Wenn die Familie eines kleinen Fischers im Senegal nicht mehr genug zu essen hat, dann gibt es dafür viele Ursachen. Die direkten Gründe für den schlechten Fang, für immer längere Fischzüge, liegen oft in einer Überfischung. Neben der handwerklichen Fischereiflotte des Senegal gibt es eine einheimische industrielle Flotte und vor allem ausländische Fangschiffe, überwiegend aus Europa. Diese treten in direkte Konkurrenz zu den kleinen Booten der senegalesischen Fischer. Daß die europäischen Schiffe dort fangen, hat mit der Politik der EU zu tun: im Nordatlanitik sind nicht mehr annähernd genug Fische für die riesige EU-Flotte, so daß diese Richtung Süden ausweicht. Damit die Flotte vor Afrika fischen darf, schließt die EU Abkommen mit den Küstenstaaten. Diese Abkommen erlauben der Eu-Flotte den Fang einer bestimmten Menge Fisch, dafür erhalten die Regierungen einen finanziellen Ausgleich und bestenfalls in geringem Umfang technische und institutionelle Hilfe.
Das skandalöse an der europäschen Fischereipolitik manifestiert sich darin, daß den Menschen dort ihr Grundnahrungsmittel entzogen wird, um die luxuriöse Versorgung mit Fischprodukten in Europa aufrecht erhalten zu können. Als Konsequenz sehen sich die Menschen in Westafrika durch die langfristige Zerstörung ihrer Nahrungsgrundlage bedroht.
Da in Zukunft nicht mit zunehmenden Fangmengen in westafrikanischen Gewässern gerechnet werden kann und gleichzeitig die Bevölkerung zunimmt, wird sich der Konkurrenzkampf zwischen dem handwerklichen und industriellen Fischereisektor zweifellos verschärfen. Außerdem werden die Preise für Fisch, welcher in diesen Ländern ein vergleichsweise preiswertes Grundnahrungsmittel ist, drastisch ansteigen, wodurch die Ernährungssicherheit westafrikanischer Bevölkerungen zusätzlich gefährdet sein wird (schon jetzt sind über 30% der Bevölkerung unterernährt).
Angesichts der intensiven Ausbeutung der marinen Ressourcen sind einige Zielsetzungen der europäischen Fischereipolitik nicht miteinander kompatibel. So wird der Anstieg von Beschäftigungsmöglichkeiten im Fischereisektor einhergehen mit weiteren Fangeinheiten in der Region Westafrika, was langfristig gesehen einen Rückgang der Produktivität, aber auch zurückgehende Einkommen aller Beteiligten zur Folge haben wird.
Auf der anderen Seite wird der Anstieg der Exporte der westafrikanischen Länder ein abnehmendes Potential für den einheimischen Markt mit sich bringen. Das aus diesen Exporten von hochwertigen Fischprodukten generierte Einkommen wird in vielen dieser Länder wiederum zum Import großer Mengen an Fisch mit niedrigem Marktwert verwendet, welcher den Bevölkerungen mit einer niedrigeren Kaufkraft zur Verfügung stehen kann. Der eigentliche bzw. vorgegebene Verwendungszweck dieser Deviseneinnahmen, Stärkung des Fischereisektors, wird nicht verfolgt, wenn diese konsumptiv für den Import eines Grundnahrungsmittels ausgegeben werden.
Zahlreiche westafrikanische Länder weisen ein Handelsdefizit an Fischprodukten auf. Eine Modernisierung von Fischereitechniken, welche im Hinblick auf die Einhaltung von EU-Hygienerichtlinien häufig notwendig ist, kann langfristig betrachtet zu einer Abnahme von Arbeitsplätzen führen, indem Beschäftigung durch Kapital substituiert wird.
Die EU betreibt keine langfristige Fischereipolitik. Es herrschen sektorielle Interessen und Praktiken und eine äußerst vertikale Organisation vor. Es existieren keine glaubwürdigen Foren, in denen unterschiedlichen Interessen eine Diskussionsplattform gegeben wird, um einen Konsens auszuarbeiten.
Nach Ansicht der Kommission streben die Regierungen der Entwicklungsländer vor allem ein technokratisches Management an; es dominieren zentralistische Administrationen. Eine Bewirtschaftung setzt aber immer ausreichende Kontrollen voraus, von denen es vor allem in Entwicklungsländern viel zu wenige gibt.
Aufgrund dessen sind Entscheidungen im Rahmen verschiedener Entwicklungsstrategien von außerordentlicher Bedeutung. Durch die Überfischung ist die erneuerbare, aber auch begrenzte Ressource Fisch einer permaneneten Bedrohung ausgesetzt. Deshalb muß im Mittelpunkt politischer Entscheidungen eine nachhaltige Entwicklungsstrategie für den Fischereisektor stehen. Dem handwerklichen Fischereisektor muß aus mehreren Gründen eine eindeutige Priorität zugestanden werden. Der Entwicklungspolitik hinsichtlich der industriellen Fischerei sind große Fehler unterlaufen. Insgesamt gesehen war sie sehr kostenaufwendig und unprofitabel. In etlichen Ländern rechtfertigt außerdem das Fischereipotential keineswegs die Aufrechterhaltung industrieller Flotten. Der Schwerpunkt muß die Entwicklung des handwerklichen Fischereisektors sein, welcher die nationale Produktion und Arbeitsplatzbeschaffung gewährleisten kann. Die handwerklichen Fischer Westafrikas können von eingeschränkten Fangmöglichkeiten für ausländische Flotten nur profitieren.
Zu den Optionen der westafrikanischen Küstenstaaten gehört auch der Stopp der EU-Fischereiabkommen. Mozambique und Namibia haben dies bereits praktiziert. Das Ergebnis in beiden Fällen bestand in der Gründung von Joint Ventures, der Einführung von Charterverträgen, umfangreicheren Kontrollen über die Ressourcenausbeutung, einem ansteigenden Wert der Fischexporte und der Entwicklung einheimischer Fischereipläne und -politiken.
Eine wesentliche Forderung auf europäischer Ebene besteht darin, die Ziele der EU-Fischereiabkommen vorab mit dem Europäischen Parlament zu erörtern. Das Parlament wird grundsätzlich zu spät und damit unter Zeitdruck sowie ohne die erforderlichen Informationen für die Bewertung eines Abkommens konsultiert. Außerdem fordert das EP, daß internationale Fischereiabkommen unter Anwendung des Zustimmungsverfahrens des Parlaments abgeschlossen werden. Für die meisten Fischereiabkommen gilt einzig das Konsultationsverfahren, d. h. das Europäische Parlament wird nur angehört und besitzt keinerlei Mitentscheidungsbefugnis. In Artikel 218 des Maastrichtvertrags ist jedoch ein Zustimmungsverfahren durch das Europäische Parlament gefordert, wenn größere finanzielle Folgen für die Europäische Union entstehen, wie es z.B. auch bei wichtigen Fischereiabkommen (vor allem mit Marokko, Mauretanien, Senegal) der Fall ist. Feststellungen und Forderungen des EP: stärkere finanzielle Beteiligung der Reeder; transparenter Umgang mit den internationalen Fischereiabkommen, d.h. offenlegen, wer zu den Nutznießern der Abkommen zählt; Durchführung einer Kosten-Nutzen-Analyse; verstärkte Zusammenarbeit mit den betreffenden Partnerländern, v.a. mit Entwicklungsländern, die keinen modernen Fischereisektor haben; die Abkommen werden zwischen zwei sehr ungleichen Partnern verhandelt.
Aufgrund der Ernährungssituation in den westafrikanischen Ländern muß es die Zielsetzung der Europäischen Union werden, die Kapazitäten ihrer Fernflotte in der Region zu reduzieren und innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren gegen Null zu fahren. Darüber hinaus müssen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Konzepte entwickelt und Maßnahmen ergriffen werden, die der sich in Zukunft noch verschärfenden Ernährungssituation dieser Länder Rechnung tragen und zur Gewährleistung der Ernährungssicherung dienen.
Für den Handel mit Fischprodukten
aus westafrikanischen Staaten ist es notwendig, einen verbindlichen Kriterienkatalog
im Sinne des Fair Trade zu entwickeln, der beispielsweise mit der Einführung
eines Siegels verbunden für mehr Transparenz auf Händler- wie
auch Verbraucherebene sorgen könnte.