Offener Brief an
Wolfgang Clement
Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit
Scharnhorststr. 34-37
10115 Berlin
Sehr geehrter Herr Minister,
in Cancún stehen wichtige Entscheidungen mit für Entwicklungsländer weitreichenden Implikationen an. In Doha haben sich die Minister der WTO-Mitgliedsländer dazu verpflichtet, die Interessen und Bedürfnisse von Entwicklungsländern in den Mittelpunkt der Verhandlungen zu stellen. In diesem Sinne wurde bekräftigt, dass die Bestimmungen zur Sonder- und Vorzugsbehandlung der Entwicklungsländer integraler Bestandteil von WTO-Abkommen sein sollen. Seither wird die Verhandlungsrunde als "Entwicklungsrunde" bezeichnet, auch wenn die Realität der Verhandlungen in Genf das komplette Gegenteil belegt.
Am 13. August haben die EU zusammen mit den USA ein Papier vorgelegt, das aus ihrer Sicht Grundlage für einen Kompromiss für die Rahmenbedingungen ("modalities") der Agrarverhandlungen sein soll. Die Bundesregierung hat die Vorschläge als EU-Mitgliedstaat abgesegnet. Dieses Papier wird der Lage der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, der Landlosen und Hungernden weltweit nicht gerecht, da wirkungsvolle Sonderregeln, die Entwicklungsländern einen Schutz ihrer Grundnahrungsmittelproduktion und besonders benachteiligten Kleinbauernfamilien ermöglichen würde, nicht einmal ansatzweise vorkommen. Die Vorschläge stehen auch im Widerspruch zu den Verpflichtungen der Bundesregierung durch das völkerrechtlich verbindliche Menschenrecht auf Nahrung.
Nach Meinung von Germanwatch und FIAN missachtet die Bundesregierung in der WTO-Verhandlungsrunde wesentliche Forderungen des Bundestags. Der Bundestagsantrag 15/1317 vom 3. Juli 2003 "Sicherung eines fairen und nachhaltigen Handels durch eine umfassende entwicklungsorientierte Welthandelsrunde" als auch der Antrag 15/550 vom 12. März 2003 "Für eine nachhaltige Agrarpolitik und einen gerechten Interessenausgleich bei den laufenden WTO-Verhandlungen" fordern die Bundesregierung explizit dazu auf, entwicklungspolitische Anliegen zu berücksichtigen.
Der Deutsche Bundestag hat mit der Mehrheit der Abgeordneten von SPD und Bündnis’90/Die Grünen die Bundesregierung unter anderem aufgefordert,
Mindestens ebenso gravierend ist Ihre dezidierte und mehrfach wiederholte Unterstützung für die Aufnahme von Verhandlungen bei den sog. Singapur-Themen. Der Bundestag spricht sich hingegen klar dafür aus, dass die Bundesregierung in der EU initiativ wird, um die Aufnahme der Verhandlung dieser Themen zu verschieben. Zudem ignoriert die Bundesregierung damit die wiederholt geäußerte Ablehnung von Seiten der Entwicklungsländer. Nach Angaben des britischen Hilfswerks CAFOD lehnen 77 Entwicklungsländer die Verhandlung der Singapur-Themen ab. Eine Durchsetzung der eigenen Interessen gegen die explizit geäußerte Ablehnung der Entwicklungsländer widerspricht in eklatanter Weise dem Geist einer Entwicklungsrunde. Germanwatch und FIAN fordern von daher die Bundesregierung auf, sich in der EU dafür einzusetzen, dieses Verhandlungsziel aufzugeben.
Viele Menschen wollen faire Handelsregeln statt der bisherigen Regeln zugunsten der Industrieländer - insbesondere der EU und der USA. Im Juli hatten FIAN, Germanwatch und der Weltladen-Dachverband über 21 000 Unterschriften von Menschen vorgelegt, die sich für das Recht auf Nahrung und gegen subventionierte Billigexporte der EU einsetzen. Die Unterschriften wurden Frau Künast stellvertretend für die Bundesregierung überreicht. Wir haben Sie zudem in einem Brief über die Aktion informiert und Ihnen konkrete Vorschläge für die Agrarverhandlungen vorgelegt. Wir möchten Sie nochmals auffordern, sich für eine Kurskorrektur in Ihrem eigenen Haus und in der EU-Verhandlungsstrategie einzusetzen.
Mit freundlichem Gruß
Marita Wiggerthale, Germanwatch
Ulrich Müller, FIAN Deutschland