Leserbrief von Christoph Bals zum Zeitungsartikel "Warum die Weltklimakonferenzen zur Lösung der Energiekrise nicht geeignet sind" von Hermann Scheer (Frankfurter Rundschau, Mi 13.6.01)
Als Krise definiert Hermann Scheer
in Anschluß an Juergen Habermas einen offenkundig gefährlichen,
aber
überwindbaren Zustand. Man
könnte ergänzen, dass eine Krise häufig auch zu unangemessenen
Reaktionen führt. Ein Beispiel dafür sind die Kommentare
von Hermann Scheer auf die durch den US-Präsidenten Bush offenbar
gewordene Krise des internationalen Klimaschutzes. Anders als das
von fossilen Wirtschaftsinteressen bestimmte Verhalten der USA sollte sich
dieses Problem im weiteren Diskurs allerdings durch Sach-Argumente beilegen
lassen. Wir brauchen ein politisches Schwergewicht wie Hermann Scheer,
um gemeinsam mit ihm und nicht gegen ihn für mehr Klimaschutz zu streiten.
Dies sollte umso leichter fallen, als wir zumindest in drei zentralen Beschreibungen der Ausgangslage übereinstimmen. Zum einen sind die Gefährdungen des globalen Klimawandels tatsächlich nicht mehr wegzuleugnen. Selbst die Wissenschaftlergruppe, die der US-Präsident in der Hoffnung auswählte, um das Gegenteil zu hören, bezeichnete den von mehr als 500 internationalen Wissenschaftlern verfassten Konsens-Bericht zur Klimawissenschaft des IPCC als "bewundernswert". Zum anderen erkennen wenige Politiker so deutlich wie Hermann Scheer, dass die große Energie-Aufgabe der nächsten 50 Jahre darin liegt, aus den fossilen und atomaren Risiko-Technologien aus- und in das solare Zeitalter einzusteigen. Es geht darum, bis Mitte des Jahrhunderts den Treibhausgas-Ausstoß weltweit um 60 Prozent und in den am stärksten verschmutzenden Industrieländern den Austoß um 80 Prozent zu verringern. Und schließlich hat Scheer auch darin recht: es passiert viel zu wenig.
Darüber hinaus aber scheint mir die Argumentation von Hermann Scheer von strategischen Fehleinschätzungen, konzeptionellen Schieflagen und inhaltlichen Mißverständnissen geprägt zu sein .
Erstens: Strategische Fehleinschätzung
Das folgende Bild mag Scheers grundlegende strategische Fehleinschätzung verdeutlichen: Ein Kletterer namens Kyoto-Protokoll muß nach jahrelanger Bergtour in wenigen Wochen einen schwierigen Gipfel ersteigen. Er hängt ungesichert im letzten Steilfelsen, hunderte Meter über dem Boden. Seit einigen Monaten, als er in Den Haag stolperte, weht ihm zusätzlich ein heftiger eisiger Wind entgegen. Von einem Helikopter aus verkünden die Piloten mit texanischen Cowboyhüten, der Bergsteiger sei schon tot . Einem Beobachter am Fuße des Gipfels - Hermann Scheer - aber geht die Bergtour viel zu langsam vorwärts. Er sucht das Gebirge mit den Augen nach alternativen Touren ab. Ganz in der Ferne glaubt er eine bessere Tour zum Gipfel ausmachen zu können. Und anstatt dem Bergsteiger mit Steigeisen zur Hilfe zu kommen, hofft Hermann Scheer mit klammheimlicher Freude auf den Absturz des Kletterers. "Man muss Bush dankbar sein, dass er diesem Spiel ein Ende bereitet, auch wenn seine Motive die denkbar falschen sind", jubelt er von unten.
Zweitens: Unterschätzung der Bedeutung der Welt-Klimakonferenzen.
Bisher gab es viel zu wenig Schritte, um vom "perfekten Verbrechen" des globalen Klimawandels, unter dem vor allem die Menschen des Südens zu leiden haben, abzurücken. Da gibt es keinen Dissens. Scheer meint, die wenigen Schritte seien "jedenfalls nicht von den Weltklimakonferenzen" gekommen. Hier setzt der Widerspruch ein.
Beispiel Deutschland: das Klimaschutzziel wurde auf dem Berliner Klimagipfel (1995) deutlich verschärft. Die Industrie legte ihre - damals völlig unzureichende - Selbstverpflichtung ebenfalls zum Berliner Klimagipfel vor. Und sie verschärfte diese anläßlich der Klimagipfel in Kyoto (1997) und Den Haag (2000). Kanzler Schröder entschied anläßlich des Bonner Klima-Gipfels (1999) den Streit zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium zugunsten einiger wichtiger Klimaschutz-Weichenstellungen. Die erste Parlamentsdebatte zum Klimaschutz in dieser Legislaturperiode überhaupt gab es anläßlich dieses Klimagipfels - ein Jahr nach Beginn der neuen Regierung. Das Kyoto-Ziel wurde - obwohl das Abkommen noch nicht ratifiziert ist - zur wichtigsten Triebkraft für eine stringentere, wenn auch noch längst nicht ausreichende, Politik für Erneuerbare Energieträger in der EU und Deutschland. Und die Großindustrie weltweit stieg seit Kyoto schrittweise aus der der Anti-Klimaschutzlobby "Global Climate Coalition" aus, weil sie sah, dass die Politik mit Kyoto begann, ernst mit dem Klimaschutz zu machen. Wo immer wir hin schauen, für die meisten positiven Klimaschutz-Entwicklungen leisteten die Klimaverhandlungen Hebammendienste.
Drittens: Diffuses Unbehagen gegenüber dem Emissionshandel
Wenn man genau hinschaut, scheint der Ablehnung Scheers gegenüber dem Kyoto-Protokoll vor allem ein diffuses Unbehagen gegenüber dem dort verankerten Emissionshandel zugrunde zu liegen. Ich halte diese Angst für schlecht begründet.
Im Kyoto-Protokoll werden für die Industrieländer Treibhausgas-Reduktionspflichten festgelegt - insgesamt 5,2 Prozent. Und diese werden - anders als etwa in Rio oder beim bisherigen deutschen Klimaziel von minus 25 Prozent - rechtlich verbindlich vorgeschrieben. Wegen dieser neuen Qualität haben die USA und andere Angst vor diesem Ziel. Wenn ein Land stärker reduziert als vorgeschrieben, dann darf es dieses übererfüllte Kontingent an andere Staaten verkaufen. Damit wird ein geldwerter Anreiz an Staaten und über diese vermittelt an Unternehmen gesetzt, mehr als bisher zuhause zu tun. Jeder Staat, jedes Unternehmen wird zweimal überlegen, ob es nicht zuhause kostengünstige Möglichkeiten gibt, den Treibhausgasausstoß zu reduzieren, bevor es viel Geld auf den Tisch legt, um solche Kontingente zu kaufen. Weitere große Vorteile sind damit verknüpft:
Wir brauchen - das ist völlig richtig - zusätzliche Instrumente zur Förderung Erneuerbarer Energieträger. Und dies sowohl im Rahmen des Kyoto-Prozesses als auch in Deutschland und der EU. Im Rahmen des Kyoto-Prozesses steigen die Chancen dafür, wenn der Prozeß jetzt nicht kollabiert, sondern das Protokoll im Jahre 2002 in Kraft tritt.
Scheer sieht, daß vielfältige politische und wirtschaftliche Kraftanstrengungen für die Energiewende zu einer solaren Weltwirtschaft notwendig sind. Und er kennt auch den organisierten Widerstand dagegen in Teilen der Industrie. Sollte er übersehen haben, wie viele - wenn auch längst nicht ausreichende - Impulse seit 1997 vom Kyoto-Protokoll ausgingen, obwohl es noch gar nicht ratifiziert ist? Wie seitdem die Position der meisten Unternehmen konstruktiver geworden ist? Sollte er als politischer Profi verkennen, daß ein Scheitern des Kyoto-Protokolls den Verzögerern von Klimaschutz mit dem Argument des unfairen Wettbewerbs in die Hände spielen wird?
Viertens: Drei Beine jeder Klima-Strategie
Die Strategie, die Scheer vorschlägt, ist zentriert auf nur eine der beiden notwendigen Säulen jeder wirkungsvollen Klima-Strategie. Energieeffizienz wird unterbewertet, wenn Scheer meint, durch diese könne der Weg zum solaren Zeitalter "verkürzt und erleichtert" werden. Mir scheint hingegen evident, dass jede solche Strategie nur dann erfolgreich sein kann, wenn es gelingt, den Anstieg des weltweiten Energieverbrauchs zu bremsen oder gar in sein Gegenteil zu verkehren. Sonst läuft der Verbrauch dem Ausbau solarer Strukturen davon. Ohne Energieeffizienz keine Klimastrategie.
Umgekehrt hat Scheer natürlich Recht, dass Energieeffizienz alleine das Problem nicht lösen wird, solange die benötigte Energie weiter vorwiegend durch fossile Energieträger bereit gestellt wird. Ohne solare Energien keine Klimastrategie.
Eine Strategie, die auf diese beiden
Stränge setzt, ist auch deshalb erfolgversprechend, weil sie die Lobbykraft
der Erneuerbaren- und der Effizienzindustrie für das gemeisame Ziel
in die Waagschale wirft. Herr Scheer, Ihre konstruktive Stimme ist in diesem
Konzert unverzichtbar. Gerne ziehen die Umwelt- und Entwicklungsverbände
mit Ihnen an einem Strang für das von Ihnen formulierte Ziel - "die
Initiierung einer Einfuehrungsdynamik fuer
erneuerbare Energien"; aber doch
nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zum Kyoto-Protokoll.
Fünftens: Mißverständnis über den Prozeßcharakter des Kyoto-Prozesses
Der Klimaprozeß bewegt sich langsam wie eine Raupe. Er muß Flügel bekommen, wenn die notwendigen Ziele bis Mitte des Jahrhunderts erreicht werden sollen. Ganz ähnlich war dies beim Montreal-Protokoll, das weltweit den Einsatz von FCKW reglementierte. Als es in seiner ersten Fassung verabschiedet wurde, sprach das Max Planck-Institut zu Recht von einer "Sterbehilfe für die Ozonschicht". Heute liefert es einen wirkungsvollen Schutz der Ozonschicht. Auch das Kyoto-Protokoll ist nur dann wirklich von Bedeutung, wenn weitere weit ehrgeizigere Ziele zum Schutz des Weltklimas folgen. Aber der Einstieg in solche völkerrechtlich verbindlichen Prozesse ist meist das Schwierigste - wie man derzeit sieht. Und schon sind die Verhandlungen für die zweite Verpflichtungsperiode terminiert. Der Prozeß geht weiter. Berechtigt und notwendig ist Kritik an der Raupe, solange sie noch kein Schmetterling ist; ebenso Zweifel, ob sie überleben wird und sich zum Schmetterling entwickeln kann. Aber die Raupe zu zertreten, weil sie noch kein Schmetterling ist? Oder gar mit Freude zuzuschauen, wie sie von anderen zertreten wird?
Herr Scheer, lassen Sie uns alle gemeinsam bei der zentralen Aktion der Umweltverbände zum Klimagipfel am 21. Juli in Bonn ein Rettungsboot für das Kyoto-Protokoll bauen, ein symbolisches Rettungsboot für den internationalen Klimaschutz und die jetzt schon existierenden Opfer des globalen Klimawandels.
Unterstützen Sie mit dem von Ihnen geleiteten Verband Eurosolar die Unternehmer-Initiative "e-mission 55", die sich für die rasche Ratifizierung des Kyoto-Protokolls und das Inkrafttreten im kommenden Jahr einsetzt.
Christoph Bals
Es folgt der Originalartikel von Klaus Natorp im ungekürzten Wortlaut:
Dem US-Präsidenten
sei Dank
Warum die Weltklimakonferenzen zur
Lösung der Energiekrise nicht geeignet sind
Hermann Scheer
Frankfurter Rundschau, Mi 13.6.01
Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück: Die Entwicklung in der Weltklimapolitik ist widersprüchlich. Der US-Präsident George W. Bush kündigte die Vereinbarungen der Weltklimakonferenz in Kyoto auf: China, Russland und Nordkorea wollen neue Kernkraftwerke, in Deutschland wurde am Montag der langfristige Ausstieg unterschrieben. Nach Lösungswegen sucht im folgenden Beitrag Hermann Scheer, SPD-Bundestagsabgeordneter und alternativer Nobelpreisträger. Mit einer gekürzten Fassung aus dem neuen "Kursbuch" (Nr. 144, Rowohlt Verlag, Berlin) setzen wir unsere Serie "Januskopf der Moderne" fort.
Als Krise definiert Jürgen Habermas einen offenkundig gefährlichen, aber überwindbaren Zustand: Die bisher gewählten Lösungsansätze sind ungeeignet, und die geeigneten sind noch nicht gefunden oder ausprobiert worden. Stellt die globale Klimaveränderung noch eine ökologische Weltkrise dar oder ist sie bereits unabwendbares Schicksal? Wenn wir auf Ersteres hoffen dürfen, lautet die politische Frage, ob der Ansatz der Weltklimakonferenzen, den George W. Bush gerade zu zerstören versucht, überhaupt zur Lösung der Krise geeignet ist.
Dass die Pyromanie enthemmter fossiler Energienutzung existenziell gefährlich für das künftige Leben der Menschheit geworden ist, wird nur noch von wenigen "Wissenschaftlern" bestritten, die meist bei den Hauptprofiteuren des fossilen Energiesystems auf der Payroll stehen. Sie suggerieren einen "normalen" Vorgang, denn in den Erdperioden habe es immer ein Auf und Ab von Wärme- und Kälteperioden gegeben, die jeweils alles Vorherige durcheinander brachten. Sie vertuschen dabei den entscheidenden Unterschied: Klimaveränderungen, die die Lebensbedingungen aller organischen Lebewesen einschneidend veränderten, haben sich in der Erdgeschichte in sehr langen Zeiträumen vollzogen; entsprechend langsam entstanden oder verschwanden Arten. Im Gegensatz dazu geschehen die gegenwärtigen Prozesse des Klimawandels sprunghaft und produzieren immer häufigere und breite Spuren ziehende ökologische Großkatastrophen. 850 solche Katastrophen zählte die Münchener Rückversicherung für das Jahr 2000, eine Vervielfachung gegenüber dem Jahr 1990, und mit Ausnahme einiger Erdbeben und Vulkanausbrüche sind sie Unfällen und Emissionen des menschengemachten fossilen Energiesystems geschuldet.
Fest steht, dass bisher kaum Schritte unternommen wurden, diese Entwicklung abzuwenden. Jedenfalls nicht von den Weltklimakonferenzen: Dort wurde bisher vor allem versucht, den Ländern Quoten zur Minderung ihrer klimaschädlichen Emissionen vorzugeben. Doch der Energieverbrauch der Industrieländer ist unverhältnismäßig hoch gegenüber dem der Entwicklungsländer. Weil aber ein Konsens unter ungleichen Emittenten angestrebt wurde, führten die Verhandlungen zwangsläufig dazu, den Entwicklungsländern mehr Emissionen vertraglich zu erlauben, als sie gegenwärtig verursachen. An diesem Punkt hakte das Konzept des Emissionshandels ein, mit dem sich Industrieländer und deren Energiekonzerne von eigenen Reduktionsverpflichtungen durch den Kauf von "Emissionsrechten" freistellen wollen. Damit versuchten die Weltklimakonferenzen die Quadratur des Kreises: Sie wollten das Weltklima retten und die Verursacher gleichzeitig schonen. Diesem Versuch erlaube ich mir eine Alternative vorzuschlagen:
Da die Katastrophenursache der fossile Energieeinsatz ist, einschließlich der Atomspaltung des fossilen Uranminerals, kann die globale Gefahrenabwendung nur im Verzicht auf diesen Energieeinsatz liegen (neben groß angelegten Aufforstungsmaßnahmen, um klimadestabilisierende Übermengen an CO2 durch umfassend nützliche Kohlenstoffbindungen in neuen Wäldern aus der Atmosphäre zurückzuholen). Da aber auf Energieeinsatz prinzipiell nicht verzichtet werden kann, weil ohne Energie keinerlei Aktivität möglich ist, müssen fossile Energien konsequent durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Also durch die dem Erdball direkt und indirekt vom Sonnensystem angebotenen: Sonnenwärme, Sonnenlicht, von der Sonne zuvor kondensiertes Fließwasser, von den täglichen solaren Temperaturschwankungen ausgehende Wind- und Wasserströmungen und die Bewegung der Wellen sowie die Bio-Energie, also aus Pflanzen photosynthetisch hergestellte Energie. Das wäre das Programm: dauerhafte und emissionsfreie beziehungsweise emissionsneutrale Energiequellen statt erschöpflicher und umweltzerstörender.
Dies zu erkennen, setzt eine unverstellte Sicht auf das tatsächliche Potenzial erneuerbarer Energien und seine technischen Nutzungsmöglichkeiten voraus. Deren natürliches Potenzial entspricht - unerschöpflich für die Zeitdauer der weiteren Existenz des Sonnensystems, also für etwa sieben Milliarden Jahre - jährlich dem 15 000fachen des Jahresverbrauchs an fossilen Energien. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) prognostiziert in ihrem "World Energy Outlook" für das Jahr 2010 einen weltweiten Jahresstromverbrauch von 20,8 Billionen Kilowattstunden Strom, wovon 3,4 Billionen aus großen Wasserkraftanlagen und nur 154 Milliarden aus anderen erneuerbaren Energien kommen würden. Gemessen an diesem Energiebedarf müssten also etwa 17,2 Billionen Kilowattstunden aus erneuerbaren statt aus konventionellen Energien gedeckt werden, um zu einer emissionsfreien Stromerzeugung zu kommen. Das ist leichter realisierbar, als die konventionelle Energiewissenschaft unterstellt.
Man muss nur die praktische Fantasie von der Leine des herrschenden Denkens lassen: Eine Windkraftanlage mit der Kapazität von 1,5 Megawatt produziert bei durchschnittlichen Windbedingungen jährlich etwa 3 Millionen Kilowattstunden; für eine Strommenge von 17,2 Billionen müssten also weltweit 5,7 Millionen Windkraftanlagen der genannten Bauart installiert werden. So viele Windräder zur Stromerzeugung, allerdings deutlich kleinerer Bauart, drehten sich in den dreißiger Jahren allein in den ländlichen Gebieten der USA - bevor die Überlandleitungen kamen, die den Strom aus den Großkraftwerken lieferten. Analog dazu ergibt die Hochrechnung der Photovoltaik, der direkten Umwandlung von Sonnenlicht in Strom, auf den Gesamtbedarf: Schon bei dem heutigen - also noch weit verbesserungsfähigen - Jahreswirkungsgrad von 10 Prozent der Solarzellen und bei einer durchschnittlichen globalen Sonneneinstrahlung von 1700 Kilowattstunden pro Quadratmeter wären etwa 100 000 Quadratkilometer Solarzellenmodule nötig, um den für 2010 errechneten Gesamtstrombedarf der Welt zu erzeugen - die Fläche bestehender Gebäude, in die man diese Module integrieren könnte, beträgt nur einen Bruchteil davon. Dies sind aber nur zwei - in ihrer Ausschließlichkeit unnötige - Optionen für Vollbedarfsrechnungen. Denn bei den erneuerbaren Energien werden die Energieformen stets vielfältig gemischt.
Und neben Windenergie und Photovoltaik gibt es noch ungezählte Möglichkeiten der Stromerzeugung: kleine Laufwasser- und Wellenkraftwerke, größere solarthermische Kraftwerke im Sonnengürtel der Erde oder Gezeitenkraftwerke in Flachküstengebieten, das Erdwärmepotenzial oder eben die Bio-Energie. Wenn all diese Möglichkeiten sich wechselseitig ergänzen, muss keine Option vollständig ausgeschöpft werden. So beantwortet sich auch die übliche Frage, was denn geschehen wird, wenn keine Sonne scheint oder der Wind nicht weht.
Der Wärmebedarf in Häusern, der in Europa etwa ein Drittel des Gesamtenergiebedarfs ausmacht, könnte in den nächsten Jahrzehnten allein durch das solare Bauen befriedigt werden, indem auf verschiedenste Weise die Solarwärme vom Gebäude eingefangen und gespeichert wird; derartige energieautarke Nullemissionshäuser gibt es schon heute zu nur noch geringfügigen Mehrkosten, sogar im nicht unbedingt sonnenprivilegierten Deutschland. Den Bedarf an fossilem Kraftstoff für Straßen-, Wasser- und Lufttransporte berechnet die IEA für 2010 auf jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Erdöl. Die am nächsten liegenden Möglichkeiten, solche Mengen zu ersetzen, bietet die Bio-Energie. Auch deren natürliches Potenzial wird grob unterschätzt. Die gesamte natürliche photosynthetische Jahresproduktion - also aller Pflanzenwuchs auf dem Erdball - beträgt 220 Milliarden Tonnen Trockenmasse, die jeweils den halben Energiegehalt von Erdöl haben. Bei einem durchschnittlichen Energieertrag von nur 15 Tonnen Trockenmasse pro Hektar - ein gemäßigter Durchschnittswert - ergibt sich, dass daraus ein Erdöläquivalent von 7,5 Tonnen gewonnen werden könnte. Für 1,3 Milliarden Tonnen ergäbe dies einen energiepflanzlichen Flächenbedarf von 1,75 Millionen Quadratkilometern aus nachhaltiger Forst- und Landwirtschaft. Dem gegenüber stehen erdenweit 40 Millionen Quadratkilometer Waldfläche, 10 Millionen Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutzfläche und 49 Millionen Quadratkilometer Wüsten- und Halbwüstengebiete, von denen ein großer Teil revegetationsfähig ist, und sei es durch Aufforstung.
Schon diese nur skizzenhaft zusammengestellten Daten machen deutlich, dass der gesamte Energiebedarf der Menschheit durch Mischstrukturen erneuerbarer Energien befriedigt werden könnte, auch wenn für die Realisierung ein längerer Zeitraum als der bis zum Jahr 2010 nötig wäre. Der Weg dahin kann aber verkürzt und erleichtert werden durch Energieeffizienzsteigerungen und damit verbundene Spareffekte sowie durch die Optimierung der Umwandlungstechniken bei den erneuerbaren Energien, die bisher nur ein Stiefkind der öffentlichen und privaten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sind.
Die Realisierung dieser Energiewende zu einer solaren Weltwirtschaft erfordert vielfältige politische und wirtschaftliche Kraftanstrengungen. Doch dazu sind weder traditionelle noch moderne Politik, weder "old economy" noch "new economy", weder überkomplexe moderne Natur- und Technikwissenschaft noch unterkomplexe Vereinfacher der postmodernen Kultur bereit. Wenn es ans Eingemachte der Ökosphäre geht, sehen auch die lautstärksten Vorbeter des "Neuen" alt aus. Sie schwelgen zwar von neuen Revolutionen - durch Bio-, Informations- oder Nanotechnologien -, doch zugleich konservieren sie die fossile Energiebereitstellung. Sie begeistern sich für Ideen der Begrünung des Planeten Mars und für Hotelbauten auf dem Mond - und betrachten es gleichzeitig als unrealistisch, unseren grünen Planeten grün zu erhalten. Noch immer werden für die Entwicklung eines Atomfusionsreaktors - also für den Versuch, den Fusionsprozess im 150 Millionen Kilometer entfernten Sonnensystem in einer technischen Anlage auf der Erde zu kopieren - auch im rot-grünen Deutschland mehr Forschungsmittel bereitgestellt als für die diversen technischen Möglichkeiten, die ohnehin einstrahlende Sonnenenergie in eine Nutzenergie umzuwandeln. Es dominiert nicht die Neugier auf die Alternative unerschöpflicher und emissionsfreier Energienutzung, sondern die Altgier auf erschöpfliche und umweltzerstörende fossile Energien und die sich daraus ergebenden zentralistischen Dinosauriertechnologien.
Die energetische Verödung der natürlichen Lebensgrundlagen resultiert vor allem aus einer grundlegenden Krise des politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Denkens, die sich auch auf die Weltklimapolitik auswirkt: 1992 auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro und in deren "Agenda 21"-Manifest offiziell eingeleitet, sollte sie den Ausweg aus der Krise bringen. "Last exit Rio" hieß es ebenso alarmierend wie hoffnungsvoll. Die anschließende Serie von Weltklimakonferenzen der Regierungen hatte zum Ziel, sich auf gemeinsame Strategien gegen die gemeinsam erkannten praktischen Konsequenzen aus einer gemeinsam gewordenen Gefahrenlage zu einigen.
Knapp zehn Jahre später steht nun diese Politik mit leeren Händen da, obwohl es noch 1997, als sich die Weltklimakonferenz auf das Kyoto-Protokoll verständigte, so schien, als würde das Licht, zumindest eine Funzel, am Ende des Tunnels sichtbar. George W. Bush junior, dessen Vater immerhin die noch unverbindlichen Rio-Dokumente mitgetragen hatte, spielt nun ganz aggressiv die Rolle des globalökologischen Übeltäters. Doch steht er damit keineswegs allein da. Schon sein Vorgänger Bill Clinton und dessen Vize Al Gore, 1993 noch Hoffnungsträger einer ambitionierten Weltklimapolitik, haben diese während ihrer Amtszeit bis zur Unkenntlichkeit kompromittiert. 1995, auf der Weltklimakonferenz in Berlin, scheiterte jede Vereinbarung am "Njet" der Energiepolit-Kommissare aus den USA. Al Gore, Autor des Buches Balance of Earth, hatte es vorgezogen, gar nicht erst in Berlin zu erscheinen, um sich angesichts seiner früheren Forderungen nicht vor der Weltöffentlichkeit blamieren zu müssen. 1997, in Kyoto, erzwang die führende Politik- und Wirtschaftsnation Verwässerungen zu Gunsten ihrer Konzerne; die ihnen proportional zugedachten Emissionsminderungen seien wirtschaftlich unzumutbar. 1999 blieb eine weitere Weltklimakonferenz in Bonn zur praktischen Verwirklichung des schon vereinbarten Kompromisses erfolglos. Ende 2000 scheiterte die nächste Konferenz in Den Haag an weiteren unverdaulichen Verschlechterungsforderungen aus Washington. Doch auch die EU spreizte falsche Federn. Warum hat bisher kein einziges Mitgliedsland der EU das Kyoto-Protokoll von 1997 parlamentarisch bestätigt? (. . .) Global reden, national aufschieben: das ist die Bilanz eines Jahrzehnts Weltklimapolitik. (. . .)
Die Gründe dafür sind schon in der "Agenda 21" vorgezeichnet, die es nicht wagte, mit den Strukturen der umweltzerstörenden Energiebereitstellung zu brechen und deren Denkweisen hinter sich zu lassen; die also mit den Repräsentanten des umweltzerstörenden Energiesystems neue Strategien der globalen Umwelterhaltung zu entwickeln versuchte. Akkurat listet das "Agenda 21"-Dokument die globalen Umweltgefahren auf - von den Klimaveränderungen bis zum Ozonloch, vom Waldsterben bis zur grassierenden Wüstenausdehnung, von der Bodenerosion bis zur Gewässerverschmutzung. Zu jeder einzelnen Gefahr werden separate Maßnahmen empfohlen - eine beeindruckende Enzyklopädie umweltpolitischer Vorschläge, dem partikularisierten Wissenschaftsverständnis getreulich folgend, das für hochkomplexe Probleme hochspezialisierte Rezepturen anbietet. Dass diese Umweltgefahren im Kern eine gemeinsame Ursache haben - nämlich die fossilen Energieeinträge und -emissionen, ob in Form direkt oder (im Falle petrochemischer Düngemittel) indirekt genutzter Energie, ob durch energetisch ungenutzte organische Abfälle oder durch Havarien von Erdöltankern -, bleibt dabei ausgeblendet. Auch die Autoren und Verfechter der "Agenda 21" sind nicht auf den Punkt gekommen: auf die "Agenda 1", die Ablösung fossiler durch erneuerbare Energien. (. . .)
Infolgedessen erscheint dann auch die fossile Energiewirtschaft als unverzichtbar. Dann steht auch nicht die Ablösung fossiler durch erneuerbare Energien zur Debatte, sondern die Effektivierung des konventionellen Energiesystems - und die dafür notwendige Allianz mit dessen Global Players. So entstanden die Mesalliancen der Weltklimapolitik - vergleichbar einem Versuch, den Drogenhandel im Konsens mit den Drogenhändlern zu bekämpfen. Damit hat man den Zukunftsgarten den Böcken ausgeliefert: Die fossile Energiewirtschaft kann nicht neutral sein gegenüber den verschiedenen Energiequellen. Sie ist mit ihren Infrastrukturen und Techniken der Energiebereitstellung und ihren Unternehmensformen maßgeschneidert für die fossilen Energien - und damit festgelegt auf den Weg von relativ wenigen Förderplätzen zu den zahllosen Energiekonsumenten auf dem Erdball. Da erneuerbare Energien im Gegensatz dazu als natürliche Umgebungsenergie jeweils in derselben Region mit technischer Hilfe geerntet und umgewandelt werden können, in der die Energie auch genutzt wird; da sie also nicht konzentriert gefördert, sondern breit eingefangen werden können; da die Primärenergie von der Natur kostenlos oder aus regionalen Land- und Forstwirtschaften geliefert wird und die relativ wenigen Großanlagen fossiler Energieversorgung durch zahlreiche, miteinander korrespondierende oder gar autonom arbeitende Kleinanlagen ersetzt werden - aus all diesen Gründen unterminieren aktiv genutzte Sonne, Wind, Wasser und Biomasse das etablierte Energiesystem.
Das fossile Energiesystem ist mit seinen längst globalisierten Bereitstellungsketten - von der Förderung über zahlreiche aufwendige Transport- und Verarbeitungsschritte bis zum Endverbraucher - in diesen gefesselt. Es ist nicht möglich, erneuerbare Energien ökonomisch sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig die Strukturen konventioneller Energieversorgung aufrechtzuerhalten. Die Substitution fossiler Energien durch erneuerbare Energien führt nicht zur Transformation, sondern zur allmählichen Auflösung der Energiewirtschaft. Deren angestammte Rolle wird dann eingenommen von den Produzenten der neuen Energietechniken. Etwa von den solaren Hausbauern und von den Energielieferanten aus Land- und Forstwirtschaft. Da die Sonne und der Wind nicht privatisier- und monopolisierbar sind, verschwinden mit ihrer energetischen Nutzung die Lieferanten von Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran Zug um Zug von der Bildfläche des Erdballs. Dieser Strukturwandel ist die einzige ökologische Chance und die dafür erforderliche industrielle Mobilisierung der Techniken zugleich die am weitesten reichende neue ökonomische Chance der Menschheit - und ihr Preis fürs Überleben. In der Technikgeschichte gibt es seit Beginn des Industriezeitalters kein Beispiel dafür, dass eine Mobilisierung neuer Techniken durch deren Opfer erfolgte, und keines dafür, dass eine technische Revolution zeitgleich und weltweit auf der Grundlage einer internationalen Konvention stattfand, getragen von einem Konsens aller Regierungen. Man muss Bush dankbar sein, dass er diesem Spiel ein Ende bereitet, auch wenn seine Motive die denkbar falschen sind. Ohne den Ausstieg der amerikanischen Regierung wäre der globale Emissionshandel schon eingeführt worden mit zahllosen Missbrauchs- und Umgehungsmöglichkeiten zum Schutz etablierter Strukturen. Die Blockade Bushs ist damit auch die Chance für den direkten Weg zum Klimaschutz: die Initiierung einer Einführungsdynamik für erneuerbare Energien, die auf den Konferenzen bisher allenfalls eine Nebenrolle spielten. (. . .)
Die bisherige Weltklimapolitik ist gescheitert an Missverständnissen und Mesalliancen zwischen den internationalen Organisationen, Regierungen, dem partikularisierten Wissenschaftsbetrieb, ja den verschiedenen Wirtschaftszweigen selbst, die die potenziellen Gewinner der ökologischen Energiewende sind, und der fossilen Energiewirtschaft, die ihr großer und einziger Verlierer sein wird. Deren Restchance läge darin, von der Rolle des Energieanbieters in die des Produzenten neuer Energietechniken zu mutieren, so wie es BP oder Shell in allerdings winzigen Schritten versuchen. Sie sind dazu aber weniger prädestiniert als diejenigen Wirtschaftszweige - von der Elektrotechnik bis zur Bautechnik - , die die Produktion und Vermarktung dieser Techniken bereits beherrschen. Fossile Energiekonzerne würden auch in der neuen Rolle nie wieder vergleichbare Umsätze machen wie heute, schon weil ihre Funktion als Primärenergielieferant entfällt. Auch deshalb sind sie als "Vorreiter" ungeeignet. Die Weltökologiekrise kann nur durch bahnbrechende Initiativen und Aktionen aus der Gesellschaft überwunden werden, die die Industrialisierung erneuerbarer Energie- und Effizienztechniken und die wirtschaftskulturelle Mobilisierung der dafür notwendigen Träger und Investoren vorantreiben. Die bisherige Weltklimapolitik hat sich erledigt. Dass dies durch das Verhalten der amerikanischen Regierung offenkundig wurde, darin liegt die Ironie ihres Scheiterns - das im Übrigen vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass die amerikanische Regierung nicht nur Partner in der Mesalliance mit der Energiewirtschaft, sondern als Präsidentschaftsclan Teil der Ölindustrie selbst ist.
Die Weltklimakonferenzen bisherigen Musters sind passé. Ihr eigentlicher Stellenwert war die internationale Anerkennung der Weltklimagefahren. Ihr künftiger Stellenwert muss sein, diese Anerkennung des Problems gegenüber Verdrängungsversuchen aufrechtzuerhalten - und könnte vielleicht sein, endlich die richtigen Themen auf die Tagesordnung zu setzen:
Etwa den Abbau der abenteuerlichen
jährlichen Subventionen für die fossilen Energien in Höhe
von 300 Milliarden Dollar oder der gemeingefährlichen Treibstoffsteuerbefreiung
für Flugtreibstoffe, obwohl der dramatisch wachsende Flugverkehr die
gefährlichste aller Klimazeitbomben ist. Zu einem weltweiten Konsens
über die Abschaffung dieser global umweltzerstörenden und sogar
markt- und wettbewerbswidrigen Subventionierung des fossilen Weltkriegs
gegen die Natur werden sie auch dann nicht kommen. Aber deren Thematisierung
kann dazu beitragen, die richtigen Allianzen von Akteuren für das
Lösungspotenzial durch erneuerbare Energien zu finden. Krisen, wie
gesagt, kann man lösen. Wenn man dazu den zielgerechten Willen aufbringt.
(...)