Manfred Treber, Oktober 1995
Ausgangspunkt für die Einführung des "Schönen-Wochenend-Tickets" (SWT) war der geringe Auslastungsgrad der Züge des Nahverkehrs am Wochenende. Mit der Steigerung des Auslastungsgrades durch tarifliche Maßnahmen (hier: SWT) können verschiedene Ziele verfolgt werden:
Doch vorab sei in einer einfachen, höchst groben Abschätzung dargestellt, welche Verkehrsleistung mit dem SWT im Jahr 1995 "erbracht" werden könnte: Geht man von wochenendlich durchschnittlich 150.000 verkauften SWT aus und setzt 2,5 Personen (bei einer durchschnittlichen Reiseweite, hin und zurück, von 300 km) pro Ticket an, kommt man auf etwa 5,6 Mrd. Personenkilometer, also 10 Prozent der Verkehrsleistung der Bahn.
Die ökologisch interessante Frage ist nun, wie groß der Anteil der Verlagerung vom Autoverkehr bei den 5,6 Mrd Pkm ist und wie groß der entstandene Verkehr (der verlagerte Bahn-Fernverkehr soll und kann hier nicht weiter betrachtet werden).
Unzweideutig ist nämlich festzustellen, daß das SWT keinen Beitrag zur Verkehrsvermeidung darstellt, denn es erhöht nicht den Raumwiderstand, sondern senkt ihn sogar. Dadurch wird zusätzlicher Verkehr erzeugt, was im Widerspruch zu den ökologischen Zielen steht.
Wenn allerdings Pkw-Fahrten auf den umweltverträglicheren Verkehrsträger Bahn verlagert werden, so ist dies ökologisch erwünscht. Dies geschieht jedoch nur in nennenswertem Umfang, wenn ein konkurrenzfähiges Angebot existiert, das erschwinglich ist, d.h. das in der Preiskonkurrenz zum motorisierten Individualverkehr - gerechnet gegenüber aufzuwendenden Benzinkosten - bestehen muß. Als "Konkurrent" ist beim SWT wohl der Familienausflug anzusehen - daher fünf Personen auf einem Ticket und der Preis von 15 DM, was für den "Milchmädchen-Rechner" einer Ausflugsziel-Entfernung von 50 km gleichkommt (entspricht 100 km Fahrtstrecke, also 10 l Benzin). Eine spürbare Erhöhung des Preises des SWT oder die Beschränkung auf eine Person würde das SWT gegenüber dem Pkw in vielen Fällen ins Abseits stellen und wäre damit ökologisch kontraproduktiv.
Da es sicherlich nicht Absicht des Geschäftsbereichs Nahverkehr bei der Einführung des SWT war, dem Geschäftsbereich Fernverkehr Fahrgäste abzuwerben, sollte eine Modifikation des SWT ins Auge gefaßt werden, wenn - und dies ist vordergründig kein ökologisches Argument - ein zu hoher Fahrgast- bzw. Umsatzverlust beim Fernverkehr auftritt. Eine ökologisch motivierte Änderung des SWT (d.h. Verminderung des induzierten Verkehrs und Beibehaltung des Anreizes zur Verlagerung von Pkw-Verkehr auf die Schiene) könnte die Modifikation aufweisen, daß der Geltungsbereich des SWT auf einen Bereich im Radius von 200 km vom Lösungsort beschränkt wird. Um die Kontrolle zu erleichtern und um dem Fahrgast Schutz vor versehentlichem Schwarzfahren zu bieten, sollte darüberhiaus ein zusätzlicher 50 km Toleranzbereich eingeführt werden, in dem keine Ahndung stattfindet, d.h. daß erst ab Entfernungen ab ca. 250 km vom Lösungsort ein Lösen eines weiteren Fahrscheines von der Fahrkartenkontrolle gefordert wird.
Abschließend soll noch anhand einer Beispielbetrachtung aufgezeigt werden, daß SWT-Ausflüge wahrhaft ökologisch verträglich sind:
Geht man davon aus, daß der Ausflügler bei der SWT-Reise mit durchschnittlich 50 km/h unterwegs ist (bei einem Primärenergieverbrauch von 20 kWh pro 100 Personenkilometer (Pkm)), bedeutet dies einen Energieverbrauch von 10 kWh pro Person und Stunde bzw. eine CO2-Emission von 2 kg pro Stunde.
Vergleicht man dies mit einem Kurztrip mit dem Flugzeug (durchschnittliche Geschwindigkeit 740 km/h, Primärenergieverbrauch 55 kWh pro 100 Personenkilometer) - ein zugegeben frevlerhaftes Verhalten als Kontrast - der einen Energieverbrauch von 400 kWh pro Person und Stunde bzw. 100 kg CO2 pro Person und Stunde in die Luft bläst, so zeigt sich, daß der Flug die Atmosphäre, bezogen auf die Reisezeit, mindestens 50 mal so stark belastet wie der SWT-Ausflug.
Dabei wurde noch nicht einmal berücksichtigt, daß - entgegen der Rechnung - beim SWT-Ausflug kaum zusätzlicher Energieverbrauch induziert wird, da in erster Linie die Züge besser ausgelastet werden!
Es hat sich also herausgestellt,
daß das SWT ein vielversprechender Einstieg in die Entdeckung der
Langsamkeit ist. Gute Fahrt.
Erschien als:
Treber, M. (1995): Die Langsamkeit
entdecken. Das "Schönes-Wochenende-Ticket" aus ökologischer Sicht.
Pro Bahn Zeitung, 15. Jahrgang Nr.63, Ausgabe 5, Oktober/ November 1995,
S.20