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Wahlsieger Klimaschutz!?
Erwartungen an die Klimapolitik der
neuen Bundesregierung
Die Flut in Ostdeutschland hat die
rot-grüne Regierung zurück an die Macht gespült. 80 Prozent
der Deutschen wollen nach einer aktuellen Emnid-Umfrage eine deutsche Vorreiterrolle
im Klimaschutz. "Der Klimawandel ist keine skeptische Prognose mehr - er
ist bittere Realität", hatte der Bundeskanzler in Johannesburg ausgerufen.
Die Grünen hatten es dann gewagt, den Klimaschutz ins Zentrum ihrer
Wahlkampagne zu stellen - und erreichten das beste Ergebnis ihrer Geschichte.
Gelingt der Regierung nun eine glaubwürdige
Strategie für den klimaneutralen Atomausstieg? Dann müsste neben
den Erneuerbaren Energien die Kraft-Wärme-Kopplung einen viel günstigeren
Rahmen erhalten. Gibt Deutschland die Blockade eines verbindlichen und
seriösen EU-Emissionshandels auf? Wird die ökologische Finanzreform
weiter entwickelt? Gelingt der Einstieg in den Klimaschutz beim Flugverkehr?
Wird eine Initiative zum Ausbau der solarthermischen Stromerzeugung im
Sonnengürtel der Erde gestartet?
Unten finden Sie unsere Erwartungen
an die Klimapolitik der neuen Bundesregierung. Wir fordern die Verhandlungspartner
auf, zumindest die zentralen Punkte der folgenden Forderungen in den Koalitionsvereinbarungen
zu verankern.
Christoph Bals
Bereich Klimaschutz, Verkehrs-
und Energiepolitik für die Koalitionsvereinbarung 2002
Die jetzt gewählte Regierung
wird diejenige sein, welche die Zielerfüllung des 25 % Reduktionsziels
bei CO2 bis 2005 erreichen (und bei Misserfolg: verantworten) muss. Bei
unserer
Anfrage an die Fraktionen vor der Wahl
hatten sich die beiden Regierungsfraktionen zu dem Ziel bekannt.
1. Formulierung von Nachhaltigkeitszielen
im Klimaschutz (teilweise mit Zwischenzielen)
-
Der Umweltpolitische Sprecher der Grünen,
Reinhard Loske, hat - auch "im Namen des Spitzenkandidaten Joschka Fischer"
versprochen: "Wir werden dafür eintreten, dass Deutschland sich verpflichtet,
seine CO2-Emissionen um 40 Prozent bis zum Jahre 2020 (im Vergleich zu
1990) zu reduzieren". Auch die umweltpolitische Sprecherin der SPD, Ulrike
Mehl, hat im Namen der gesamten SPD Fraktion zugesagt, dass sie eine Verpflichtung
für dieses 40-Prozent-Reduktionsziel anstreben. Es wird eine Nagelprobe
für die neue Regierung, ob sie zu dem Versprechen der sie tragenden
Parteien steht.
-
Erhöhung des Anteils Erneuerbarer
Energien an der Stromerzeugung auf 12 Prozent bis 2006 und bis zum Jahr
2015 auf 20 Prozent. Es sollte der notwendige Rahmen gesetzt werden, damit
das EU-Ziel, bis 2050 50 Prozent des Primärenergieverbrauchs durch
Erneuerbare Energien bereitzustellen, erfüllt werden kann.
-
Erhöhung der Energieproduktivität
(entstandenes Bruttoinlandsprodukt pro Primärenergieverbrauch) um
jährlich 3 Prozent;
-
Verdopplung des KWK-Stromanteils bis
2010;
-
Ziele für den Umweltverbund als
Verkehrsträgeranteile am Verkehrsaufwand (Personenkilometer) für
2005, 2010.
-
Mindestens die Hälfte des Zuwachses
im Güterverkehr sollte auf der Schiene erfolgen.
-
Jährlich drei Prozent der Gebäudebestände,
die vor 1978 errichtet wurden, ökologisch zu modernisieren.
2. Unterstützung einer EU-Richtlinie
für ein wirksames Emissionshandelssystem
auf europäischer Ebene.
(Verbindlichkeit der Einführung; absolute Ziele; keine Verbindung
zu "heißer Luft" des internationalen Emissionshandels zwischen Staaten
zulassen; wenn projektbasierter Handel, dann nur auf der Basis eines "golden
Standard")
3. Deutschland sollte ein treibender
Motor bei den internationalen Klimaverhandlungen bleiben.
Insbesondere sollte eine Strategie
entwickelt werden, dem Gesamtziel der Klimarahmenkonvention (Artikel 2)
näher zu kommen. Dazu gehört - neben der ehrgeizigen Zielfortschreibung
in Deutschland und der EU - die Entwicklung einer Strategie, die den USA
die Rückkehr in den internationalen Klimaschutz erleichtert. Sowie
die Schaffung von Anreizen für Schwellenländer, noch aktiver
als bisher ihr Ziel des vermehrten Wohlstandes mit dem des Klimaschutzes
zu kombinieren.
4. Die Bundesregierung sollte sich
für einen Internationalen Klimaschadensfonds einsetzen
Dieser soll den vom Klimawandel
besonders betroffenen Menschen zugute kommen und - zumindest teilweise
- von den Verursachern des Treibhausgas-Ausstoßes gespeist werden.
5. Eine Strategie in Kooperation
mit ausgewählten Entwicklungs- bzw. Schwellenländern (evtl. auch
Transformationsländern)
Dort sind Erneuerbare Energieträger
in großem Maßstab einzuführen. Ein Schwerpunkt sollte
die Einführung von solarthermischer Stromerzeugung im Sonnengürtel
der Erde sein. Ein anderer der Anschluss bisher nicht an das Stromnetz
angeschlossener Personengruppen durch Erneuerbare Energieträger. Hiermit
kann der deutschen Erneuerbaren Energien Industrie ein zweites Standbein
entstehen. Die von Kanzler Schröder in Johannesburg angekündigte
Konferenz in Deutschland kann der Startschuss dafür werden.
6. Durchführung einer ökologisch-sozialen
Finanzreform
-
Abbau der ökologisch kontraproduktiven
Subventionen (Verkehr, Landwirtschaft, Energie - wie etwa Subventionierung
der deutschen Steinkohle). Dies sollte zur Senkung der Neuverschuldung
(Hälfte der Einsparung) sowie Durchführung von sichtbar als solches
ausgewiesenen Klimaschutzinvestitionen (durch andere Hälfte der Einsparung)
führen.
-
Weitere Internalisierung externer Effekte
der Energienutzung über eine kombinierte CO2-Energiesteuer für
alle Sektoren (und den Teil der Industrie), die nicht vom Emissionshandel
betroffen sind.
-
Maßnahmen bei der Altbausanierung
(dies als Paket mit "Beschäftigungsanreizprogramm Bauwirtschaft" sehen)
durch Steueranreize / Steuerbefreiung, wenn energetische Sanierungsmaßnahmen
durchgeführt werden. Durch einen Ökobonus für den selbstgenutzten
Eigenheimbestand auf breiter Basis Anreize für Investitionen in den
baulichen Klimaschutz geben.
-
Absenkung der Eigenheimzulage.
-
Absenkung der (verkehrsträgerunabhängigen)
Entfernungspauschale.
-
Besteuerung der vom Arbeitgeber kostenlos
bereitgestellten Pkw-Parkplätze für Beschäftigte als geldwerter
Vorteil.
7. Überprüfung der Ausbauziele
bei der Kraft-Wärme-Kopplung (Verdoppelung bis 2010)
Nachsteuern - etwa durch Einführung
einer mit der Zeit ansteigenden KWK-Quote, wenn sich abzeichnet, dass diese
verfehlt werden. Es müssen dringend Anreize für den Neubau von
KWK im kommunalen Bereich sowie in der industriellen KWK gesetzt werden.
Wenn dies nicht gelingt, wird der Atomenergieausstieg nicht klimaneutral
sein.
8. Umsetzung der Forderung der Enquete-Kommission
"Globalisierung der Weltwirtschaft" zum Flugverkehr
Insbesondere Unterstützung
der Einführung einer europäischen Emissionsabgabe im Flugverkehr
(ohne die Bedingung, dass andere Staaten außerhalb der EU dasselbe
tun); dies kann auch durch die Einführung von Nutzungsentgelten für
den Flug- (und Schiff-)verkehr geschehen, wie vom WBGU gefordert.
Für Ministerien und Unternehmen
sollte es zur Regel werden, dass der Ausstoß aller Treibhausgase
des Flugverkehrs durch "Golden Standard"-Projekte kompensiert werden.
9. Riester-Rente mit "Nachhaltigkeitsberichtspflicht"
Erstmals wurde für mehr Transparenz
bezüglich der sozialen und ökologischen Kriterien bei der Geldanlage
gesorgt. Gemäß den Forderungen der Globalisierungs-Enquete-Kommission
sollte dieser Weg zielstrebig weiter verfolgt werden. Nicht nur die Vorreiter,
sondern alle Riester-Produkte sollten jährlich darüber berichten,
ob sie Nachhaltigkeitskriterien anwenden und wenn ja, welche. Es gehört
zum Verbraucherschutz, dass jedermann weiß, nach welchen Kriterien
sein Geld angelegt ist. Deswegen sollte die jährliche Nachhaltigkeitsberichtspflicht
auf alle Formen der Kapitalanlage ausgedehnt werden.
10. Übertragung der Verantwortung
der regionalen Eisenbahnnetze weg von DB-Netz-AG ("Regionalisierung")
Dies ist ein unverzichtbarer Baustein
für eine effiziente Bewirtschaftung regionaler Schieneninfrastrukturen.
11. Flankierende Maßnahmen
zur Steigerung des Verkehrsträgeranteils der Schiene
-
Halber Mehrwertsteuersatz für Fahrscheine
des Personenfernverkehrs
-
Finanzierungsmechanismus für Schienengüterverkehr
(Gleisanschlüsse erhalten, neu anlegen) schaffen (etwa durch die nächste
Stufe der LKW-Maut).
-
Vereinbarung, die LSVA ("LKW-Maut")
zu erhöhen, falls die Verlagerung auf Schiene (und Binnenschiff) zu
gering ausfällt (siehe Ziel).
12. Finanzierung zur Erhaltung des
Schienen-Bestandsnetzes auf jetzigem Niveau fortführen
(d.h. so, wie es in den
3 Jahren durch die UMTS-Mittel möglich geworden war)
13. Umsetzung der Maßnahmen
im Nationalen Radverkehrsplan
14. Bundesverkehrswegeplan
Milliardenteure fragwürdige
Prestigeprojekte [wie etwa Schienen-Neubaustrecke Nürnberg - Erfurt,
Metrorapid sowie Pendant in München] einer neuen (volks)wirtschaftlichen
Prüfung unterziehen.
15. Schaffung einer Bundesstiftung
für nachhaltige Entwicklung
mit dem Schwerpunkt Globale Gerechtigkeit
aus den Währungsreserven der Deutschen Bundesbank. Neu unterstützt
wird diese Überlegung in Anlehnung an die Welteke-Vorschläge
(s. SZ vom 22.08.2002) zu einem Fonds für Opfer von Naturkatastrophen
aus dem Bundesbank-Goldschatz und Währungsreserven - das wäre
auch erweiterbar zu einem "Globalen Klimaschadensfonds".
Die Energiepolitik lässt sich
nur in engster Abstimmung mit den Notwendigkeiten der Klimapolitik konzipieren.
Deswegen halten wir es für unabdingbar, dass die Federführung
für die Energiepolitik künftig im Umweltministerium liegt.
Des weiteren unterstützt GERMANWATCH
die Forderungen
des Forum Umwelt & Entwicklung.
Rückfragen: GERMANWATCH,
Christoph Bals - Telefon: 0228 / 60 492 17
zuletzt geändert
am 7.10.02