Das Promotorenteam für den Dialog mit der Wirtschaft in NRW
ARBEITSPAPIER Nr. 15
Autorin: Katrin Speicher
Redaktion: Christoph Bals, Dörte Bernhardt, Andrea Rück, Julia Seim
1999
Bislang beteiligten sich in erster Linie Stadtverwaltungen, denen eine politische Schlüsselrolle zukommt und Nichtregierungsorganisationen (NRO) aus der Eine-Welt- und Ökologiebewegung. Gerade den NRO ist es zu verdanken, daß die Themen und Ziele der Agenda 21 nach Jahrzehnten zäher politischer Arbeit endlich Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Debatte - gerade auch auf lokaler Ebene - wurden. Andere potentielle TeilnehmerInnen und Interessengruppen wie Gewerkschaften, UnternehmerInnen und VerbandsvertreterInnen beteiligen sich bisher selten aktiv am Agenda-Prozeß. Damit fehlt bislang eine wichtige gesellschaftliche Gruppierung, nämlich die Akteure der Wirtschaft. Eine zukunftsfähige Umgestaltung unserer Gesellschaft wird weder ohne sie noch gegen sie möglich und sinnvoll sein.
Der nachhaltige ökonomische Umbau unserer Gesellschaft bildet eine wichtige Säule des Agenda-Prozesses. Die Ausgestaltung wirtschaftlicher Aktivitäten ist zentral für die Verwirklichung sozialer und ökologischer Zielsetzungen. Sie müssen deshalb intensiv miteinbezogen werden. Dabei sind allerdings einige (mögliche) Hindernisse organisatorischer und politischer Art zu erwarten.
So bestehen von Seiten der NRO-VertreterInnen oft Berührungsängste gegenüber UnternehmerInnen und Wirtschaftsverbänden. Oft fragen sie: Kann es einen sinnvollen Dialog überhaupt geben mit einer auf Wachstum und Profit fixierten, also doch vielleicht per se mit Nachhaltigkeitszielen unvereinbaren Wirtschaft(sweise)? Korrumpiert man sich nicht gar, heißt es immer wieder, wenn man sich auf einen Dialog mit der Wirtschaft einläßt? Auf Wirtschaftsseite besteht im Gegenzug die Befürchtung, auf dem "Agenda 21-Weg" quasi durch die Hintertür in Fragen des Umweltschutzes stärker reglementiert zu werden. Zudem behindern vielfältige Hemmschwellen und Vorbehalte gegenüber dem als "gegnerisch" begriffenen Lager der Agenda-Engagierten aus der Umwelt- und Entwicklungsszene einen offenen Dialog.
Für UnternehmerInnen und VerbandsvertreterInnen stellt sich häufig die Frage, ob der Agenda-Prozeß bislang etwas anderes ist als eine lose Sammlung vager Absichtserklärungen und Zukunftswunschvorstellungen. Gibt es in angemessenen Zeiträumen zu realisierende Handlungsmöglichkeiten? Und wenn ja, welche?
Angesichts gegenseitiger Ressentiments, angesichts des "Unterschieds der Kulturen" - Wirtschaft hier, Nicht-Regierungsorganisationen dort - und auch angesichts der Vielgestaltigkeit des Agenda 21-Prozesses stellt sich nicht zuletzt auch für Germanwatch die Frage, wie ein umfassender Dialog zur Umsetzung der Agenda-Ziele erfolgversprechend und konstruktiv gestaltet werden kann.
Daß ein solcher Dialog mit denen, die den technologischen Teil des Umbaus unserer Gesellschaft leisten müssen, notwendig ist, steht dabei für uns außer Frage. Germanwatch hat aus diesem Selbstverständnis heraus die Promotorenrolle für den Dialog zwischen Nichtregierungsorganisationen und Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen (NRW) übernommen. (1)
Das vorliegende Papier ist gedacht als kommentierende Bestandsaufnahme des Dialogs mit der Wirtschaft in NRW und als Handlungsanregung für Agenda-Engagierte. Aufgrund der besonderen Aktivitäten dort wurden Aachen, Bielefeld, Duisburg, Düsseldorf, Dortmund, Hagen, Essen, Wuppertal und Münster als Fallbeispiele ausgewählt. Anhand dieser Beispiele sollen wiederkehrende Strukturen und Komponenten des Dialogs erfaßt und die dialogfördernden und -hemmenden Faktoren analysiert werden. Ziel ist es, für viele andere Akteure, die in Agenda-Prozessen stecken, erste konkrete Handlungsvorschläge zu entwickeln.
a) Es wird in ihnen mit der, statt nur über die Wirtschaft gesprochen.
b) Die beteiligten Akteure verstehen ihre Arbeit selbst als Beitrag zum Agenda 21-Prozeß bzw. als in diesen eingeordnet und
c) Sie sind strukturell und institutionell zu fassen, d.h. es besteht eine benennbare und klar identifizierbare Dialogform (Veranstaltungen, Runde Tische, Foren etc.).
Der Begriff "Wirtschaft" bezeichnet hier einzelne Unternehmen/UnternehmerInnen ebenso wie VertreterInnen aus Verbänden und Gewerkschaften.
Nicht berücksichtigt werden z.B. wirtschaftsinterne Debatten über die Lokale Agenda 21 oder Dialoge z.B. zwischen Nord-Süd-Gruppen und Stadtverwaltungen über die Einbeziehung der Wirtschaft, ganz einfach deswegen, weil diese Kontakte meist nicht dokumentiert und insofern nicht faßbar sind.
Berücksichtigt sind in den untersuchten Kommunen allerdings einige an späterer Stelle behandelte Beispiele eines Dialogs mit der Wirtschaft, die auf die Zeit vor dem Agenda-Prozeß zurückgehen.
Die Strukturen dieser Prozesse haben sich entweder allmählich und auf experimentellem Weg herausgebildet (etwa in Wuppertal, Aachen, Duisburg, Bielefeld), oder beruhen auf institutionalisierten Strukturen (z.B. Münster, Düsseldorf). Der Dialog mit der Wirtschaft ist im zweiten Fall ein bewußt integrierter, schon zu Beginn des Prozesses organisatorisch und konzeptionell geplanter Teil.
Die entscheidende Initiative zum Dialog mit der Wirtschaft geht dabei meist von den Stadtverwaltungen aus, und zwar entweder von Agenda-Büros, sollten solche in Kommunen eingerichtet sein (was z.B. in Münster, Bielefeld und seid neuestem auch in Bonn der Fall ist) oder von den bei den Stadtverwaltungen tätigen Agenda-Beauftragten. Bei diesen handelt es sich in der Regel um MitarbeiterInnen der Umweltämter - so z.B. in Düsseldorf und Aachen. Sie nehmen den Kontakt zu VertreterInnen der Wirtschaft bzw. der Wirtschaftsverbände auf und laden zur Teilnahme am Agenda 21-Dialog ein.
Dies bedeutet zugleich, daß die Wirtschaft in den recherchierten Fällen nicht von sich aus Initiative entfaltet hat und auch kaum konzipierend am Agenda-Prozeß beteiligt ist. Vielmehr reagiert sie bislang eher auf Initiativen der Stadtverwaltungen. Ausnahmen sind Dialogstrukturen und Initiativen, die an späterer Stelle unter der allgemeinen Bezeichnung "Vorreiter" gesondert behandelt sind.
In Münster richten sich zwei Dialogangebote explizit an die Wirtschaft und beziehen diese gezielt mit ein. Im "Forum Zukunftsfähiges Münster" diskutieren VertreterInnen von 22 sog. gesellschaftlich relevanten Gruppen (u.a. Kirchen, Gewerkschaften und auch Wirtschaft). Das Forum ist vom Stadtrat berufen und hat vornehmlich die Aufgabe, den Agenda 21-Prozeß zu dokumentieren. Darüber hinaus soll es die Ergebnisse der anderen Dialogebene verknüpfen. Diese besteht in Form von vier (geschlossenen) Facharbeitskreisen, in denen jeweils WirtschaftsvertreterInnen mitarbeiten. Einer dieser Facharbeitskreise ist auf das Themenfeld "Arbeit, Wirtschaft,Finanzen und Soziales" spezialisiert. Entscheidend ist hier, daß beide Dialogkreise auf Einladung eines kommunalen Organs hin zu Stande gekommen sind. Die Tatsache, daß es gelungen ist, VerbandsvertreterInnen der IHK und der Handwerkskammer für die Facharbeitskreise zu interessieren, geht mit darauf zurück, daß die Stadt mit eingeladen hat.
Die zwei Fallbeispiele illustrieren eine Beobachtung: Um einen Dialog in Gang zu bringen, ist es nahezu unerläßlich, Prestige und Autorität der Kommunalverwaltungen - am besten von höchstmöglicher Stelle, also von dem/der OberbürgermeisterIn - in Anspruch zu nehmen. Erstens wird damit die Bedeutung des Agenda 21-Prozesses unterstrichen, zweitens ein seriöser Eindruck erweckt, auf den UnternehmerInnen und VerbandsvertreterInnen aufgeschlossener reagieren und drittens liegt vielen Unternehmen viel an einem engen Draht zum/zur OberbürgermeisterIn. Jedoch ist allein eine Einladung vom Bürgermeister oder den Agenda-Stellen der Kommune noch keine Erfolgsgarantie.
Es zeichnet sich ab, daß diese nicht-kommunalen Akteure - besonders, wo das Land NRW diese Gruppen durch die Schaffung von PromotorInnenstellen unterstützt - die engagiertesten Kräfte im Agenda 21-Prozeß sind. Selten aber wird von diesen nicht-kommunalen Akteuren allein der Dialog mit der Wirtschaft initiiert, zumal einige Gruppen der neuen sozialen Bewegungen diesem mit Vorbehalten begegnen. Vielmehr findet er in den recherchierten Fällen im Rahmen der kommunal unterstützten Arbeitsformen und -strukturen statt (3). Hier wird der oben schon angesprochene wichtige "Klammereffekt", den die Kommunalverwaltungen ausüben, nochmals deutlich. Es ist effektiver und konstruktiver, relevante Akteure gezielt zusammenzubringen, statt darauf zu warten, daß sich ein Gespräch zwischen ihnen von allein ergibt. Von Nord-Süd- und Umweltgruppen kann durchaus der Anstoß zu Initiativen der Kommunalverwaltungen ausgehen. Ohne Unterstützung der Stadt ist es für sie aber schwierig, Dialogrunden zu versammeln und die Wirtschaft zur Teilnahme zu bewegen. Kommunale PromotorInnen üben hier häufig eine wichtige Scharnierfunktion aus.
Zwar finden sich auf Wirtschaftseite in den Diskussions- und Dialoggremien auch Einzelpersonen, d.h. UnternehmerInnen, die aus Neugier oder persönlichem Verantwortungsgefühl den Prozeß verfolgen oder sich an ihm beteiligen möchten. Doch rekrutiert sich ein Großteil der WirtschaftsvertreterInnen, die am Agenda 21-Prozeß teilnehmen, aus Verbänden. Dies geht teilweise darauf zurück, daß Einladungen der Stadtverwaltungen in erster Linie an Repräsentanten gerichtet werden, also z.B. an die IHK, den Einzelhandelsverband, die lokale Handwerkskammer und die Gewerkschaften. Die sechzehn Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen haben in diesem Jahr Agenda-Beauftragte eingesetzt, die ihr Know-how im Rahmen der Agenda-Prozesse einbringen sollen.
Wenn einzelne Unternehmen teilnehmen, dann meist entweder besonders engagierte Kleinunternehmer (etwa aus dem Bereich Erneuerbare Energien), die sich sozusagen hobbymäßig mit diesen Themen befassen; oder aber große Konzerne. Ein Grund für die geringe Teilnahme mittelständischer Unternehmen ist der Zeitmangel. Großbetriebe können eher Personen für die Teilnahme freistellen. Die geringe Teilnahme kann aber auch rein praktische Gründe haben. Eine entsprechende Adressenliste von mittelständischen Unternehmen, möglicherweise solche mit einem besonderen sozialen oder ökologischen Profil, fehlt.
So beteiligen sich beispielsweise in Wuppertal neben kommunalen Betrieben wie den Stadtwerken - vor allem Unternehmen wie Hoechst und Bayer. Die kleinen Betriebe sind nach Aussage des Agenda-Büros Wuppertal noch nicht erfaßt und beteiligen sich kaum. Auch die Einbeziehung der IHK gestaltet sich dort schwierig. In Duisburg plant man, in Zukunft Betriebe über die Verbände hinaus miteinzubeziehen.
Das Ausmaß der Beteiligung von WirtschaftsvertreterInnen hängt stark ab von der gewählten Organisations- und Arbeitsform. Nicht alle Formen stoßen bei WirtschaftsvertreterInnen im gleichen Maße auf Akzeptanz (vgl. Kapitel 2.2.1 "Organisations- und Arbeitsformen").
a) in den dokumentierten Fällen in den Agenda 21-Prozeß integriert wurden,
b) in das Gesamtspektrum des Themas "Dialog mit der Wirtschaft" gehören und somit Anschauungsmaterial und Anknüpfungspunkte bieten und
c) weil diese Initiativen eine wichtige Rolle im Agenda-Prozeß spielen und den Dialog befördern können.
Derartige Strukturen finden sich beispielsweise in Düsseldorf, Bielefeld und Duisburg. Gegebenenfalls erleichtert sich durch diese Vorreiter-Gruppen die Kontaktaufnahme mit WirtschaftsvertreterInnen, die noch völlig außerhalb des Dialogs stehen.
In Bielefeld bilden etwa ein Dutzend Unternehmen die "Umweltinitiative der Wirtschaft Ostwestfalens". Dieser Zusammenschluß umweltbewußter Industrieller hat sich eine zukunftsfähige Umgestaltung der eigenen Betriebe zur Aufgabe gesetzt. Die Umweltinitiative beteiligt sich auf Anfrage der Stadt am "Forum Zukunftsfähiges Bielefeld", dem zentralen Diskussionsorgan des Bielefelder Agenda 21-Prozesses. Sie steht in regem Austausch mit dem Agenda-Büro, in dessen Aktivitäten der Vorsitzende der Umweltinitiative eingebunden ist.
In Duisburg existieren als Beispiele eines Dialogs mit der Wirtschaft aus der Zeit vor dem Agenda 21-Prozeß die Umweltgesprächskreise. Sie sind entstanden als Reaktion auf Bürgerproteste gegen den geplanten Neubau einer Müllverbrennungsanlage im Duisburger Norden. Umweltgruppen und UnternehmerInnen diskutieren hier miteinander, ohne daß politische Entscheidungen oder konkrete Projekte aus den Gesprächen hervorgehen. Auch sind die Umweltgesprächskreise nicht organisatorisch in den Agenda 21-Prozeß integriert, d.h. am Bürgerforum - der maßgeblichen Agenda 21-Arbeitsform in Duisburg - beteiligen sie sich bislang nicht.
Der "Verband Umwelt und Wirtschaft e.V." in Düsseldorf geht ebenfalls auf die Zeit vor Beginn des Düsseldorfer Agenda 21-Prozesses zurück. Er wurde 1993/94 gegründet und war in seinen Anfängen eine Initiative verschiedener Umweltengagierter in und um Düsseldorf, die WirtschaftsvertreterInnen angesprochen und zum Dialog aufgefordert haben. Die Arbeit des Verbands und der darin geführte Dialog beruht auf lockerer Netzwerkbildung zwischen TeilnehmerInnen, die sich bereits von früherer Arbeit kennen. Der "Verband Umwelt und Wirtschaft" ist also ohne Initiative der städtischen Agenda-Stelle entstanden. Sein Vorstand ist paritätisch besetzt mit Personen aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Stadtverwaltung, die jedoch alle als Privatpersonen und nicht als Repräsentanten mitarbeiten. Entsprechend wird der Dialog wenig formalisiert geführt. Thematisiert werden verstärkt Fragen zukünftiger stabiler wirtschaftlicher Entwicklung. Jedoch möchte man sich demnächst auch anderen Agenda 21-Themen zuwenden. Der Verband moderiert eines der vier Düsseldorfer Bürgerforen, das Forum "Arbeit und Wirtschaft", und ist dadurch an den Lokale Agenda 21-Prozeß angebunden.
Jeder dieser Ansätze hat seine individuelle Vorgeschichte und ist strukturell und personell aus jeweiligen lokalen Gegebenheiten heraus zu erklären. Wichtig ist, daß bereits vorhandene Initiativen einen Erfahrungsschatz und Kontaktmöglichkeiten bieten können und daher ermittelt und eingeladen werden sollten, um zu einem erfolgreichen Agenda 21-Dialog zu kommen. Die Erfahrungen zeigen, daß die Wirtschaft leichter durch Repräsentanten aus ihren eigenen Reihen anzusprechen ist.
Die häufigste Gesprächsform ist bislang das offene Treffen, zu dem die Wirtschaft dann auch miteingeladen ist. Diese Treffen sind in der Regel nicht nur für alle BürgerInnen, sondern auch thematisch offen.
Seltener sind geschlossene, spezialisierte Veranstaltungen (wie Facharbeitskreise), die projektbezogen mit klarem Auftrag arbeiten. (s.u. Kapitel 2.1.1. und 2.1.2.). Die Akzeptanz der Wirtschaft gegenüber den beiden Organisationsformen ist sehr unterschiedlich. So nimmt kaum einE VertreterIn an offenen Veranstaltungen ohne thematische Eingrenzung teil, denn von Wirtschaftsseite wird ergebnisorientiertes, effektives Handeln als zentraler (Knack-)Punkt gesehen.
Derartige Veranstaltungen sind in Wuppertal beispielsweise die "Runden Tische", in Münster das "Forum Zukunftsfähiges Münster", in Duisburg und Aachen die Bürgerforen und in Düsseldorf das Bürgerforum "Arbeit und Wirtschaft". Alle Interessierten können sich daran beteiligen, allerdings wird dieses Angebot von Wirtschaftsvertretern kaum angenommen.
In Münster wurden auf Initiative des Agenda-Büros neben dem "Forum Zukunftsfähiges Münster" vier spezialisierte Facharbeitskreise gebildet zu den Themen "Region, Siedlung", "Umwelt, Gesundheit", "Kultur, Bildung" und "Arbeit, Wirtschaft, Finanzen und Soziales". Alle Facharbeitskreise sind mit VertreterInnen aus der Wirtschaft, den Nord-Süd- und Umweltorganisationen und anderen besetzt. Die Teilnahme erfolgt kontinuierlich, umfaßt einen festen Personenstamm und ist projektbezogen, d.h. sie soll konkrete Handlungsvorschläge an den Rat der Stadt erarbeiten.
In Düsseldorf entstanden nach Konzeption der Agenda-Stelle am Umweltamt vier geschlossene Fachforen mit den Schwerpunkten "Arbeit und Wirtschaft", "Stadtplanung", "Ressourcenschutz" und "Lebensqualität". Die TeilnehmerInnen dieser geschlossenen Veranstaltung wurden von der Lenkungsgruppe am Umweltamt ausgewählt. Jedes Fachforum setzt sich aus ca. zehn Personen zusammen. Der Lenkungsausschuß achtete dabei auf eine paritätische Besetzung: Jedem Forum gehören drei VertreterInnen von Umweltgruppen, drei WirtschaftsvertreterInnen, drei VertreterInnen sozialer Interessengruppen und ein(e) Vertreter(in) des Eine-Welt-Spektrums an. Gruppengröße und Auswahl der TeilnehmerInnen sollen Dialogfähigkeit und Kontinuität gewährleisten.
Insgesamt gesehen hat sich das Nebeneinander von offenen und spezialisierten Kreisen bewährt. Die spezialisierten Fachforen verfügen über die am weitesten ausdifferenzierte Dialogkonzeption. Die Dialogpartner von Wirtschaftsseite beteiligen sich daran bereitwilliger und interessierter als an den ihres Erachtens "schwammigen" großen Foren, Plena und Runden Tischen.
Im Gegensatz dazu haben etwa die vier Düsseldorfer Fachforen klar abgegrenzte Aufgabenstellungen, die projektbezogen behandelt werden, d.h. die Fachforen haben den Auftrag, zu jedem Arbeitsgebiet auch konkrete Handlungsvorschläge zu entwickeln. Die TeilnehmerInnen der Fachforen sprechen nicht allein über Themen, sondern sie bemühen sich, Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Diese Arbeitsweise und der Arbeitsauftrag wirken auf WirtschaftvertreterInnen offensichtlich attraktiver als der reine Meinungsaustausch in offenen Foren.
Trotz der Unterschiedlichkeiten im Prozedere von Kommune zu Kommune zeichnet sich eine gewisse Kontinuität bezüglich der Themenwahl ab. Angesprochen werden in erster Linie ökologische Fragen der Energieeffizienz, des Ressourcenschutzes und der Stadt- und Verkehrsplanung. Daneben sind je nach der regionalen Problemlage bestimmte Schwerpunktsetzungen festzustellen (in Bielefeld ist dies z.B. Flächennutzung).
Die Themen werden entweder von den Dialogpartnern selbst vorgeschlagen, oder von den Agenda-Büros und Beauftragten angeregt. Selten werden Themen im Verlauf des Prozesses zwischen verschiedenen Seiten abgestimmt. Es scheint auf jeden Fall sinnvoll, thematisch möglichst klare Vorgaben und Rahmenbedingungen zu haben - auch im Interesse der Kontinuität.
Für die VertreterInnen der Wirtschaft ist es wichtig, daß die langfristige Entwicklung ihrer Branche diskutiert wird. Auch Energie- und Ressourceneffizienz gehören zu den Themen, über die der Einstieg in den Dialog verhältnismäßig gut gelingt, zumal hier politisches Verantwortungsgefühl und Eigeninteresse - eingesparte Energie bzw. Ressourcen reduzieren Kosten - gleichermaßen angesprochen werden. Verschiedentlich - z.B. in Wuppertal - wird beklagt, daß WirtschaftsvertreterInnen gern solche Gesprächsgegenstände wählen, die es ihnen erlauben, sich selbst in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen und somit Schönfärberei zu betreiben. Diese Gefahr ist immer gegeben. Jedoch sollte sie nicht davon abhalten, zunächst als "vertrauensbildende Maßnahme" Themen anzusprechen, über die ein erster Einbezug der Wirtschaft möglich erscheint.
Deutlich ist, daß bislang Umweltthemen die Dialoge dominieren. Ein nächster Schritt wäre die Einbeziehung des Nord-Süd-Aspektes, vor allem mit international agierenden Unternehmen, um sozusagen einen "kompletten Agenda 21-Prozeß" zu erreichen. Themen könnten etwa Sozialstandards für Unternehmen sein, die in Entwicklungsländern produzieren oder die solche Produkte in den Handel bringen.
Die Thematik sozialer Nachhaltigkeit oder Zukunftsfähigkeit hingegen spielt im bisherigen Dialog noch nicht die Rolle, die sie verdient. In den meisten Kommunen sehen Nord-Süd-Initiativen die Notwendigkeit, den Aspekt der gerechten Verteilung zwischen Nord und Süd stärker im Rahmen des Agenda 21-Prozesses zu thematisieren. Mancherorts gibt es Ansätze, sich auch mit sozialen Fragen vor Ort zu beschäftigen: So sprechen Agenda 21-Teilnehmer z.B. in Bielefeld über Fragen der Zukunft der Arbeit und der sozial zukunftsfähigen Gestaltung der Arbeitswelt der Länder des Nordens.
Die Frage einer zukunftsfähigen Gestaltung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Nord und Süd scheint dagegen für viele schwierig zu thematisieren, weil WirtschaftsvertreterInnen im Norden in vielen Fällen ihre persönliche Verantwortung und ihre Handlungsmöglichkeiten nicht erkennen und für sich keine Gelegenheit sehen, im Sinne einer zukunftsfähigen Entwicklung zu wirken. Das Problem scheint weiter weg zu liegen. Die Frage zu diskutieren, wie groß der Handlungsspielraum von Unternehmen angesichts der von ihnen häufig reklamierten Systemzwänge tatsächlich ist, setzt zudem meist Informationen voraus, die den lokalen Gruppen nicht zur Verfügung stehen.
Es ist aber interessant zu sehen, daß es etwa in den Niederlanden viel stärker gelungen ist, das Thema Nord-Süd auch kommunal zu verankern. Sobald konkrete Projekte (Austellungen, fair gehandelte Produkte in Kantinen) angesprochen werden, steigt auch hierzulande das Interesse. Ein Grund dürfte auch darin liegen, daß das Bundesumweltministerium sich mittlerweile des Lokalen Agenda 21-Prozesses angenommen hat und z.B. die Bundesumweltstiftung die Kommunen finanziell in ihren Agenda 21-Aktivitäten unterstützt (4), während das Entwicklungsministerium sich hier bisher vornehm zurückgehalten hat. Die neue Ministerin hat aber angekündigt, durch entsprechende Aktivitäten an die niederländischen Erfolge anknüpfen zu wollen.
Die ersten Erfolge auf dem Gebiet der Umweltdialoge im Agenda 21-Prozeß sollten Mut machen, auch den Dialog über Fragen sozialer Zukunftsfähigkeit - sowohl national als auch international - verstärkt zu suchen.
a) Verantwortungsgefühl und der Wunsch nach zukunftsfähiger Umgestaltung der Wirtschaft nennen vor allem diejenigen als Motiv, die sich bereits vor dem Start von Agenda 21-Prozessen als Vorreiter in Dialog-Initiativen engagierten. Es handelt sich hier häufig um UnternehmerInnen mit einem geschärften politischen Bewußtsein, die zum einen den Vorwurf von sich weisen möchten, durch unverantwortliches und ökologisch bedenkliches Vorgehen das Gemeinwohl zu schädigen. Zudem haben sie weniger Berührungsängste gegenüber ökologischen und sozialen Themen und der Frage zukunftsfähiger Umgestaltung. Es sind häufig jüngere Menschen, zu deren unternehmerischem Selbstverständnis langfristiges Denken und ökologisches Verantwortungsbewußtsein mit dazugehören.
b) Einige WirtschaftsvertreterInnen nehmen den Agenda 21-Prozeß als eine wichtige politische Entwicklung wahr, die auch für sie relevant ist oder relevant werden kann und die sie deswegen nicht versäumen dürfen. Es herrscht daher das Bestreben vor, sich von Anfang an an dieser Entwicklung zu beteiligen und sie mitzuformen, statt hinterher vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Dieses Empfinden der Relevanz des Agenda 21-Prozesses geht dabei nicht unbedingt einher mit klaren Vorstellungen davon, was man selbst in diesem Prozeß will oder mit einem echten Verständnis des Prozesses und seiner Zielsetzungen. Zum Teil vermuten die WirtschaftsvertreterInnen, daß im Agenda 21-Prozeß neue, unangenehme Regulierungen verabredet werden sollen. Dem wollen sie von vorneherein entgegentreten.
c) Verwandt mit dem Bestreben, keine neuen Entwicklungen zu verpassen, ist ein weiteres Motiv: Einige WirtschaftsvertreterInnen betrachten eine zukunftsfähige Umgestaltung der Wirtschaft als einen Innovationsschub, der geeignet ist, ihnen auch Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Von ihnen wird z.B. Umweltschutz auch als Standortvorteil und technologischer Entwicklungsmotor begriffen - ein Grund, sich dem Agenda 21-Prozeß zu öffnen und sich daran zu beteiligen. Ähnlich motiviert ist der Wunsch, mit Hilfe ökologischer Umgestaltung Wettbewerbsvorteile zu erzielen (Öko-Marketing).
d) Schließlich sind viele WirtschaftsvertreterInnen bestrebt, sich mit der Stadt gutzustellen. Wirtschafts- und VerbandsvertreterInnen, die z.B. vom Oberbürgermeister einer Stadt eingeladen werden, kommen der Einladung in vielen Fällen nach, ganz unabhängig davon, was ihnen selbst zunächst der Agenda 21-Prozeß sagt und bedeutet. Dies heißt zugleich, daß man die Wirtschaft auf diese Weise - durch Ansprache und Einladung von offizieller Seite - gut aufmerksam machen und einbinden, zumindest einen ersten Kontakt zwischen der Wirtschaft und dem Agenda 21-Prozeß herstellen kann.
a) Zunächst bestehen ganz zu Anfang des Prozesses Schwierigkeiten, Ansprechpartner zu identifizieren und zum Dialog zu motivieren. Am naheliegendsten ist es, sich als erstes an die VerbandsvertreterInnen zu wenden. Diese müssen jedoch nicht immer die gesprächsbereitesten Kandidaten sein. Oft wären andere TeilnehmerInnen - die aber vielleicht noch nicht bekannt und noch nicht in Erscheinung getreten sind - konstruktivere MitarbeiterInnen. Es bietet sich eine systematische Bestandsaufnahme der Unternehmen an, die sozial und/oder ökologisch ein ausgeprägtes Profil haben (Zertifizierungen, Umweltpreise, Produktpalette, usw.).
b) Es ist dann nicht leicht, WirtschaftsvertreterInnen davon zu überzeugen, daß der Dialog für sie relevant und nicht gegen sie gerichtet ist. Häufig finden sich auf Wirtschaftsseite Vorbehalte und Berührungsängste, sobald es um Umweltschutz und Soziales geht und sobald sich herausstellt, daß alle gesellschaftlichen Gruppen in den Dialog einbezogen werden. Es existiert bei UnternehmerInnen öfters Angst vor dem "grünen Wirtschaftsfeind", dem man nicht begegnen möchte. Auf der anderen Seite gibt es in Nordrhein-Westfalen auch Fälle (Wuppertal), in denen Nord-Süd-Gruppen aus Angst, lediglich als grünes Feigenblatt mißbraucht zu werden, einem Dialog ablehnend oder skeptisch gegenüberstehen.
c) Es gelingt nicht immer, WirtschaftsvertreterInnen in der Motivierungsphase davon zu überzeugen, daß sie eine konkrete Rolle übernehmen können. Mit anderen Worten: Jene sehen häufig keine Notwendigkeit, aber auch keine Möglichkeit, durch ihr Tun auf die Agenda 21-Zielsetzung eines zukunftsfähigen Nordrhein-Westfalen hinzuarbeiten.
d) Die Zielsetzung "Zukunftsfähigkeit" in ihren sozialen und ökologischen Dimensionen wird gelegentlich von WirtschaftsvertreterInnen nicht als notwendig und drängend akzeptiert. Bei vielen WirtschaftvertreterInnen herrscht nach wie vor ein rein betriebswirtschaftliches Denken vor, das eher auf das Erreichen kurzfristiger ökonomischer Ziele hin orientiert ist. Die Agenda 21-Zielsetzung wirkt vor dem Hintergrund dieser Orientierung entweder irrelevant oder sogar geschäftsschädigend.
e) Auf Seiten der Agenda-Engagierten bestehen vielfach Schwierigkeiten, den Agenda 21-Prozeß kurz auf den Punkt zu bringen, für den Einzelnen transparent und relevant zu machen. Es ist offensichtlich nicht leicht, angesprochenen WirtschaftsvertreterInnen klar zu machen, worum es im Agenda 21-Prozeß wirklich geht und was sie zu seinem Gelingen beitragen können.
f) Besonders problematisch wirken sich all diese Schwierigkeiten aus, wenn zusätzlich zu thematischen Unklarheiten und zu der von Wirtschaftsseite vielfach empfundenen "Schwammigkeit" klare, fest umrissene, orientierende Arbeitsstrukturen, Arbeitsaufträge und -anweisungen (z.B. in Form von Projekten) fehlen. Da in vielen Agenda 21-Kommunen der Prozeß noch ganz am Anfang steht, haben die Dialoge vielerorts noch keine festen Arbeitsstrukturen. In diesem Fall ist ein Dialog sehr viel schwerer in Gang zu bringen: die Unkonkretheit schreckt ab.
All diese Gründe können einen kontinuierlichen Ablauf der Agendaprozesse und eine konstruktive Gestaltung behindern. Die Arbeits- und Organisationsformen stellen sich oft für eine der beteiligten Seiten als unbefriedigend heraus. Am häufigsten werden von WirtschaftsvertreterInnen Arbeitsformen abgelehnt, die zeitaufwendig, thematisch nicht eingeschränkt und wenig handlungsorientiert sind. Ganz generell zeichnet es sich ab, daß die Wirtschaft sich am Agenda 21-Prozeß um so bereitwilliger und kontinuierlicher beteiligt, je straffer und klarer er strukturiert und je mehr er an konkretem projektbezogenem Handeln der Beteiligten orientiert ist.
Neben diesen eher praktischen Gründen treten eine Reihe atmosphärischer und weltanschaulicher Gründe: Diskussionen scheitern unter Umständen im Ansatz, wenn mit provozierenden Themen begonnen wird. Eine Verhärtung der Fronten gleich zu Beginn erschwert die Weiterarbeit. Stattdessen bieten sich als Einstieg Themen an, die praktische Problemstellungen betreffen und deren Lösung Gewinne für beide Seiten verspricht - z.B. Umweltschutz und Kostenreduzierung durch Energieeinsparung.
Eine neutrale und möglichst professionelle Moderation sollte beide Seiten daran hindern, in Polemik oder unkonstruktive Angriffe zu verfallen. Häufig scheitern Diskussionen sowohl an gegenseitiger Verständnislosigkeit - TeilnehmerInnen können sich mit den Zielvorstellungen und Prioritäten der jeweils anderen Seite nicht identifizieren und reden aneinander vorbei - als auch an ideologischer Verhärtung. Oft ist die Atmosphäre gekennzeichnet von gegenseitigem Mißtrauen und Ängsten. Eine durchdachte Dialogmoderation ist daher mindestens genauso wichtig wie eine kluge Auswahl der Themen (siehe Strategieempfehlungen). Überdeutlich zeigen auch die bisherigen Erfahrungen, daß beide Seiten ein hohes Maß an Geduld mitbringen müssen. Gegenseitiges Vertrauen - eine Voraussetzung konstruktiven Diskutierens - ist nicht von heute auf morgen zu erreichen.
Der Dialog mit der Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen gestaltet sich nach übereinstimmender Bewertung der Befragten schwierig. Er ist sowohl schwer in Gang zu bringen als auch in Schwung zu halten. Die Umsetzung der im Gespräch erzielten Ergebnisse stellt ein weiteres Problem dar.
Erfreulicherweise zeichnet sich ab, daß zum einen immer mehr Agenda 21-Kommunen Dialoge mit der Wirtschaft konzipieren und daß erkannt wird, daß diese Dialoge einer eigenen Struktur und Finanzierung bedürfen. Je länger mit unterschiedlichen Arbeitsformen experimentiert und über verschiedenste Themen gesprochen wird, umso mehr kristallisieren sich Erfahrungswerte, Arbeitsstrukturen, Vorgehensweisen und Regeln heraus.
Bundesdeutscher Arbeitskreis für
umweltbewußtes Management e.V. - B.A.U.M.
Osterstr. 58
20259 Hamburg
Tel.: 040/4907-1100; Fax: 040/4907-1199
CAF/Agenda-Transfer
Budapester Str. 11
53111 Bonn
Tel.: 0228/60461-0; Fax: 0228/60461-17
Carl Duisberg Gesellschaft e.V. -
CDG
Landesstelle NRW
Wallstr. 30
40213 Düsseldorf
Tel.: 0211/86890; Fax: 0211/8689112
(weitere CDG-Büros existieren
in mehreren Städten in NRW)
International Council for Local Environmental
Initiatives - I.C.L.E.I.
Europäisches Sekretariat
Eschholzstr. 86
79115 Freiburg
Tel.: 0761/368920; Fax: 0761/36260
Vereinigung der Industrie- und Handelskammern
(IHK) in NRW
Goltsteinstr. 31
40211 Düsseldorf
Tel.: 0211/36702-0; Fax: 0211/36702-21