Blogpost | 26.11.2021

Bildung für nachhaltige Entwicklung als Rückgrat der beginnenden Transformation

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Analyse des Koalitionsvertrags

Die Verpflichtung auf eine wertebasierte Umsetzung der 2030-Agenda der Vereinten Nationen mit ihren globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) im Koalitionsvertrag ist eine gute Grundlage für weitere Entwicklungen im Bildungsbereich. Ausgehend von der Dringlichkeit aktueller Herausforderungen (Klimakrise, Artensterben, Demokratie, Soziale Gerechtigkeit) kündigt der Koalitionsvertrag in der deutlich anlaufenden Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Klimaschutz an, diesen Prozess mit Bildung für nachhaltige Entwicklung und politischer Bildung zu begleiten. Er unterstützt die Entwicklung, dass sich alle Bildung hin zu Bildung für nachhaltige Entwicklung bewegt und Bildung für nachhaltige Entwicklung zunehmend zu transformativer Bildung wird.

Wir begrüßen sehr die Rolle, die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Koalitionsvertrag einnimmt sowie die Stärkung des Nationalen Aktionsplan zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. Gerade die bundesweite Umsetzung von BNE in allen Bildungsphasen und -bereichen unterstützt die gesamtgesellschaftliche Transformation. Alle Bildungsakteur:innen sind damit eingeladen, das UNESCO-Programm und die Roadmap BNE2030 als Grundlage ihrer Arbeit zu nutzen und anzuwenden. Neue Dynamik in die Bildungslandschaft kommt durch die Ablösung des Bund-Länder-Kooperationsverbotes durch ein Kooperationsgebot.

Germanwatch begrüßt außerdem die Stärkung der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit der Zivilgesellschaft im Inland. In der täglichen Arbeit für uns und unsere Partner:innen in den Ländern des Globalen Südens wird es viel Erleichterung bringen, dass die Vergabe- und Förderrichtlinien des BMZ und des AA vereinfacht werden sollen.

Der Koalitionsvertrag eröffnet Chancen, BNE in vielen Bereichen zu stärken und Synergien zu nutzen: So bei der in der Klimarahmenkonvention verankerten Klimabildung oder bei der beabsichtigten neuen nationalen Engagementstrategie, die gemeinsam mit der Zivilgesellschaft erarbeitet werden wird. Die Expertise aus dem Bereich BNE kann in der kulturellen Bildung bei der Entwicklung der Anlaufstelle "Green Culture", die u.a. die Kompetenzen für die ökologische Transformation anbietet, eingebracht und gemeinsam weiterentwickelt werden. Hier werden erfreuliche Chancen aufgetan, die das Engagement für eine sozial-ökologische Transformation und die dafür benötigten demokratischen Mitgestaltungskompetenzen stärken werden.

Jetzt sollten rasch Synergien und Chancen zu nutzen. Die gewachsenen BNE-Strukturen gilt es mit den Strukturen der Länder zu verknüpfen und von den sehr guten Beispielen gegenseitig zu lernen. Gerade die Unterstützung des zivilgesellschaftlichen Bildungsengagements und die Einbindung außerschulischer Akteur:innen in die formale Bildung brauchen nun für verschiedene Ebenen konkrete Förderlinien. Um BNE sinnvoll implementieren zu können, muss das Bundes-Bildungsengagement der Schüler:innen, Eltern und Fördervereine durch langfristig und stabil finanzierte Geschäftsstellen, also durch Hauptamt, gestärkt werden.

Die guten Grundlagen im Koalitionsvertrag gilt es jetzt zusammen zu denken:

  • Für die Qualifikationsoffensive in der Lehreraus- und -fortbildung gilt es – neben den im Vertrag explizit erwähnten Bereichen Digitalisierung und Quereinstieg – auch einen Schwerpunkt BNE zu priorisieren.
  • Wer BNE fördern will, muss sich dafür einsetzen, dass es prüfungsrelevant wird und Prüfungen neu gedacht werden.
  • Die (Teil-) Digitalisierung aller Bildungsinstitutionen gilt es nachhaltig zu gestalten und mit anderen Prozessen zusammen zu denken. So fehlt im Digitalpakt Schule BNE und der ganzheitliche Lehr- und Lernansatz (Whole Institution Ansatz, WIA). Daher sollte im Startchancenprogramm ein Investitionsprogramm für u.a. klimagerechte Schulen ganzheitlich eingebunden werden.
  • Insgesamt gilt es jetzt an allen Stellen politische Bildung mit BNE und transformativer Bildung zu verknüpfen. An vielen Stellen wird für die Stärkung der Demokratie die Bedeutung politischer Bildung betont, so auch in der Aus- und Weiterbildung im Verteidigungsbereich.
  • Das geplante Bundesprogramm zu Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe kann transformativer wirken, wenn Erfahrungen aus BNE und entwicklungspolitischer Bildungsarbeit eingebunden werden.

Im Kern muss in allen Bildungsbelangen das Bildungskonzept BNE mitgedacht und mit den Maßnahmen verschränkt werden. So muss die im Koalitionsvertrag angesprochene gemeinsame Koordinierungsstelle für Lehrkräftefortbildung von Bund und Länder BNE2030 von Anfang an als Leitperspektive aufnehmen. Des Weiteren sind die angekündigten Kompetenzzentren für digitales und digital gestütztes Unterrichten in Schule und Weiterbildung sowie die zentrale Anlaufstelle für das Lernen und Lehren in der digitalen Welt im Sinne von BNE zu fördern und auszubauen. Lernen und Lehren mit digitalen Medien braucht ein Konzept. BNE ist hier sinnvoller Kompass.

Um ein kohärentes Vorgehen im Bildungsbereich sicherzustellen, müssen die verschiedenen im Koalitionsvertrag angesprochenen wichtigen Stränge von politischer Bildung, Demokratiebildung und Klimabildung mit BNE2030 verschränkt und zusammengeführt werden, der geplante Bildungsgipfel und die neue Koordinierungsstelle Lehrkräftefortbildung sind geeignete Orte dafür.

Als ein Fazit aus dem Koalitionsvertrag ist das Budget für BNE und für entwicklungspolitische Bildung im Bundeshaushalt deutlich zu erhöhen; insbesondere das Handlungsfeld „Stärkung und Mobilisierung der Jugend“ ist darin besonders zu berücksichtigen.

Darüber hinaus sind die regionalen BNE-Strukturen weiter aufzubauen: Kommunen brauchen Personalförderungen, um BNE strukturell im Bildungsnetzwerk vor Ort zu verankern. Dies gelingt nur unter der Voraussetzung, dass Träger außerschulischer Bildung auf Augenhöhe an der Steuerung des Bildungsnetzwerkes beteiligt sind. Das Kompetenzzentrum „Bildung – Nachhaltigkeit – Kommune“ muss auch über 2023 hinaus in die Lage versetzt werden, deutlich mehr Kommunen zu unterstützten.

Alle Lehr- und Lernorte sind Gestaltungsorte für eine nachhaltige Entwicklung. Im Sinne des sogenannten WIA sind Gebäude der öffentlichen Hand als Vorbild klimaneutral, ressourcenschonend, kreislaufgerecht, barrierefrei und nachhaltig zu gestalten. Die Umsetzung des ganzheitlichen Lehr- und Lernansatzes WIA eröffnet dabei zusätzlich Chancen für die Verknüpfung von Lehrinhalten und Formen der Zusammenarbeit mit der nachhaltigen Gestaltung von Lernorten.

Die im Koalitionsvertrag in Bezug auf Bildung für nachhaltige Entwicklung angekündigten Ziele und Maßnahmen bieten also eine sehr gute Grundlage, um eine wirklich transformative Bildung ganzheitlicher umzusetzen. An einigen Stellen – wie z.B. bei der Qualifikationsoffensive in der Lehreraus- und fortbildung – wird die mögliche Wirkung stark von den Ambitionen in der konkreten Umsetzung abhängig sein. An diesen Punkten werden wir uns dafür einsetzen, dass sich flächendeckend alle Bildung hin zu Bildung für nachhaltige Entwicklung bewegt und Bildung für nachhaltige Entwicklung zunehmend zu transformativer Bildung wird.


- Eine umfassende Germanwatch-Analyse des Koalitionsvertrages finden Sie hier. -

Autor:innen

Stefan Rostock, Marie Heitfeld

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Teamleiter Bildung für nachhaltige Entwicklung, NRW-Fachpromotor für Klima & Entwicklung
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