Manfred Treber, Dezember 2004
Der vorliegende Beitrag enthält Eindrücke über die Verkehrssituation in Argentinien, die der Autor während eines knapp einmonatigen Aufenthaltes gesammelt hat. Der besondere Schwerpunkt liegt auf Nachhaltigkeitsaspekten, insbesondere dem Klimaschutz. Er beruht ausschließlich auf eigenen Beobachtungen, und es konnte nicht auf weitere Quellen zurückgegriffen werden.
Auf den ersten Blick enthält der Verkehr in Argentinien mehr Nachhaltigkeitselemente als der in den meisten Industrieländern Westeuropas, von Nordamerika und Australien ganz zu schweigen. Dies ist hauptsächlich begründet im noch relativ geringen Motorisierungsgrad (und folgend einer wichtigen Rolle des Öffentlichen Verkehrs), also scheinbar eine Folge des geringeren Wohlstands. Aber dies allein darauf zurückzuführen, würde den Blick auf die positiven Elemente der Organisation des argentinischen Verkehrs verstellen. Denn auch ohne eigenen PKW kann man in Argentinien viele verschiedene Mobilitätsbedürfnisse in zufriedenstellender Weise erfüllen.
Stadtverkehr
Buenos Aires als die mit Abstand größte Stadt des Landes ist so angelegt, dass der Modal Split (d.h. die Verteilung des Verkehrs auf die unterschiedlichen Verkehrsträger) notgedrungen nicht vom privaten PKW dominiert wird – zumindest für den Bereich der großen Innenstadt stößt das ins Auge: Zum einen werden die Straßen vor allem mit Taxen und Bussen befahren, zum anderen gibt es – wie in allen belebten Städten mit hoher Bevölkerungsdichte - gar nicht genug Straßen für einen dominierenden Anteil des PKW im Modal Split.
Dem Öffentlichen Verkehr in Buenos Aires stehen eine Untergrundbahn (die "Subte", mit fast 100 Jahren die älteste U-Bahn Lateinamerikas), eine große Zahl Stadtbusse, die bis relativ weit in das Umland verkehren, teilweise Semi-Expressbusse, welche nicht alle Halte bedienen, und Vorortbahnen zur Verfügung. Einen Tarifverbund gibt es nicht, bezahlt wird an Schaltern (U-Bahn, Vorortbahnen) – Eintritt nach Überwinden von Sperren – oder im Bus (aber nicht beim Fahrer, sondern unter dessen Aufsicht – er stellt den Fahrpreis selbst ein - durch Einwerfen von Münzen in einen danebenstehenden Automaten). Durch die hohe Nachfrage ist der Öffentliche Verkehr quasi ubiquitär. Dauernd kommen Busse, die bis spät in die Nacht (in der Innenstadt bis nach 2 Uhr) verkehren und meist gut besetzt, aber selten überfüllt sind. Allerdings ist es für Fremde nicht einfach, festzustellen, welche Ziele die Busse auf welchen Wegen bedienen. Ein Netzplan ist, abgesehen von der U-Bahn, nirgends angeschlagen, und Angaben über Fahrpläne, so diese überhaupt existieren, gibt es nicht.
Für eilige Kunden stehen in großer Zahl Taxen zur Verfügung, die das Angebot des Öffentlichen Verkehrs ergänzen. Große Defizite bestehen in der Innenstadt für die Fahrradinfrastruktur (d.h. es fehlen vor allem Fahrradwege bzw. -spuren), so dass dort kaum Fahrradfahrer zu sehen sind.
Auch wenn kein Datenmaterial gesichtet werden konnte, ist davon auszugehen, dass die Verkehrssituation in der Stadt mit wenig Ressourcenbelastung in einer überzeugenden Weise abgewickelt wird. Verbesserungswürdig ist die Lärmemission der Busse wie auch die Emissionen von Dieselruß.
Überlandverkehr
Personenfernverkehr per Eisenbahn mit attraktiven Reisezeiten ist auf reiche Industrieländer oder - in Entwicklungsländern - auf große Verkehrsströme beschränkt. Dies liegt daran, dass für die Einrichtung und den Unterhalt der Schieneninfrastruktur hohe Investitionen notwendig sind. Im Gegensatz zum Straßenverkehr erfordert Schienenverkehr einen guten Zustand der Infrastruktur, um auch nur mittelmäßige Geschwindigkeiten zu erlauben. Denn vorhandene Defizite können, anders als bei der Straße, nicht durch angepasste Fahrzeuge kompensiert werden.
Infolgedessen liegt der Schwerpunkt
des Personenüberlandverkehrs in Argentinien auf Bussen. Diese sind
auf dem Stand der Technik, so dass in den Weiten der argentinischen Pampa
Durchschnittsgeschwindigkeiten von 90 km/h erreicht werden, selbst wenn
die Trasse wegen Alterung nicht mehr unbedingt eben ist und die Fahrbahn
Schäden aufzeigt. Wegen der großen Distanzen wird eine große
Anzahl von Nachtbussen angeboten. Um die Reisezeit kurz zu halten, wird
die Verpflegung (Frühstück, Mittag- und Abendessen) - vergleichbar
mit dem Flugzeug – von Begleiterinnen auf Tabletts am Platz serviert. Dieser
Busverkehr wickelt offenbar die Mehrzahl der Verkehrsbedürfnisse im
Überlandverkehr ab, die Busbahnhöfe sind in ihrer Rolle und Konzeption
vergleichbar mit Bahnhöfen in Westeuropa oder sogar mit Flughäfen.
Dieser Fernverkehr ist äußerst klimaverträglich. Grob geschätzt
entstehen hierbei kaum mehr als 10 Gramm CO2 pro Personenkilometer (das
entspricht etwa 0,5 Liter/100 km - ein Wert, den man selbst bei voller
Besetzung auch mit dem sparsamsten auf dem Markt erhältlichen Auto
nicht erreicht).