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UN-Klimagipfel in Posen 2008

Flugverkehr: Korridore sperren, in denen Kondensstreifen auftreten?

Kurzbericht vom 10.12.2008
 
Der internationale Flugverkehr zählt zu denjenigen Sektoren, der sich der Verantwortung für seine Emissionen entzieht und wo bisher keine Emissionsbegrenzung besteht. Am Mittwoch Mittag hat die EU-Kommission in ihrem Pavillon im Rahmenprogramm zu einer Veranstaltung zum Flugverkehr und seinem Einbezug in den Europäischen Emissionshandel eingeladen. Die Veranstaltung ist mit dem EU-Kommissar Stavros Dimas und dem Europaparlamentarier Peter Liese, dem Berichterstatter im Europarlament für das Thema Einbezug des Flugverkehrs in den EU-Emissionshandel,  hochrangig besetzt. Weiterhin sind ein Mitarbeiter des US-Senators Frank R. Lautenberg aus New Jersey und zwei Vertreter der EU-Kommission auf dem Podium.

Kommissar Dimas führt zu den EU-Klimazielen (minus 30 % bis 2020, wenn andere mitmachen), zum Emissionshandel allgemein und folgend zum EU-Emissionshandel (er ist seit Januar 2005 in Kraft) wie auch zum Einbezug des Flugverkehrs (das wird am 1. Januar 2012 anfangen) ein und geht auch grundsätzlich auf die Analyse der Herausforderung Klimaänderung ein: Bei einer Erwärmung von mehr als zwei Grad würden Irreversibilitäten auftreten, und vielleicht sei selbst das schon zuviel für den Planeten (die Schmelzprozesse in der Arktis gingen viel schneller als erwartet). Kurz geht er auf den Stimmungswechsel in den USA ein, erwähnt, dass er positive Signale von Seiten der zukünftigen US-Administration im Gegensatz zur bisherigen wahrnehme. US- Präsident Bush hätte nämlich noch in diesem Jahr in einer gemeinsamen Veranstaltung mit ihm angekündigt, es sei vorgesehen, ab 2025 mit der Emissionsreduktion zu beginnen. Als Kommissar Dimas sich vorzeitig verabschiedet, um einen anderen Termin wahrzunehmen, spricht er persönlich Peter Liese (EVP) an und nennt ihn im Zusammenhang mit seinem Einsatz und Erfolg zu Flugverkehr und Emissionshandel einen "Helden".

Peter Liese beschreibt anschließend detaillierter die Entstehung des Beschlusses zum Flugverkehr: Man hatte in Kyoto das Mandat an die UN-Sonderorganisation für Zivilluftfahrt (ICAO) erteilt, sich um Emissionsreduktionen in diesem Sektor zu kümmern. Doch zehn Jahre lang sei nichts passiert. Man könne nicht erlauben, dass die Emissionen in einem Sektor jährlich um 4 % wüchsen. Wenn man in einem Unternehmen einen Mitarbeiter hätte, dem man einen Auftrag erteilt hat, und er würde nach zehn Jahren nicht nur nichts zustande bringen, sondern auch noch andere davon abhalten wollen, dass sie etwas machen, würde man ihn feuern. Im Flugverkehr hat deshalb die EU die Initiative ergriffen und sich für den Einbezug des Flugverkehrs in den Emissionshandel entschieden (bei der finalen Abstimmung im Europaparlament mit 640:30 Stimmen). Andere Staaten oder Regionen seien aufgerufen, auch etwas zu unternehmen und dem EU-Regime beizutreten.

Peter Liese räumte ein, dass es ihm nicht gelungen sei, bei der Bewertung der Flugverkehrsemissionen aufgrund deren besonderer Klimawirksamkeit einen Multiplikator (Radiative Forcing Index, RFI) durchzusetzen. Hier würde die Wissenschaft beauftragt, diesen Sachverhalt weiter zu untersuchen.

In der Aussprache mit dem Plenum stellte Germanwatch-Verkehrsreferent Dr. Manfred Treber die Frage, was davon zu halten sei, parallel mit der wissenschaftlichen Untersuchung der Erwärmungswirkung zu überlegen, welche Maßnahmen in Frage kämen, um die klimaschädlichen Kondensstreifen gar nicht erst entstehen zu lassen. Wissenschaftlich sei bekannt, unter welchen Umständen (etwa Luftfeuchtigkeit) sie auftreten - das ist bei etwa 10 % des Fluges der Fall. Treber schlägt vor, dass einfach jene Lufträume von der Flugsicherung gesperrt werden, in denen die Kondensstreifen auftreten könnten. Peter Liese würdigt dies als interessanten Vorschlag, der ihm gut gefiele.

Der US-Vertreter wollte vor allem überzogene Erwartungen an die kommende neue US-Administration dämpfen. Die USA seien beim Thema Emissionshandel Jahre hinterher. Dies ließe sich nicht so schnell aufholen, aber der Wille sei vorhanden.

Schließlich trugen die beiden Vertreter der EU-Kommission im Detail Ausgestaltungen der Richtlinie zum Einbezug des Flugverkehrs in den Emissionshandel vor. Die projizierten Auswirkungen auf den realen Flugverkehr sind aus Sicht des Klimaschutzes enttäuschend. Die Fluggastnachfrage nach Flügen wird nach zugrundeliegenden Untersuchungen kaum zurückgehen. Immerhin würden die absoluten Emissionen sinken (um 125 Mio. t CO2 in 2012, um 225 Mio. t im Jahr 2020), weil sie emissionsmäßig an anderer Stelle eingespart würden ("offset"). Die Auktionierung der Emissionserlaubnisse wird 0,5 - 1,5 Mrd. Euro pro Jahr generieren, die bei entsprechenden politischen Beschlüssen etwa für Anpassungsmaßnahmen in von der Klimaänderung besonders betroffenen Ländern zur Verfügung stehen. Dass gerade diese Länder besonders wenig zu den Emissionen des Flugverkehrs beitragen und entsprechend auch wenig von den ggf. im Klimaprozess noch zu beschließenden Reduktionsmaßnahmen betroffen wären, wurde sehr anschaulich mithilfe einer einminütigen Simulation der täglichen weltweiten Flugbewegungen deutlich gemacht, die die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erstellt hat (http://radar.zhaw.ch/resources/airtraffic).

Manfred Treber und Dörte Bernhardt 
 

>> Weitere Kurzberichte vom UN-Klimagipfel in Posen 2008
 


>> 60-Sekunden-Film: Simulation der täglichen weltweiten Flugbewegungen
(erstellt von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften)
 


Veranstaltung der EU-Kommission zu Flugverkehr am 10.12.08. 
V.l.n.r.: Peter Liese (EVP), R. Andreas Kraemer (Ecologic Institute), Arvin Ganesan (Mitarbeiter des US-Senators Frank R. Lautenberg), Stavros Dimas (EU-Umweltkommissar)
Foto: Manfred Treber
 

 


zuletzt geändert am 26.7.10