Startseite  >  Unternehmen & Finanzsektor  >  Unternehmensverantwortung

Agrobusiness im Visier

Die Zivilgesellschaft macht mobil
 
 

Erschienen in Blickpunkt WeltHandel Nr. 2 / 2004
>> Komplettes Heft als PDF-Datei [680KB]

Die Landwirte in Deutschland schlagen Alarm: Milchbauern in ganz Deutschland setzen sich gegen die niedrigen Abnahmepreise von Milch zur Wehr. Jungbauern in Olpe/Westfalen kippten vor Wut einen Teil ihres Gemelks in den Gully. Sie geraten immer mehr unter den Preisdruck, der von Supermarktketten mit ihrer Marktmacht erzeugt und über die verarbeitenden Betriebe an die Bauern weitergegeben wird. Inzwischen teilen sich die 5 größten Supermarktketten einen Anteil von über 60 Prozent des deutschen Lebensmittelmarktes - vor 20 Jahren waren es nur 26 Prozent. Auch weltweit schreitet dieser Konzentrationsprozess voran. Deutsche Unternehmen gewinnen international an Bedeutung, die Handelskette Metro steht auf Rang 5 der weltweit größten Lebensmitteleinzelhändler. Damit ist sie zwar dem Weltmeister im Globalisieren - WalMart - noch um einiges hinterher, ist aber schon mit Niederlassungen in Ost- und Westeuropa sowie in vier Ländern Asiens aktiv. Zwar ist small auch nicht immer beautiful, aber in der Auseinandersetzung mit dem Lebensmitteleinzelhandel haben kleine Produzenten oft keine Chance, weil sie nicht in der Regelmäßigkeit und Menge liefern können, wie die Supermärkte es verlangen. Unter dieser mangelnden Verhandlungsmacht leiden Kleinbauern sowohl im Norden als auch im Süden.

Was im Milchsektor die Supermärkte, sind im Zuckerbereich die verarbeitenden Firmen: Dort konzentriert sich in Deutschland die Macht. Nur noch vier Unternehmen teilen sich den gesamten Markt, wovon das Größte, Südzucker, auch europaweit die Nummer 1 ist.

Diese zwei Beispiele machen deutlich: Verdient wird nicht in der Landwirtschaft sondern an der Landwirtschaft. Die Profiteure sind eine Reihe von Unternehmen im vor- und nachgelagerten Bereich. Und das Geschäft mit Saatgut, Düngemitteln, Pestiziden und Futtermitteln ebenso wie die Weiterverarbeitung und der Groß- und Einzelhandel mit Lebensmitteln.

USA: mit gebündelter Kraft gegen das Agribusiness

Vor zwei Jahren haben sich in den USA Gruppen ganz unterschiedlicher Couleur zusammengetan. Dabei sind: Farmergruppen, Lobbyaktivisten aus dem Umwelt- und Entwicklungsbereich, Kirchen, Verbraucherorganisationen, Akademiker und Gewerkschafter aus dem Nahrungsmittelbereich. Sie haben die "Agribusiness Accountability Initiative" (AAI) [1] ins Leben gerufen. Die Initiatoren haben erkannt, dass sie trotz teilweise gegensätzlicher Interessen ein gemeinsames Anliegen haben: ein verantwortungsvolles Agieren von Multis im Agrarbereich. Sie teilen die Sorge, dass monopolistische Marktmacht sich nachteilig auf Bauern und Verbraucher auswirkt. Nur mit gebündelter Kraft kann ausreichend Gegendruck entfaltet werden. Das Netzwerk will die Auswirkungen des transnationalen Agrobusiness auf Lebensbedingungen und Ernährungssicherheit von Bauern, Arbeitern, Verbrauchern und Gemeinden weltweit aufzeigen. Ziel ist auch die Vernetzung von verschiedenen Betroffenen sowie die Unterstützung von bereits existierenden und neuen Kampagnen für Unternehmensverantwortung. Außerdem wollen sie sich für effektive Regulierung der Unternehmenspolitik und geeignete Wettbewerbspolitik einsetzen.

AAI goes Europe

Auch in Europa gibt es Entwicklungen zu einer stärkeren Vernetzung zum Thema Agrobusiness. In einem dreitägigen Workshop der Agribusiness Accountability Intitiative Anfang 2004 in Brüssel haben sich Teilnehmende aus ganz Europa sowie den USA und aus Ländern des Südens über ihre Aktivitäten im Bereich Agrobusiness ausgetauscht. Wichtigste Themen waren Fragen von Wettbewerbspolitik, Lobbyaktivitäten von Unternehmen und die Marktmacht der Supermärkte. Bei dem Workshop wurden unterschiedliche Arbeitsgruppen gebildet, z.B. eine zu Lobbyarbeit des Agrobusiness und eine zu Supermärkten. Letztere will Erfahrungen mit dem Code of Practice für Supermärkte in Großbritannien untersuchen. Dieser soll wieder eine Balance zwischen den Handelsketten und ihren Zulieferern inklusive der Bauern herstellen. Von der Idee her erscheint dies gut und weltweit notwendig, in der praktischen Umsetzung weist der Kodex aber große Lücken auf. Beim europäischen Netzwerk von AAI ist Germanwatch beteiligt und wird sich intensiver mit dem Agrobusiness beschäftigen, insbesondere mit der Rolle von deutschen Unternehmen in diesem Bereich.

Cornelia Heydenreich, Referentin für Unternehmensverantwortung bei Germanwatch
 

[1] Die AAI unterhält eine Webseite (www.agribusinessaccountability.org) mit interessanten Studien, Links und Informationen im ganzen Bereich Agrobusiness. Zudem informiert ein monatlicher Newsletter über aktuelle Entwicklungen. In Konferenzen werden Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsame Strategien entwickelt.
 


zuletzt geändert am 29.4.04