Derzeit läuft von den USA ausgehend eine beispiellose Kampagne gegen dort und international geplante Klima- und Energiegesetze. Auch der Weltklimarat IPCC gerät in die Kritik. Einen Fehler hat er bereits eingeräumt - im Sachstandsberichts wurde eine Studie zitiert, die meinte vorhersagen zu können, dass die Eismassen im Himalaya bereits im Jahr 2035 abgeschmolzen sein könnten. Bereits im 2008 veröffentlichten Rowohlt-Buch "Die Welt am Scheideweg" hatte Germanwatch darauf hingewiesen, dass solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen seien, da für die meisten Gletscher im Himalaya keine regelmäßigen Messungen der veränderten Eismasse vorliegen. Keine Frage - in den mehreren tausend Seiten der IPCC-Berichte werden sich noch mehr Detailfehler finden. Widersprüche zu erkennen und zu versuchen, bessere Erklärungen zu finden, dreht das Rad der Wissenschaft. Hypothesen bewähren sich oder werden widerlegt. Alle fünf bis sieben Jahre stellt ein neuer IPCC-Bericht den wissenschaftlichen Fortschritt dar. Kürzlich wurde zudem ein Inter Academic Council von Ban Ki Moon damit betraut, entstandene offene Fragen beim IPCC-Sachstandsbericht zu klären.
Nichts an den Kernaussagen der Klimawissenschaft wankt jedoch. Die menschgemachten Treibhausgasemissionen sind der Hauptfaktor der in den letzten Jahrzehnten global beobachtbaren Aufheizung um etwa 0,8 Grad. Selbst bei einem sofortigen Stopp der Emissionen würde sich die Erde - aufgrund der Trägheit des Systems - im Durchschnitt nochmals um fast ein Grad aufheizen. Zugleich werden die Risiken bei einem Temperaturanstieg von 1,5 bis drei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit immer größer. Irgendwo in dieser Bandbreite besteht die Gefahr, dass die Risiken für viele Regionen - vor allem in den Ländern des Südens - unbeherrschbar werden. Das Zwei-Grad-Limit, auf das sich die Weltgemeinschaft nach jahrelanger Diskussion geeinigt hat, ist ein Kompromiss zwischen dem noch Erreichbaren und dem Notwendigen. Selbst wenn es eingehalten werden kann, werden erhebliche Anpassungsbemühungen erforderlich.
Die Öl- und Kohleindustrie hat vor Kopenhagen verstanden, dass die Debatte um den Umbau des fossil angetriebenen Wohlstandsmotors beginnt, ernst zu werden. Nie seit dem weltweiten Ringen um das Kyoto-Protokoll gab es eine besser geölte Industrielobby. Gezielt versucht sie, die notwendige Debatte um Detailaussagen des IPCC in eine Grundlagenkritik an den Fundamenten der Klimawissenschaft umzuinterpretieren. Ihr Motto: "Ist der Zweifel gesät, haben wir die politische Debatte gewonnen". Das jüngst erschienene Buch Climate-Cover-Up von James Hoggan zeigt wichtige Strategien, Taktiken und Köpfe hinter dieser "Nebelwerferindustrie" auf.
Mit jeder Verzögerung wird wirkungsvoller Klimaschutz teurer. Je länger weltweit hunderte Milliarden Euro in die CO2-intensive Energie-, Verkehrs- und Gebäudewirtschaft investiert werden, umso steiler wird der notwendige Emissionsabstieg danach - und umso kostspieliger. Wenn der Höhepunkt der Treibhausgasemissionen weltweit nicht in diesem Jahrzehnt erreicht wird, ist schon zu viel des verbleibenden "Emissionsbudgets" verbraucht und das Erreichen des Zwei-Grad-Limits kaum noch finanzierbar. Wer hingegen jetzt in den notwendigen Umbau einschwenkt, erntet nicht nur verringerte Klimarisiken, mehr Wasser- und Ernährungssicherheit und weniger Krankheiten, sondern auch mehr Energiesicherheit und zukunftsfähige Arbeitsplätze.
Die Strategie der "Nebelwerferindustrie" stellt seriöse Klimawissenschaftler vor Probleme. Die Wissenschaft lebt vom Stachel des Zweifels, und es ist ihr Kerngeschäft, Details der bisherigen Hypothesen - etwa über Klimawandelfolgen - in Frage zu stellen. Manchmal führt dies zu einer Verschärfung der Aussagen, manchmal zu einer Abschwächung. Dabei ist es interessant zu sehen, wie stabil trotz solcher Schwankungen die Kernaussagen seit den 1980er Jahren geblieben sind - bislang eher mit einer Tendenz zur Verschärfung. Unsicherheiten bestehen vor allem bezüglich Aussagen zu kurzfristigen Trends oder Klimafolgen in einzelnen Regionen. Finden Klimawissenschaftler hier Fehler oder äußern Zweifel, werden sie von der "Nebelwerferindustrie" - häufig gegen ihren Willen - als Kronzeugen für den grundsätzlichen Zweifel am Klimawandel hochgejubelt. Ihr Zweifel im Detail wird zum Beleg für eine dogmatische Anti-Klimaschutzideologie stilisiert, die sich vor allem in den USA immer enger mit der Anti-Evolutions-Ideologie verknüpft. Umgekehrt werden Wissenschaftler bisweilen von der Presse oder Aktivisten dazu gedrängt, Aussagen zu Kurzfristtrends oder regionalen Konsequenzen zu machen, die - anders als ihre grundlegenden und langfristigen Aussagen - sehr unsicher sind. Zudem werden sie von Kollegen kritisch beäugt, wenn sie Thesen liefern, die von Nebelwerfern dogmatisch uminterpretiert werden können.
Trotz all dem Getöse: Leider (!) gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass dem menschgemachten Klimawandel die Puste ausgeht.
Und: Jetzt entschieden zu handeln, ist aus Vorsorge- wie aus Kostengründen notwendig. Wird dies aufgeschoben, drohen weltweit existenzielle Konsequenzen für hunderte Millionen Menschen.
Christoph Bals, Sönke Kreft, Boris Schinke
Dieser Artikel erschien am 3. Mai
2010 in der Zeitung WEITBLICK Nr. 2/2010