen werden, bleibt als weitere Strategie, dass die bestehenden Anlagen im Energie- und Verkehrssektor möglichst schnell durch moderne, effiziente und klimafreundliche Technologien ersetzt werden. Ein solcher Ersatz bedarf jedoch hoher Investitionen (bzw. hoher volkswirtschaftlicher Ersparnisse), so dass dies am ehesten in einem Umfeld hohen wirtschaftlichen Wachstums erfolgen kann. Allerdings werden die Investitionen nur dann tatsächlich klimapolitischen Fortschritt bringen und nicht vom Wachstumseffekt eingeholt werden, wenn die entsprechenden politischen Entscheidungen für klimafreundliche Rahmenbedingungen getätigt werden.

Der dargestellte Zusammenhang erklärt, weshalb unter den weltweiten Emissionsszenarien des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) diejenige Szenarienfamilie unter Klimaaspekten am besten abschneidet, die ökologisch orientiert ist und zugleich hohe wirtschaftliche Wachstumsraten aufweist.

Dies soll niemanden entmutigen, persönlich auf eine Suffizienzstrategie zu setzen. Wenn die Gesellschaft erst einmal "klimaverträglich" umgebaut ist, dann wird die notwendige Umorientierung weg von der Wachstumsgesellschaft maßgeblich auf den von diesen Pionieren gewonnen Erfahrungen aufbauen.

Weiter...

Abb. 1: Labelcollage (Quelle: GERMANWATCH)


zuletzt geändert am 12.9.02