Die nächsten Ölopfer?

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Die nächsten Ölopfer?

Interview mit Barbara Unmüßig, WEED, Mitglied der NRO-AG "Erdölprojekte"

 

Rund um den Golf von Guinea und in einigen wenigen Ländern Zentralafrikas boomt der Ölsektor. Auch im Tschad soll ein neues Erdölfeld erschlossen werden. Welche Ölkonzerne sind am Projekt beteiligt? Welche Investitionssummen sind im Spiel?

Ein neues Erdölfeld im Süden des Tschad soll aus 300 Quellen ab dem Jahr 2001 pro Tag maximal 225 000 Barrel Öl fördern. Über eine 1050 km lange Pipeline soll das Öl über den kamerunischen Hafen Kribi in alle Welt verschifft werden. Ein Konsortium aus Exxon (40%), Shell (40%) und Elf (20%) will die Investitionssumme von über 2 Mrd. US$ aufbringen. Exxon ist Konsortialführer. Die Ölkonzerne machen immer wieder deutlich, daß sie nur investieren, wenn die Weltbank relativ günstige Kredite gibt und vor allem politische Sicherheiten für den privaten Kapitalmarkt schafft. Die zur Weltbankgruppe gehörende International Finance Corporation (IFC) soll mit 250 Mio. US$ direkt das Konsortium finanzieren. Weitere 120 Mio. US$ soll die Weltbank für den Bau der Pipeline zur Verfügung stellen.

Weltweit äußern NRO gravierende politische, menschenrechtliche, soziale und ökologische Bedenken gegen das Projekt. Wie reagiert die Exxon-Tochter Esso auf Proteste?

Das Erdölfeld liegt in einer der fruchtbarsten Regionen des Tschad. Von hier kommen die wichtigsten Nahrungsmittel. Farmer müssen umgesiedelt werden. Gleiches gilt für die Bevölkerung entlang der Pipeline, darunter einige Pygmäenstämme in Kamerun. Wie soll der Verlust des Landes und des Zugangs zu den Naturwäldern kompensiert werden? Als Folgeprobleme des Trassenbaues sind vor allem von den Arbeitern eingeschleppte Übel wie AIDS, Alkoholismus und Prostitution zu befürchten.

Zu den ökologischen Folgen gehört die Verseuchung von Böden und Wasser bei Ölunfällen. Die Pipelineroute führt durch einmalige Naturlandschaften und in der Nähe von Naturreservaten mit besonderen Tier- und Planzenarten vorbei. Hier wird vor allem der Verlust biologischer Vielfalt befürchtet.

Gravierend sind die immensen Sicherheitsprobleme des Projektes. Wie soll Sabotage ausgeschlossen werden? Vor allem im ehemaligen Bürgerkriegsland Tschad gibt es bewaffnete Banden, die die Sicherheit des Ölfeldes und der Pipeline immer wieder bedrohen können. Das tschadische Militär nutzt (vermeintliche) Rebellenaktivitäten immer wieder zu "Säuberungsaktionen", d.h. Massakern an der Zivilbevölkerung. Der südtschadische Abgeordnete Yorongar, einer der bedeutendsten Kritiker des Projektes, wurde erst vor kurzem zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, ohne einen rechtsstaatlich seriösen Anklagepunkt oder Gerichtsprozeß.

Esso reagiert auf die Kritik zum einen mit einer breiten Öffentlichkeitskampagne. In Deutschland wurde z.B. eigens eine PR-Agentur beauftragt, um mit der Kritik umzugehen. Zum anderen hat Esso gegenüber der Weltbank und einigen dort vertretenen Regierungen die Lobbyaktivitäten intensiviert. Erst Mitte September 1998 hat eine vielköpfige Delegation von Esso die Weltbank besucht.

Ist die Bevölkerung in der Vorbereitungsphase des Projektes vom Konsortium konsultiert und informiert worden?

Zu den Unsäglichkeiten der Projektvorbereitung gehört zunächst, daß es keine wirklich unabhängige Umwelt-und Sozialverträglichkeitsprüfung (UVP) im Tschad und in Kamerun gegeben hat. Esso selbst hat die UVP in Auftrag gegeben. Esso behauptet, die Bevölkerung in beiden Ländern umfassend informiert zu haben. Recherchen von Experten der niederländischen Regierung und Besuche von Nichtregierungsorganisationen vor allem entlang der Pipelinetrasse in Kamerun haben jedoch ergeben, daß vor allem die Bestimmungen der Weltbank nach umfänglichen Konsultationen mit der betroffenen Bevölkerung so gut wie gar nicht eingehalten wurden.

Das Interview führte Lynn Gazecki.

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