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Sieben Gedanken zum internationalen
und deutschen Emissionshandel
| Manuskript eines Vortrags
von Christoph Bals bei der Veranstaltung "Flexible Instrumente zur Erreichung
des Klimaschutzzieles - Freikauf oder Effizienzgewinn?" (Berlin, 16.10.2000) |
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Erstens: Zweck des Emissionshandel ist
effizienter Klimaschutz
Wir dürfen nie aus dem Auge verlieren,
um was es eigentlich beim Emissionshandel zu gehen hat: um Klimaschutz.
Im wesentlichen gelten unverändert die Vorgaben der verschiedenen
Enquete-Kommissionen des Bundestages: Bis 2005 sollten die Industrieländer
ihre Treibhausgase um 25 Prozent, bis 2020 um 40 Prozent und bis 2050 um
80 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Natürlich geht es um absolute
Reduktionsziele. In welcher Relation diese Ziele zum BSP-Wachstum stehen,
ist für das Klimasystem bedeutungslos.
Zweitens: Die Dynamik des Marktes für
den Klimaschutz nutzen
Im Instrument des Emissionshandels liegen
große Chancen und große Risiken. Es liegt jetzt ganz viel Geld
auf dem Tisch. Viele Milliarden könnten schon vor 2012 über den
Tisch wandern. Das heißt: Viele Akteure, die nicht am Klimaschutz
sondern am Geld verdienen Interesse
haben, bekommen sinnliche Augen. Das
ist exzellent so. Die großen Aufgaben des internationalen Klimaschutzes
werden wir nur in die Tat umsetzen können, wenn ganz viele Akteure
aktiv im Sinne des Klimaschutzes werden, gerade auch die, die eigentlich
ganz andere Interessen verfolgen. Das gelingt aber nur, wenn die Regeln
so gestaltet werden, daß jede der Transaktionen im Rahmen des Emissionshandels
tatsächlich dem Klimaschutz zugute kommt. Und zwar nicht nur auf dem
Papier, sondern in der Realität. In diesem Zusammenhang sollte auch
klar sein, was der Emissionshandel nicht leisten kann. Er wird bei genügend
scharfer Zielsetzung durch seinen Fokus auf die kostengünstigsten
Maßnahmen der CO2-Reduzierung zwar die Energieeffizienz der Gesellschaft
voranpeitschen, aber (bei fehlender Internalisierung der externen Kosten)
nicht die Erneuerbaren Energien im erforderlichen Ausmaß fördern.
Dazu bedarf es zusätzlicher Fördermaßnahmen.
Drittens: Jetzt eingebaute Schlupflöcher
in den Kyoto-Mechanismen drohen langfristigen Bestand zu haben
Ich gehe davon aus, daß derzeit
- zwischen Kyoto und Den Haag - das Design für den internationalen
Klimaschutz in den kommenden Jahrzehnten gestaltet wird. Ich bin überzeugt:
Die Regeln für den Emissionshandel, für Joint Implementation
und den Clean Development Mechanismus (CDM) - sie werden im Großen
und Ganzen bleiben; sogar unabhängig davon, ob das Kyoto-Protokoll
tatsächlich in Kraft tritt oder nicht. (Eine gewagte These, aber ich
halte die Wette). Deswegen kämpfen die deutschen und internationalen
Nichtregierungsorganisationen mit Gott und Teufel gegen Webefehler in diesen
drei Mechanismen - gegen die sogenannten Schlupflöcher.
Viertens: Die Schlupflöcher im
einzelnen
Das wohl gewaltigste Schlupfloch könnte
die Einbeziehung der Senken - also etwa der Wälder als "Kohlenstoffauffänger"
- werden. Dies betrifft generell die Regeln für den Einbezug der Senken
ins Protokoll und damit in den Emissionshandel. Und es betrifft insbesondere
die Regeln für den projektbasierten Handel in Entwicklungsländern,
den CDM. Es hat mich lange Zeit gekostet, dies so deutlich auszudrücken.
Denn natürlich wünschen wir uns sehnlich, daß artenreiche
Wälder geschützt, erhalten und sogar neu angelegt werden. Aber
bei den derzeit diskutierten Regeln sind so große Gefahren für
das Klima und auch für artenreiche Wälder, die die Lebensgrundlage
für so viele Menschen sind, im Spiel.
A) Die wissenschaftliche Ungewißheit.
Oft wird mehr CO2 im Boden als im Holz gespeichert, dies kann durch Bodenbearbeitung
teilweise freigesetzt werden. Ja, mehr noch. Die erwartete Temperaturerhöhung
durch den globalen Klimawandel wird vermutlich dazu führen, daß
viele Wälder, die heute Senken sind, zu CO2-Quellen werden. Bei bis
zu 200 Prozent Ungewißheit kann man schlecht einen seriösen
Emissionshandel aufbauen.
B) Die Dauerhaftigkeit. Kohlenstoff
in Kohle, Öl oder Gas ist – solange sie in sicheren geologischen Lagern
ruhen, dauerhaft gespeichert. Aber Wälder können, wie kürzlich
in den USA, abbrennen. Sollen dann, wenn die Brände nicht nachweisbar
von Menschen gelegt sind, die abgebrannten Wälder trotzdem der CO2-Bilanz
gutgeschrieben werden, wie es einige wichtige Länder fordern?
C) Die Wälder sind Lebensraum
für zahlreiche Menschen, nicht nur aber insbesondere von indigenen
"Völkern". Ist dann damit zu rechnen, daß sich große Konzerne
im Rahmen des CDM die Rechte an diesen Wäldern sichern und die entsprechenden
Menschen vertreiben oder deren Waldnutzung unterbinden?
D) Im Rahmen des CDM ist sogar bislang
die Gefahr nicht gebannt, daß artenreiche Regenwälder abgeholzt
und durch schnell wachsende Baumplantagen ersetzt werden und dann die Akteure
auch noch CO2-Zertifikate dafür bekommen. Wälder sind mehr als
CO2-Senken. Der Klimaschutz darf nicht zu einer Bedrohung für Wälder
und darin lebende Menschen werden.
Die anderen zentralen Schlupflöcher
will ich schnell erwähnen. Es gilt zu vermeiden, daß im Rahmen
des CDM business-as-usual-Projekte, die ohnehin stattfinden, im großen
Maßstab Zertifikate erhalten. Im negativen Extremfall könnten
fast alle Investitionen in Entwicklungsländern, weil sie wegen des
normalen technischen Fortschritts energieeffizienter sind als alte Techniken
im entsprechenden Land, Zertifikate erhalten. Neue zusätzliche Technologien
würden dann nicht gefördert. In den Entwicklungsländern
würde kein zusätzlicher Klimaschutz stattfinden, aber in den
Industrieländern müßte viel weniger Klimaschutz gemacht
werden, als in Kyoto versprochen. Diesen Etikettenschwindel gilt es zu
begrenzen durch eine Kombination von Regeln für Zusätzlichkeit
(Additionality), Zulassungskriterien (Eligibility), Festlegung des Referenzszenarios
(Baseline) und eine Positivliste für CDM-Projekte, wie sie die EU
vorgelegt hat.
Außerdem ist zentral, auf die
Haftungsregeln im Rahmen des Emissionshandels zu achten. Im einen Extremfall
(Seller Liability) wird der Suchmechanismus des Marktes darauf ausgerichtet,
alle CO2-Obligationen (oder Lizenzen), die auf dem Markt sind, egal ob
der Verkäufer seriös ist, ob er die notwendige Berichterstattung
installiert hat oder mehr verkauft als er verkaufen darf, möglichst
kostengünstig aufzukaufen. Im anderen Extremfall (User Liability,
oft auch als (Last)-Buyer Liability bezeichnet), sucht der Marktmechanismus
gezielt nach seriöser Ware. Jeder Käufer weiß: wenn ich
unseriös einkaufe, muß ich damit rechnen, daß mir die
gekauften Obligationen entwertet werden. Sofort würden Rating-Agenturen
entstehen, die die Seriosität der Verkäufer einschätzen
würden. ... (Wenn es - was unwahrscheinlich ist - wirklich starke
Sanktionen bei Nichterfüllung der Ziele oder Berichtspflichten gäbe,
würde der Punkt an Bedeutung verlieren.).
Es gibt zwei weitere Punkte, die
zwar nicht das gesamte System dauerhaft unseriös gestalten würden,
aber doch als häßliche Warzen auf der Oberfläche den Ruf
des Systems beschädigen würden. Zum einen, wenn im Rahmen des
CDM der Export von Atomtechnologien erlaubt würde. Unabhängig
davon wie groß man die Gefahr einschätzt, daß dies tatsächlich
in großem Ausmaß geschieht - für die Umweltverbände
ist es fast unmöglich einen Atomexport-Mechanismus zu begrüßen.
Zum anderen die sogenannte Hot Air. Das Problem liegt darin, daß
einige Länder (vor allem Rußland und die Ukraine) in Kyoto Ziele
erhalten haben, die sie ohne jede Klimaschutzaktivitäten deutlich
unterschreiten werden. Das nicht gebrauchte Kontingent an CO2-Obligationen
kann dann verkauft werden. Dies beeinträchtigt nicht den Mechanismus
und auch nicht das Gesamtziel der Industrieländer, den Treibhausgasausstoß
um 5 Prozent zu reduzieren. Aber es schädigt den Ruf des Emissionshandels,
wenn - ohne reale Klimaschutzgegenleistung - an die russische Regierung
(viele meinen indirekt an die russische Mafia ) Milliarden-Beträge
überwiesen werden müssen.
Fünftens: Die deutsche Regierung
sollte dauerhaft weder Senken noch Atomkraft in CDM-Projekten akzeptieren
GERMANWATCH fordert deshalb die Bundesregierung
auf, noch vor dem Klimagipfel in Den Haag klarzustellen, daß sie
für aus Deutschland im Rahmen des CDM getätigte Projekte weder
Senken- noch Atomkraftprojekte akzeptieren wird.
Sechstens: Nationaler Emissionshandel
in Deutschland braucht Druck oder Anreize
Ich komme zum Handel in Deutschland.
Es ist ganz klar, daß es ohne entsprechenden Druck oder Anreize,
Zuckerbrot oder Peitsche, keinen ernsthaften nationalen Emissionshandel
geben wird. Ohne Anreize kein Handel. In dieser Hinsicht bin ich stark
irritiert über den Entwurf (11.09.2000) der Vereinbarung zwischen
deutscher Regierung und BDI zum Klimaschutz. "Dabei haben sich die Beteiligten
darauf verständigt, die bisherigen einseitigen Erklärungen auf
eine gemeinsame Basis zu stellen und damit auch die beiderseitige Verbindlichkeit
der Zusagen zu unterstreichen" (S. 2). In dem Papier heißt es: "Die
Bundesregierung ist bereit, auf zusätzliches Ordnungsrecht zu verzichten,
solange die "Vereinbarung ..." erfolgreich umgesetzt und gemäß
Ziffer V gemeinsam weiterentwickelt wird. In diesem Zusammenhang wird sie
auf die Einführung eines verbindlichen Energieaudits verzichten. Im
Hinblick auf steuerliche Maßnahmen hat die Bundesregierung bereits
beim Einstieg in die ökologische Steuerreform die Anstrengungen der
Wirtschaft auf Klimavorsorge berücksichtigt. Sie wird sich dafür
einsetzen, daß der an der Vereinbarung teilnehmenden Wirtschaft auch
bei der Fortentwicklung der ökologischen Steuerreform im internationalen
Vergleich keine Wettbewerbsnachteile entstehen und u.a. auch angesichts
der ausstehenden europäischen Harmonisierung der Energiebesteuerung
die Nettobelastung der Unternehmen einen tragbaren Selbstbehalt nicht übersteigt"
(S. 3f). Werden hier Zuckerbrot und Peitsche aus der Hand gegeben? Wie
soll den ohne den Anreiz von Öko-Steuer und Ordnungsrecht der Einstieg
in ein Emissionshandelsregime geschafft werden? Oder interpretiere ich
diese Sätze falsch?
Siebtens: Nationaler Emissionshandel
und Ökosteuer können sich gegenseitig unterstützen
Für mich stellt sich derzeit als
einziges realistisches Szenario für einen Einstieg in ein deutsches
Emissionshandelsregime folgendes Vorgehen dar: Wenn in etwa zwei Jahren
vermutlich aus EU-rechtlichen Gründen die Ausnahmeregeln für
Unternehmen für die Ökosteuer auslaufen, dann gilt es den Branchen
zu sagen: Ihr könnt jetzt entweder die Öko-Steuer akzeptieren
oder aber, als Branche (nicht als Einzelunternehmen), in eine nationales
Emissionshandelsregime mit absoluten Zielen hineinoptieren. Dieses Vorgehen
hat in verschiedener Hinsicht Charme. Zum einen könnte es als Weiterentwicklung
der freiwilligen Selbstverpflichtungen fungieren. Zum anderen würden
bei diesem Modell Öko-Steuer und Emissionshandel sich gegenseitig
stützen, statt diese Modelle gegeneinander auszuspielen. Außerdem
sehe ich die große Chance, daß sich ein paralleles Vorgehen
in Frankreich, Großbritannien und Deutschland organisieren ließe.
Die EU-Komission denkt übrigens, daß auf diesem Weg nicht nur
einem europäischen Emissionshandelsregime, sondern auch einer europäischen
Ökosteuer zugearbeitet werden könnte.
Das Ziel bei all diesen Überlegungen
heißt Klimaschutz. An dessen Umsetzung werden wir Taten und Worte
der Akteure messen.
zuletzt geändert
am 21.12.01