Meldung | 31.10.2019

"Wo Großmastbetriebe zu Kleinkunstbetrieben werden"

Interview mit Benjamin Bertram, Illustrator des Wimmelbildes Zukunft
"Wimmelbild Zukunft" von Germanwatch und Benjamin Bertram

"Wimmelbild Zukunft" von Germanwatch und Benjamin Bertram

Oft beschäftigen wir uns mit der Frage, wie ein gutes Leben für alle aussehen soll. Doch es fehlen zu dem Wissen und den Theorien häufig Bilder, die ein Gefühl dafür geben, wie eine nachhaltige Zukunft eigentlich aussähe. Nachdem Germanwatch in den letzten Monaten zahlreiche Schnipsel von Zukunftsbildern mit Lösungsansätzen für eine Große Transformation entwickelt hat, entstand die Idee, ein Poster zu kreieren, das vor lauter Ideen für die Zukunft nur so "wimmelt": das Germanwatch Wimmelbild Zukunft. Diese Ideen und Zukunftsbilder hat der Illustrator Benjamin Bertram schließlich illustriert und zusammengefügt. Das Ergebnis ist ein zwei mal drei Meter großes Wimmelbild. Was dort zu sehen ist, ist natürlich nicht die einzige, ideale Vorstellung von Nachhaltigkeit, sondern dient viel mehr der eigenen Ideenfindung und als Anregung zur Diskussion. Betrachter*innen können sich einzelne Ideen herausgreifen, weiterentwickeln, diese kritisieren oder ganz neue Ideen (er-)finden. Letztendlich hängt es von uns allen ab, ob die Zukunftsbilder nur als Poster an der Wand bleiben oder Aspekte davon Wirklichkeit werden.

Anna Verwey hat den Illustrator Benjamin Bertram interviewt.


Anna: Hallo Benjamin. Du hast Zukunftsbilder mit Ideen von Germanwatch für ein Wimmelbild grafisch aufbereitet. Wie kam es dazu?

Benjamin: Mein erster Kontakt zu Germanwatch kam so zustande, dass ich einen Anruf von Marie Heitfeld bekam, einer Bekannten/Freundin von mir, die damals Praktikantin bei Germanwatch war. Sie fragte mich, ob ich Lust habe eine Broschüre zu illustrieren. Das lief so gut, dass ich dann einen Anruf von Alexander Reif erhielt, der im Bildungsteam bei Germanwatch arbeitet. Er sagte, dass da noch ein größeres Projekt kommen könnte, ich solle mir mal etwas Zeit freihalten. Im Dezember 2016 war es dann soweit, dass wir mit dem Wimmelbild anfingen.

Was macht das Wimmelbild für Dich persönlich aus?

Einmal war das Wimmelbild für mich tatsächlich der erste größere Auftrag, an dem ich fünf Monate gearbeitet habe, davon zwei Monate ununterbrochen am Stück. Das andere war natürlich auch, dass ich quasi eine Fantasiewelt kreieren durfte. Das ist einer der Träume eines jeden Illustrators, sich einmal komplett auszutoben und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Klar, das war manchmal auch ein bisschen begrenzt, da konnte ich keine Dinosaurier oder Space Shuttles integrieren - wobei das habe ich dann doch gemacht. lacht. Das war schön, dass ich mich so ausleben konnte.

Das schließt gleich an meine nächste Frage an. Ich habe die Ninja-Turtles im Bild entdeckt und einen Yeti mit einer Ziege. Was haben die denn mit unserer Zukunft zu tun?

Lacht.  Also die Zukunft sollte auf jeden Fall alles andere sein als super ernst. Auch in der Zukunft sollte man Spaß haben. Bei der Motivwahl dachte ich an die Ninja Turtles (Schildkröten-Comic-Figuren, bekannt aus TV und Comics, Anm.d.Red.), die sind ja so kleine Kämpfer. Die waren ja auch mal verstrahlt und kamen aus dem Moloch des Abflusswassers, kämpfen gegen die Technisierung. Man kann zusammenfassen, dass die das Beste aus ihrer Situation machen und für Gerechtigkeit kämpfen. Und mit den Schildkröten fand ich, hat das auch nochmal etwas mit Natur zu tun. Ja, und der Yeti, der verkörpert die Idee, dass auch Hirngespinste aus der Vergangenheit heutzutage schon Realität sind und auch in der Zukunft werden Hirngespinste die wir heute haben irgendwann Realität werden. Dass dann so ein Yeti einfach so in einem Zukunftsbild auftaucht - warum nicht? Dezentrale Energieversorgung zum Beispiel könnte ein Hirngespinst sein, das auch irgendwann Wirklichkeit wird. Wo Fantasie und Realität sich irgendwann verbinden.

Hast du noch mehr so kuriose Sachen versteckt?

Ja klar, aber die verrate ich nicht. lacht

Was gefällt dir denn besonders?

Das ist tatsächlich der Kohlebagger. Sich zu überlegen dass so ein riesiges Monstrum irgendwann genutzt wird um einen Spielplatz drauf zu haben, dass die ganzen Metalltürme wie im Zeche Zollverein irgendwann anfangen grün zuzuwachsen. Die Vorstellung gefällt mir sehr gut.

Gibt's auch irgendwas, was dir nicht so gut gefällt?

Ich bin Perfektionist, NEIN. lacht

Wenn ich selbst an eine nachhaltige Zukunft denke, finde ich mich an vielen Stellen des Wimmelbilds wieder: zum Beispiel auf der Dachterrasse, wo die Frau einen Kuchen herüberreicht. Oder beim Geschichten-Opa unterm Baum. Oder auch auf einem der Gemüseäcker, um mit Freunden gemeinsam bei der Landarbeit ein bisschen abzuschalten. Wo siehst Du dich denn?

Dadurch dass ich mir so meine eigene Fantasiewelt aufbauen konnte, sehe ich mich tatsächlich an relativ vielen Stellen im Wimmelbild wo ich sagen würde, ja, da würde ich gerne mal Zeit verbringen. Da bin ich mal am Strand, oder mache eine Radtour mit Freunden, zeichne in einem alten Großmastbetrieb der jetzt zu einem Kleinkunstbetrieb geworden ist oder mache mit Freunden eine öffentliche Zeichensession und sowas.

Wer genau hinsieht, erkennt dich tatsächlich auch als Künstler im Wimmelbild. Du sitzt auf einer Box und zeichnest an verschiedenen Stellen in dieser Zukunftswelt.

Ja, also ich muss schon sagen, dass ich es als großes Glück empfinde, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe und dass sich das für mich auch in der Zukunftswelt nicht ändern würde. Wenn eine Welt so aufgebaut wäre wie im Wimmelbild, wäre ich zwar auch ganz gerne in der Natur und würde auch meinen eigenen Garten haben, aber zeichnen und illustrieren würde ich trotzdem weiterhin.

Die Rad- und Verkehrswege im Wimmelbild produzieren Solarstrom, es gibt Good News am Kiosk, Lebensmittel werden geteilt und sogar das Wetter sieht schön aus. Mal ganz realistisch, wie wahrscheinlich ist so eine Welt?

Wer aus Münster kommt, der weiß, dass es nicht immer gutes Wetter gibt. lacht. Auch das wird sich in der Zukunft hoffentlich nicht ändern. Denn nur so  bleibt's weiterhin grün.  Aber so etwas wie Good News ist für mich wirklich ein Gegenpol zu der reißerischen Boulevardpresse die sich nur auf die negativen Themen stürzt. Da möchte ich gerne etwas entgegen setzen. Ob das Wimmelbild so 1:1 in der Zukunft realisiert wird, das weiß ich nicht. Ich freue mich zu sehen, dass es immer wieder im Wimmelbild auftauchende Konzepte gibt, die auch jetzt schon in den Kinderschuhen stecken und teils ausgearbeitet sind. Da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die auch realisiert werden.

Auf einer Veranstaltung wurde über ein Gebäude im Wimmelbild spekuliert: das Münsteraner Rathaus. Wieso ist genau dieses Gebäude in der Bildmitte drin?

Ich bin Münsteraner. lacht

Ein Ziel des Wimmelbilds war ja auch, alle 17 SDGs einzubetten, also jene 17 nachhaltigen Entwicklungsziele, die die Weltgemeinschaft im Jahr 2015 beschlossen hat. Ist Dir das gelungen?

Mmh ja, doch, das würde ich schon sagen. Die SDGs haben ja noch weit über 150 Unterziele. (169, Anm.d.Red).  Zu jedem Ziel haben wir überlegt, wie wir es schaffen auch eher abstrakte Ziele zu konkretisieren. Wenn es dann um direkte Maßnahmen geht, wie die Umwelt zu schützen oder die Meere nicht weiter versauern zu lassen oder das Plastik aus den Meeren zu fischen ist es schwierig, konkrete Darstellungsweisen zu finden die genau das aufzeigen. Was wir gemacht haben, ist die Auswirkungen von diesen Änderungen zu zeigen. Zum Beispiel die Orcas oder die Robben, die wieder heimisch geworden sind und die renaturierten Flüsse. Da werden also die SDGs und deren positiven Auswirkungen gezeigt.

Eine Umwelt- und Entwicklungsorganisation wie Germanwatch arbeitet ja ziemlich verkopft. Wie leicht fiel es dir, diese "verkopften" Themen in kreative Illustrationen zu packen?

Also das Wimmelbild lädt ja dazu ein zu träumen, es geht um Visionen und Zukunft. Als Illustrator bin ich von Haus aus auch die ganze Zeit so eine Art Träumer, daher fiel mir das dann relativ leicht. Nicht zuletzt auch, weil die Zusammenarbeit mit Germanwatch sehr, sehr gut lief: wir haben uns die Ideenbälle immer hin - und her geschmissen. "Ah, ich hab da noch was gelesen", "kannst du das noch mit rein nehmen?" Das war wunderbar. Manche Ideen waren ein bisschen zäh, gerade abstrakte Sachen wie Bürgerverkehr oder eine Gemeindepolitik. Diese so darzustellen, dass sie auch ohne Worte verständlich sind, hat manchmal ein bisschen gebraucht, aber wenn es dann funktioniert hat, dachte ich *schnips* jawohl!

Was hat dich bei der Arbeit mit dem Wimmelbild am meisten beschäftigt?

Tatsächlich das Finden von solchen Situationen. Zu schauen wann ist Text notwendig und wo kann man komplett auf die Illustration umsteigen? Sowas wie einen Bürgerverkehr darzustellen war dann doch etwas schwieriger. Oder bei der Energieversorgung nur in den Händen der Bürger. Das wurde dann zum Beispiel so gelöst, dass es einen Newsticker gibt, der über das Stadtgebäude läuft und da steht das dann drin.

Für das Projekt musstest du dich ja auch mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Was hast du gelernt? Führst Du selbst ein nachhaltiges Leben?

Also ich bemühe mich auf jeden Fall. Zum Beispiel kaufe ich ganz selten neue Kleidung, und wenn dann eher Fair Trade Kleidung, oder eine Zeit lang, fast zwei Jahre habe ich mich fast nur vom Containern ernährt. Ich baue auch eigene Möbel selber und interessiere mich auch für Möbel aus Pappe, habe auch ein Pappbett. Aber mein Telefon z.B. ist inzwischen relativ alt, da überlege ich mir jetzt auch mal ein Neues zu holen und denke dann: „Mhh, wird das doch auch mal ein IPhone oder dann doch eher das Fairphone?“, da schwanke ich auch mal.

Und dann würde ich als letztes noch gerne wissen, ob du jetzt auch weiter noch zum Thema Nachhaltigkeit arbeitest und was so bei dir ansteht.

Tatsächlich liebend gern! Es ist so, dass ich mich sehr darüber gefreut habe, dass Germanwatch mit diesem Projekt an mich herangetreten ist. Mein Fokus ist es schon, für nachhaltig wirkende NGOs und Organisationen und Firmen zu arbeiten. Tatsächlich ist mein nächstes Projekt eine Website-Gestaltung von einem Anbieter für Photovoltaik-Anlagen.

Vielen Dank für das Gespräch, Benjamin!

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Das Interview führte Anna Verwey.

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