Der Rheinland-Pfalz-Takt (RPT) - d.h. die Realisierung des Integralen Taktfahrplans für eine ganze Region verbunden mit mehreren Streckenreaktivierungen (vgl. Pro Bahn Zeitung Oktober / November 1995, S. 5ff) - gilt bundesweit als Vorbild für einen attraktiven Schienenpersonennahverkehr in der Fläche. Nachdem der RPT nun 500 Tage am Markt ist, kann aufgrund der Auswertung von Fahrgastzählungen eine erste quantitative Bilanz gezogen werden.
Ausgangspunkt der Betrachtung soll die Finanzierungsvereinbarung zwischen dem Land Rheinland-Pfalz und der Deutschen Bahn sein, welche als Prämisse für die Vorstufe des RPT einen Nachfragezuwachs von mindestens 20 Prozent innerhalb von drei Jahren hat.
Die Fahrgastzählungen ergaben nun, daß bereits nach einem Jahr eine Steigerung der Nachfrage (in Personenkilometern) von sage und schreibe 43 Prozent eingetreten ist. Das Soll von drei Jahren ist also bereits im ersten Jahr deutlich übererfüllt worden.
Die nähere Analyse dieses ermutigenden Ergebnisses zeigt, daß ein sehr starker Nachfragezuwachs am Wochenende stattfand. Dies ist zum einen, wen wundert's, auf das "Schönes-Wochenende-Ticket" und andere Tarifangebote zurückzuführen. Aber das ist nur die Hälfte der Erklärung. Der andere Grund liegt in der Verbesserung des Fahrplanangebotes durch den Rheinland-Pfalz-Takt, ohne die die Fahrgäste gar nicht zu ihrem Ziel gekommen wären.
Gegenüber dem fast explosionsartigen Anstieg der Reisendenzahlen am Wochenende sieht der Anstieg der Verkehrsleistung unter der Woche mit 13 Prozent bescheiden aus. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß in dieser Zeitlage das Angebot nur relativ geringfügig verbessert werden konnte (vor allem in den Abendstunden), da es bereits vor der Einführung des RPT passabel war.
Angesichts der aufgezeigten hohen Nachfrage nach dem Produkt "Rheinland-Pfalz-Takt" stellt sich die Frage, woher diese Nachfrage kommt. Etwa vom Konkurrenten Pkw? Diese Vermutung ist leider zu verneinen. Dieses Ergebnis des RPT ist in dem Sinne kein Ausreißer, daß bereits in anderen Fällen (z. B. in Zürich) bei einer massiven Verbesserung des Öffentlichen Personennahverkehrs zwar entsprechende Nachfragezuwächse zu verzeichnen waren, jedoch praktisch keine Umsteiger vom Auto.
An diesem Beispiel zeigt sich wiederum der tiefsinnige Hintergrund der Forderung "Ausbau des ÖPNV und Rücknahme des motorisierten Individualverkehrs müssen Hand in Hand gehen" von Bundesminister Töpfer. Doch die Erfahrung des RPT demonstriert, daß dies nicht nur, wie Töpfer einschränkt, auf die Stadtverkehrsplanung zutreffen sollte, sondern auch für den Regionalverkehr gelten müßte, wenn Verlagerungen weg vom Individualverkehr das Ziel sind.
Der Rheinland-Pfalz-Takt hat also als Wermutstropfen die Erkenntnis, daß er zu keinen ökologischen Entlastungen führt, da die Verkehrszunahme nicht durch Umsteiger vom Pkw kommt, sondern Mehrverkehr ist.
Was bedeutet jedoch Mehrverkehr? Heißt es nicht, daß Personen, die bisher Mobilitätsbedürfnisse hatten und mangels Pkw nicht erfüllen konnten, diese jetzt erst, nachdem ein entsprechendes ÖPNV-Angebot zur Verfügung steht, befriedigen können? Der RPT vermindert also demnach die erzwungene Immobilität von gewissen Bevölkerungsgruppen. Er ist folglich bei den derzeitigen verkehrlichen Rahmenbedingungen nicht primär ein Instrument zur Verbesserung der ökologischen Situation, sondern ein Instrument des sozialen Ausgleichs, eine Maßnahme zur Erhöhung der Chancengleichheit.
Manfred Treber, 12.10.1995
Dieser Beitrag erschien unter dem
Titel "Die Langsamkeit entdecken. Das 'Schönes-Wochenende-Ticket'
aus ökologischer Sicht." in der Pro Bahn Zeitung, 15. Jahrgang Nr.63,
Ausgabe 5, Oktober/ November 1995, S.20