Meldung | 11.03.2022

Umweltverbände fordern Vorrang für menschliche Ernährung

Offener Brief an Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, zum G7-Agrarminister:innentreffen
Offener Brief zum G7-Agrarminister:innentreffen

Sieben Umweltverbände, darunter auch Germanwatch, haben sich anlässlich des Sondertreffens der G7-Agrarminister:innen am heutigen Freitag mit einem Offenen Brief an Landwirtschaftsminister Özdemir gewendet. Darin fordern sie - vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine- der drohenden Krise auf den Weltmärkten für Getreide durch eine Verringerung des Verbrauchs in den G7-Staaten zu begegnen.

Jeweils rund 60 Prozent des deutschen wie europäischen Getreides werden in Futtertrögen eingesetzt; weltweit sind es knapp 40 Prozent. Hinzu kommen 20 Prozent für Agrarenergie und andere Verwendungen. Ein Großteil davon könnte direkt der menschlichen Ernährung dienen und den Ausfall der Exporte aus der Ukraine und aus Russland zu großen Teilen kompensieren.

Die Verbände fordern zudem sicherzustellen, dass das Welternährungsprogramm den gegenüber 2021 verdoppelten Bedarf für seine Nothilfeprogramme nun aus anderen Quellen decken kann.


Offener Brief

Umweltverbände fordern Vorrang für menschliche Ernährung

Sehr geehrter Herr Bundesminister,

der schreckliche Krieg in der Ukraine führt uns derzeit die globalen Abhängigkeiten auch in der Ernährungssicherung vor Augen: die ukrainischen und russischen Exporte insbesondere von Getreide können nach derzeitigen Einschätzungen zu einer überregionalen Hungerkrise führen. Zugleich offenbart diese Situation elementare Fehler in unserem Ernährungssystem. Derzeit werden unterschiedliche Lösungsansätze diskutiert, um eine noch größere Katastrophe in Form von Mangelernährung und Hungersnöten abzuwenden.

Wir bitten Sie daher eindringlich, sich während des deutschen G7-Vorsitzes und innerhalb des EU-Agrarministerrates für folgende Punkte einzusetzen:

(1) Bei der Bewältigung der negativen Folgen der Ukraine-Krise für die globale Ernährungssicherung und Landwirtschaft muss unbedingt sichergestellt werden, dass die Maßnahmen die Biodiversitäts- und Klimakrise nicht verschärfen. Um eine langfristige Ernährungssicherung zu gewährleisten, muss der Klima- und Biodiversitätsschutz zwingend berücksichtigt werden, denn ohne stabile Agrarökosysteme sind unsere Ernten langfristig massiv gefährdet. Deutschland muss sich daher mit Nachdruck dafür einsetzen, dass die EU-Mitgliedstaaten grundsätzlich an den Zielen der europäischen Farm-to-Fork-Strategie festhalten.

(2) Etwa 60 % der deutschen Getreideproduktion erfolgt für die Herstellung von Futtermitteln. Es braucht unmittelbar wirksame Maßnahmen, die eine Reduzierung der Nutztierhaltung in Deutschland und Europa sowie ein verändertes Konsumverhalten befördern. Mit gezielten ökonomischen Anreizen können ein verändertes Konsumverhalten initiiert und Finanzmittel für den Umbau der Tierhaltung akquiriert werden. Die Bundesregierung muss jetzt ein kurzfristiges Programm aufsetzen, welches die dringend notwendigen Änderungen ermöglicht und die Landwirt:innen bei der Umsetzung unterstützt.

(3) Die diskutierte Abschwächung oder Aussetzung der GAP-Anforderung von ökologisch wertvollen Flächenanteilen (z.B. GLÖZ 8 ab 2023) lehnen wir entschieden ab. Zum einen kann hiermit nur wenig Produktionsfläche aktiviert werden. Zudem würde dies lediglich auf Flächen geschehen, die in ihrer Produktivität überwiegend eingeschränkt sind. Zum anderen drohen dadurch erhebliche Auswirkungen auf die Erbringung von Ökosystemleistun-gen (z.B. Erosionsschutz, Wasser- und Kohlenstoffspeicher, Bestäubung sowie Schädlingskontrolle).
Die Ziele des Europäischen Green Deal bis 2030 dienen der langfristigen Produktivitäts- und damit auch der Ernährungssicherung. Seine Umsetzung darf nicht behindert, sondern muss schnellstmöglich vorangetrieben werden.

(4) Ein hohes und vergleichsweise schnell zu aktivierendes Potenzial, zusätzliche Fläche für die Lebensmittelproduktion bereitzustellen, bietet die sofortige und ggf. temporäre Reduzierung von Agrokraftstoffen. Allein in Deutschland könnten hierdurch 800.000 ha freigemacht werden.

(5) Aufgrund erhöhter Lebensmittelpreise kommt es im World Food Programme bei steigendem Bedarf zu erheblichen Versorgungslücken, die sofort durch eine ausreichende finanzielle Unterstützung geschlossen werden müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Olaf Bandt, Vorsitzender Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)

Kai Niebert, Präsident Deutscher Naturschutzring (DNR)

Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer Deutsche Umwelthilfe (DUH)

Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer Germanwatch e.V.

Martin Kaiser, Geschäftsführender Vorstand Greenpeace

Jörg-Andreas Krüger, Präsident Naturschutzbund Deutschland (NABU)

Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz WWF Deutschland


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