Der heftige Rückgang der Nachfrage im Schienenpersonenverkehr im Jahr 2002, also noch vor der Einführung des neuen Preissystems, ist für Germanwatch ein Alarmzeichen: die Verkehrspolitik hat sich auf Bundesebene offenbar vom Verkehrsträger Schiene stark zurückgezogen, sie will immer weniger gestalten und die weitere Entwicklung vor allem den Kräften des Marktes überlassen. Verkehrspolitische Ziele sind bei dieser Politik kaum noch sichtbar.
Die auf der Schiene abgewickelte Verkehrsleistung, d.h. die von den Fahrgästen zurückgelegte Reisestrecke, ist nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2002 im Personenverkehr um 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen.
Dies ist sicherlich zum einen auf die seit Ende 2001 verstärkte Reduzierung des Interregio-Angebots zurückzuführen, die in der Öffentlichkeit ein Bild der Bahn als der eines Unternehmens im Schrumpfen und im Abbau hinterlässt, das in weiten Teilen der Republik keine Zukunft hat. Der optische Zustand vieler Züge und Bahnanlagen unterstreicht zudem den Eindruck von Zerfall und Niedergang eines um das Überleben kämpfenden defizitären Unternehmens.
Ein weiterer Grund für den Rückgang des Verkehrs auf der Schiene liegt offenbar in der am 1. April 2002 durchgeführten 30-prozentigen Preiserhöhung beim "Schönen-Wochenende-Ticket" (SWT), ein bei sozial nicht privilegierten Bevölkerungsteilen sehr beliebtes Tarifangebot der DB AG. Entsprechend ging die Nachfrage nach Wochenendtickets im Jahr 2002 um beinahe 30 Prozent zurück, und entsprechend fanden weniger lange Fahrten mit Regionalzügen statt. Für die DB AG hat sich die Preiserhöhung demnach betriebswirtschaftlich kaum bemerkbar gemacht. Im Gegenteil, sie hat für die gleichen Einnahmen aus dem SWT viel weniger Fahrgäste durchschleusen müssen (und sich dadurch auch Reinigungsarbeiten erspart). Was sich in diesen Zahlen allerdings nicht widerspiegelt ist das Faktum, dass viel weniger Menschen Kontakt mit der Bahn bekommen und deren Vorteile erfahren. Die Bahn hat mit der Preiserhöhung beim SWT folglich die weitgehend kostenlose Werbemöglichkeit, die das SWT in sich birgt, stark zurückgefahren und damit eine weitere Chance vertan, Kunden zu werben, nur um gewisse Reinigungskosten und einige überfüllte Züge zu vermeiden.
Verkehrspolitisch ist ein Rückgang der auf der Schiene erbrachten Verkehrsleistung um sechs Prozent eine Hiobsbotschaft, zumal sich dieser 2003 mit dem neuen Fahrplan und den neuen Preisen verstärkt fortgesetzt hat. Haben doch die Bürger der Bahn in Scharen den Rücken gekehrt und ihre Verkehrsbedürfnisse auf andere Weise befriedigt. Gerade auch im Hinblick auf das neue Preissystem der DB AG muss die Politik bald entscheiden, ob sie sich weiter zurücklehnen will, oder ob sie nicht der Schiene eine zentrale Rolle in der zukunftsverträglichen Umgestaltung des Verkehrssystems zuschreibt und deshalb in Zukunft stärker gestaltend einzugreifen hat.
Manfred Treber, 8.4.03