Blogpost | 15.03.2015

Innovation auf Wüstensand - Wie Germanwatch Marokko auf dem Weg in eine nachhaltige Energiezukunft unterstützt

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Blog-Beitrag von Boris Schinke, März 2015

„Willkommen am Ende der Welt“ steht auf dem Schild am Ortseingang von Ouarzazate, 200 km süd-östlich von Marrakesch. Und ja, hier endet die Welt, wie wir sie kennen. Denn es zeigt sich eine andere: Auf beeindruckende Weise wird vor den Toren der marokkanischen Sahara präsentiert, wie das Überspringen von überholten Technologiemustern und der Einstieg in eine nachhaltige Energiezukunft aussehen kann. Während die Vision vom Sonnenstrom aus der Wüste in den vergangenen Jahren in Deutschland vor allem zu Streit führte, schreibt Marokko derzeit ein neues Kapitel Energiegeschichte.

Ouarzazate diente bisher vor allem internationalen Hollywood-Filmen als Kulisse. Doch momentan erlebt es eine Premiere, die Maßstäbe setzt. Umgeben von traditionellen Berberdörfern entsteht auf 3000 Hektar unwirtlichem Steinwüstenboden der größte solarthermische Kraftwerkspark der Welt. Das 500 Megawatt (MW) umfassende Noor-Projekt, was auf Arabisch „Licht“ bedeutet, wurde 2009 von König Mohammed VI. höchstpersönlich ins Leben gerufen.

Wie ein überdimensionales Spiegelkabinett erstrecken sich die gebogenen Parabolspiegel des ersten 160-MW-Teilabschnitts (Noor I) über die karge Hochebene des Atlasgebirges. Schon dieses Jahr soll er in Betrieb gehen. Bis 2019 – so der Plan – werden drei weitere Teilabschnitte des Solarkraftwerkskomplexes folgen und mehr als 1 Million Marokkaner mit sauberem Strom versorgen sowie dabei mindestens genauso viele Tonnen CO2 einsparen. Auch andere sonnenreiche Regionen Marokkos sollen in den kommenden Jahren vier Solarkomplexe nach dem Vorbild Noor bekommen und dazu beitragen, dass das Land bis 2020 42 Prozent seiner

Stromversorgung regenerativ erzeugt. Für das Königreich, welches über keine nennenswerten Erdöl-, Erdgas- oder Kohlevorkommen verfügt und bisher rund 95 Prozent seines Energiebedarfs importiert, ist dies eine überlebenswichtige Strategie in Richtung einer klimafreundlichen und zukunftsorientierten Entwicklung.

Veränderung im Sinne der lokalen Bevölkerung

Da jedoch die energiepolitische Transformation auch in Marokko gesellschaftliche Entscheidungen bedeutet, wird für die erfolgreiche Ausgestaltung des marokkanischen Solarplans entscheidend sein, ob und wie die Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigt werden. Klar ist: Der begonnene Prozess zur Umsetzung solartechnischer Großprojekte muss aktiv durch die lokale Bevölkerung sowie die nationale Zivilgesellschaft mitgestaltet und von dieser getragen werden. Nur so kann die notwendige soziale Akzeptanz für die „marokkanische Energiewende“ erreicht werden.

Durch die Demokratisierungsbewegungendes Arabischen Frühlings, die auch in Marokko soziale Verbesserungen, sowie mehr Demokratie und eine größere Beteiligung der Zivilgesellschaft an politischen Entscheidungen einfordern, eröffnen sich seit einiger Zeit für die Zivilgesellschaft neue Möglichkeiten, sich verstärkt in energiepolitische Entscheidungsprozesse einzubringen.  Aus einer von Germanwatch im Umfeld des Noor-Projektes durchgeführten Studie geht hervor, dass es marokkanischen Bürgern im Kontext solarer Großprojekte vor allem um mehr Mitsprache bei Standortwahl und Umsetzung, Arbeitsplätze – insbesondere für Jugendliche –, den Aufbau von beruflichen Kompetenzen sowie die Wahrung von Landnutzungs- und Wasserrechten geht. Ihre Bedürfnisse sind also letztlich sehr ähnlich zu denen, die bei Infrastrukturprojekten in Deutschland oder anderen Ländern von der lokalen Bevölkerung geäußert werden.

Obgleich wir bei der Beurteilung eines so komplexen Landes, welches in einen anderen geopolitischen Kontext eingebettet ist als Deutschland, nicht unsere eigenen Maßstäbe heranziehen dürfen, so lassen sich dennoch einige Erfahrungen aus der deutschen Energiewendediskussion und einer dialogorientierten Bürgerbeteiligung – etwa bei der Planung neuer Stromtrassen – auf Marokko übertragen. Vor diesem Hintergrund setzt sich Germanwatch für die sozialverträgliche Umsetzung und eine faire Dialogs- und Beteiligungskultur auf Augenhöhe im Rahmen solartechnischer Großprojekte in Marokko ein.

Unser Engagement vor Ort

Gemeinsam mit dem WWF und der Heinrich Böll Stiftung in Rabat unterstützen wir marokkanische Nichtregierungsorganisationen (NRO), indem wir Kompetenz aufbauen und Strukturen entwickeln. So möchten wir die benötigten Grundvoraussetzungen für ihre gestalterische Rolle im nationalen Solarplan entwickeln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf jenen Akteuren, die gesellschaftlich marginalisierte und unzureichend durch staatliche Institutionen vertretene Gruppen repräsentieren. Aufbauend auf unserer langjährigen Arbeit im Umfeld des Solarkraftwerks in Ouarzazate, konnte dabei ein enger Dialog zwischen einem Netzwerk aus rund 20 national tätigen und lokal verankerten NROs der Groupe de Travail Développement Durable et Changement Climatique (Arbeitsgruppe für nachhaltige Entwicklung und Klimawandel) und der marokkanischen Agentur für Solarenergie, kurz MASEN, initiiert werden.

Ziel dieses Dialogs ist zum einen den Planungs- und Umsetzungsprozess großtechnischer Solarprojekte vor allem im Bereich bestehender Genehmigungsverfahren und Konsultationsprozesse zu verbessern, um sinnvolle Beteiligungs- bzw. Mitbestimmungsmöglichkeiten für zivilgesellschaftliche Akteure zu ermöglichen. Zum anderen sollen durch die Stärkung lokaler NROs auch wichtige Fragen Eingang in die weitere Ausgestaltung des marokkanischen Solarplans finden: die Verteilungsgerechtigkeit, die Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten (bspw. Land- und Wasserrechte) sowie die Sicherstellung des entwicklungspolitischen Nutzens, der sich im Rahmen der Projekte für die lokale Bevölkerung ergeben soll.

Abschließend lässt sich festhalten: In Marokko wird Zukunft gemacht. Durch unsere Aktivitäten vor Ort und die wertvolle Vernetzung mit marokkanischen Partnern leisten wir einen Beitrag, das Land in seiner Rolle als internationalen Vorreiter im Bereich Erneuerbarer Energien zu bestärken und deren Ausbau zivilgesellschaftlich zu flankieren. Zusätzlich unterstützen wir den Anspruch politischer Entscheidungsträger, sowohl zur Energiesicherheit als auch einer nachhaltigen und gerechten Entwicklung beizutragen, die zu allererst eine Sicherung von Lebensgrundlagen und gleichzeitig Klimaschutz bedeutet. Ein Ansatz, der gerade vor dem Hintergrund, dass Marokko nächstes Jahr Gastgeber der 22. UN-Klimakonferenz sein wird, immer wichtiger wird, um auch anderen Ländern zu zeigen, dass zwischen Klimaschutz und Entwicklung kein Widerspruch bestehen muss.


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