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Eine Herausforderung für Ernährungsicherheit und Artenvielfalt

Risiken des Agrofuel-Booms werden deutlicher

China zieht als erster großer Akteur die Notbremse, angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Risiken des Agrofuel-Booms für Ernährungssicherheit und Artenvielfalt. Mitte September verhängte die chinesische Regierung zunächst bis 2010 ein Moratorium für Bioethanol-Projekte aus Getreide. Sie untersagte vorübergehend ausländische Investitionen in chinesische Biokraftstoff-Anlagen. Letztes Jahr wurden in China gut zehn Prozent der Maisernte in Ethanol verwandelt. Allein im August waren die Verbraucherpreise durch die erhöhten Nahrungsmittelpreise um 6,5 Prozent gestiegen.

Agrofuels und Ernährung

Nicht nur in China steigt der Getreidepreis, der Weizenpreis hat sich weltweit innerhalb eines Jahres bis Mitte 2007 verdoppelt. "Mehr Mais im Tank bedeutet mehr Hungernde in Entwicklungsländern", warnte Stefan Tangermann, OECD-Direktor für Handel und Landwirtschaft. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit.

Zwar sind steigende Getreidepreise eine Herausforderung für viele der drei Milliarden Menschen, die von weniger als zwei Euro am Tag leben müssen. Andererseits ist die Hälfte aller Hungernden weltweit Kleinbauern, die im Prinzip von den steigenden Getreidepreisen profitieren könnten.

Entscheidende Fragen

Die Antworten auf zwei Fragen entscheiden darüber, ob die Vor- oder Nachteile überwiegen werden.

Erstens: Wird als Reaktion auf steigende Getreidepreise die Produktion ausreichend und nachhaltig steigen, um die auch schon durch Bevölkerungswachstum und Umstellung auf Fleischkonsum wachsende Nachfrage zu decken? Oder wird die wachsende Zahl von Wetterextremen - wie in diesem Jahr Dürren in Australien, in der Ukraine und Rumänien sowie heftige Überschwemmungen und aktuell in 18 afrikanischen Staaten - die Hoffnung auf Rekordernten zunichte machen? Seit 1999 sinken die Weltweizenvorräte, haben sich schon fast halbiert. Die Preise steigen und schwanken stärker als zuvor.

Und zweitens: Werden die Not leidenden Kleinbauern tatsächlich an der Wertschöpfung beteiligt und so vom Agro-Sprit-Boom profitieren? Die meisten Entwicklungsländer haben in der Vergangenheit ihre Bauern vernachlässigt und subventionierte Überschussexporte aus den Industrieländern - auch aus Deutschland - machten ihnen das Leben schwer. Investoren setzen in erster Linie auf internationale Großkonzerne mit großen Agrospritplantagen in Entwicklungsländern. Kleinbauern haben bisher wenig von den im letzten Jahr in den Aufbau der Industrie investierten 2,8 Milliarden US-Dollar gesehen.

Würden beide offenen Fragen tatsächlich negativ beantwortet, dann wird die Befürchtung von Lester Brown vom Earth Policy Institute Realität: "Die Bühne ist frei für den Konflikt zwischen den 800 Millionen Autobesitzern, und den weltweit zwei Milliarden Allerärmsten."

Agrofuels, Klimaschutz und Artenvielfalt

Die schnell wachsende Nachfrage nach Futtermitteln und Biodiesel lässt auch Soja- und Palmölpreise steigen. Satellitenbilder zeigen, dass dies größeren Abholzungsdruck für den Regenwald in Brasilien, Kolumbien oder Indonesien bedeutet. Passiert das, wird Agro-Sprit, dessen Energiebilanz bislang nicht sehr gut ist, zum Killer für das Klima und die Artenvielfalt. Wer mit Biomasse das Klima schützen will, würde ohnehin eher Kohle statt Öl ersetzen. Die Energiebilanz der eingesetzten Biomasse, etwa von Biogas, ist besser und beim Ersatz von Kohle wird das Doppelte an Treibhausgasen eingespart.

Christoph Bals
 

Erschienen in: GoingPublic 10/2007
 


zuletzt geändert am 8.10.07