Die Bergbauindustrie geht seit Jahrhunderten mit der Verletzung indigener Rechte einher. Weltweit kämpfen indigene Gemeinschaften gegen die ökologischen und sozialen Folgen des Rohstoffabbaus auf ihren Territorien, oft mit wenig Erfolg. Als Ausgangspunkt nahezu aller industriellen Wertschöpfungsketten bündelt der Bergbausektor enorme wirtschaftliche Macht und politischen Einfluss. Und doch haben die Missachtung lokaler Gemeinschaften und das Ausmaß an Umweltzerstörung dazu geführt, dass die Branche weltweit zu den Industriezweigen mit dem schlechtesten öffentlichen Ruf zählt.
Gleichzeitig bleibt der Bergbau unverzichtbar für die globale Energiewende. Sowohl die Elektrifizierung als auch der Ausbau erneuerbarer Energien erfordern beträchtliche Mengen sogenannter kritischer Minerale. Die Nachfrage nach Lithium etwa könnte sich in den nächsten 15 Jahren versechsfachen. Damit rückt zunehmend die Frage in den Fokus, wo und unter welchen Bedingungen diese Rohstoffe gewonnen werden.
Einer Studie der University of Queensland zufolge liegen 54 % der Bergbauprojekte für Mineralien, die für erneuerbare Energien benötigt werden, auf indigenen Territorien. Eine zentrale Frage der globalen „Just Transition“ lautet daher: Wie kann die Energiewende auch für jene Gemeinschaften gerecht gestaltet werden, die unmittelbar von den sozialen und ökologischen Folgen der Rohstoffgewinnung betroffen sind?
Angesichts der Ausweitung des Rohstoffabbaus auf ihren Territorien fordern indigene Gemeinschaften weltweit mehr Mitspracherecht darüber, wie ihr Land genutzt wird. Statt bloßer Entschädigungszahlungen verlangen sie eine Beteiligung an Entscheidungen über Projekte auf ihrem Gebiet. In diesem Zusammenhang gewinnen Modelle indigener Unternehmensbeteiligung zunehmend an Bedeutung: Gemeinschaften erwerben Anteile an Bergbauprojekten und werden damit selbst zu Anteilseignern. Doch können solche Beteiligungsmodelle indigene Gemeinschaften tatsächlich in der Ausübung ihrer Rechte stärken, ihre territoriale Selbstbestimmung fördern und Menschenrechte besser schützen? Oder tragen sie letztlich dazu bei, den ausbeuterischen Praktiken der Bergbauindustrie zusätzliche Legitimität zu verleihen?
Die Idee indigener Unternehmensbeteiligung
Jahrzehntelang folgte die Beziehung zwischen Bergbauunternehmen und indigenen Gemeinschaften einem vorhersehbaren Muster: Unternehmen boten den Gemeinschaften Zahlungen an im Austausch für das Recht, Ressourcen auf ihren Gebieten abzubauen. Zwar konnten die Gemeinschaften diese sogenannten Lizenzgebühren für eigene Zwecke investieren; ihre Rolle beschränkte sich jedoch auf die passiver Empfänger. Unternehmen verhandelten so lange über finanzielle Kompensationen, bis die Zustimmung der lokalen Gemeinschaften erreicht war – ein Vorgehen, das mitunter als „Schweigegeld“ kritisiert wurde.
Die Idee einer indigenen Miteigentümerschaft an Bergbauprojekten verändert dieses Verhältnis grundlegend. Statt lediglich Entschädigungszahlungen zu erhalten, erwerben die Gemeinschaften direkte Anteile an den Unternehmungen. In einigen Fällen kaufen sich indigene Gruppen in ein bestehendes Unternehmen ein, um die Beteiligung zu halten. Häufig werden aber auch neue Joint Ventures gegründet, in denen indigene Vertreter:innen von Projektbeginn an beteiligt sind.
Mit dem Erwerb der Anteile werden die indigenen Gemeinschaften nicht nur an den Gewinnen beteiligt, sondern sie erhalten auch einen Sitz in den Unternehmensgremien. Von ehemals passiven Interessengruppen, die im Rahmen eines Projekts konsultiert werden müssen, werden sie damit zu aktiven Miteigentümern, die bei allen Entscheidungen des Bergbauunternehmens mitbestimmen. Sie erhalten Einblick in Daten, Planungen und interne Entscheidungsprozesse und können stärker beeinflussen, wie Aktivitäten auf ihrem Land durchgeführt werden.
Ein aktuelles Beispiel bietet das Kuska-Lithium-Projekt in der chilenischen Region Antofagasta. Im Mai 2025 gründeten das kanadische Unternehmen Wealth Minerals Ltd. und die indigene Quechua-Gemeinschaft von Ollagüe (CIQO) zusammen das Joint Venture Kuska Minerals SpA. Das Unternehmen ist zu 95 % im Besitz von Wealth Minerals; CIQO hält 5 % der Anteile. Die Gewinnbeteiligung der Quechua-Gemeinschaft ist gegen Verwässerung geschützt, sie muss kein eigenes Startkapital aufbringen und erhält trotzdem 5 % der Dividenden, sobald die Mine Gewinne abwirft. Gleichzeitig kann ihr Anteil nicht durch zusätzliche Anteilseigner verringert werden. CIQO verfügt zudem über einen der fünf Sitze im Aufsichtsrat des Unternehmens. Dadurch erhält die Gemeinschaft Zugang zu Informationen und Einfluss auf Entscheidungen auf höchster Unternehmensebene. Offen bleibt jedoch, wie stark eine solche Beteiligung tatsächlich die Unternehmenskultur und Entscheidungsfindung verändert.
Grundsätzlich lässt sich der Einfluss indigener Beteiligung auf Unternehmensentscheidungen nur schwer bewerten. Er hängt vom Umfang der Beteiligung und dem jeweiligen Projekt ab. Dennoch schneiden Projekte mit indigener Beteiligung in Nachhaltigkeitsbewertungen häufig besser ab. Sind indigene Gemeinschaften Minderheitseigentümer in einem Projekt, bestehen direktere Kommunikationswege zu dem jeweiligen Unternehmen, wodurch Konflikte frühzeitig entschärft werden können.
Während das Kuska-Projekt eine Vorbildfunktion für indigene Unternehmensbeteiligungen in Südamerika haben könnte, hat sich Kanada bereits zum wichtigsten Experimentierfeld für solche Modelle entwickelt. Angetrieben wird die Entwicklung durch die Idee der „Economic Reconciliation“. Eine zentrale Rolle spielt dabei die First Nations Major Projects Coalition (FNMPC), ein gemeinnütziges Kollektiv von über 170 First Nations (Stand 2026), das seine Mitglieder bei Beteiligungen an Rohstoffprojekten sowohl finanziell als auch mit technischer und rechtlicher Beratung unterstützt. Die FNMPC betreut derzeit 21 Projekte mit indigenen Beteiligungsanteilen. Anfangs galten First Nations bei Banken häufig als Hochrisikokunden und mussten Kredite zu Zinssätzen von bis zu 35 % in Kauf nehmen. Das FNMPC setzt sich für staatlich abgesicherte Kredite ein und unterstützt seine Mitglieder bei der finanziellen Sorgfaltspflicht. Dadurch wird das Vertrauen der Banken gestärkt, was den indigenen Gemeinschaften den Zugang zu günstigeren Krediten erleichtert.
Die wirtschaftliche Dimension indigener Beteiligung
Die Erfahrungen aus Kanada verdeutlichen, dass indigene Unternehmensbeteiligungen unter geeigneten rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen keineswegs utopisch sind. Sie zeigen nicht nur, wie sich solche Modelle in der Praxis umsetzen lassen, sondern auch, dass sie für Bergbauunternehmen erhebliche wirtschaftliche Vorteile bieten. Mark Podlasly, CEO der FNMPC, formuliert es in einem Interview mit mining.com so: „Es geht längst nicht mehr nur um indigene Belange, […] sondern um die nationale wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.“
Projekte mit indigener Beteiligung durchlaufen Genehmigungsverfahren häufig schneller. darüber hinaus erweist sich die Einbindung lokaler Gemeinschaften in Form von Miteigentümerschaft als wirksame Risikominderung für Unternehmen und verbessert zugleich deren öffentliche Wahrnehmung. Daten des Bergbaumagazins Discovery Alert zufolge verzeichnen Projekte mit echten Partnerschaften mit indigenen Gemeinschaften mehr als 40 % weniger Betriebsunterbrechungen als Vorhaben ohne solche Partnerschaften. Ein Grund dafür könnte sein, dass Gemeinschaften, die an den wirtschaftlichen Erträgen beteiligt sind, solche Projekte häufiger unterstützen und seltener versuchen, sie zu stoppen.
Zugleich gehen internationale Investitionen in Bergbauprojekte zunehmend mit Anforderungen an die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht sowie an gute Bewertungen in den sogenannten Environmental, Social and Governance (ESG)-Ratings einher. Die Beteiligung indigener Gemeinschaften wirkt sich häufig positiv auf diese Bewertungen aus und kann den Zugang zu Kapital erleichtern. Teilweise erzielen Unternehmen für Rohstoffe aus solchen Projekten Preisaufschläge von 3–8 %, wenn diese als besonders sozial nachhaltig vermarktet werden.
Hinzu kommt das Wissen der Gemeinschafte selbst: Indigene Gemeinschaften verfügen häufig über detaillierte Kenntnisse lokaler Ökosysteme, hydrologischer Zusammenhänge und saisonaler Veränderungen, etwa der Wanderungsmuster von Wildtieren. Dieses traditionelle ökologische Wissen kann die Effizienz der Exploration um schätzungsweise 15-30 % steigern und Umweltrisiken frühzeitig sichtbar machen.
Indigene Unternehmensbeteiligung ist daher keineswegs nur Ausdruck unternehmerischer Verantwortung. Sie kann für Unternehmen signifikante wirtschaftliche Vorteile schaffen und stellt häufig eine strategische Interessenallianz dar. Aus Unternehmersicht gelten solche Modelle zudem als Möglichkeit, langwierige Konflikte um Bergbauprojekte zu reduzieren und die gesellschaftliche Akzeptanz von Vorhaben zu erhöhen.
Zwischen Selbstbestimmung und Komplizenschaft
Mit dem wachsenden Interesse an indigenen Beteiligungsmodellen werden jedoch auch die kritischen Stimmen innerhalb indigener Gemeinschaften lauter. Kritiker:innen fragen, ob solche Modelle indigene Gemeinschaften letztlich zu Mitverantwortlichen für die Zerstörung ihres eigenen Landes machen. Verleihen sie Bergbauprojekten zusätzliche Legitimität, indem sie traditionelles Wissen einbringen und damit zur wirtschaftlichen Aufwertung der geförderten Rohstoffe beitragen?
Im Rahmen eines Projekts zum Lithiumabbau in Chile veranstaltete Germanwatch gemeinsam mit der FAU Nürnberg und der Internationalen Föderation für Menschenrechte (FIDH) kürzlich eine Diskussion über die Herausforderungen eines gerechteren und nachhaltigeren Lithiumabbaus in der Region. José Aylwin, Direktor der chilenischen Organisation Observatorio Ciudadano, der sich seit Jahrzehnten mit den Rechten der indigenen Bevölkerung Chiles in der Bergbauindustrie beschäftigt, bezeichnete dort Gewinnbeteiligungen indigener Gruppen als „zweischneidiges Schwert“. Einerseits könnten Beteiligungen dringend benötigte Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäuser finanzieren sowie lokale Arbeitsplätze sichern. Andererseits, so Aylwin, schaffen sie potenziell neue Abhängigkeiten für die indigenen Gemeinschaften, die sich traditionell als Hüter ihres Landes verstehen. Profitieren sie finanziell direkt von der Rohstoffausbeutung, kann es für sie schwieriger werden, Umweltzerstörung offen anzuprangern oder sich Projekten entgegenzustellen.
Die Positionen indigener Gruppen sind dabei keineswegs einheitlich. Im Hinblick auf die Beteiligung in Bergbauprojekten stehen sie vor der besonderen Herausforderung, wirtschaftliche Chancen mit dem Schutz ihrer sozialen und kulturellen Praktiken zu vereinbaren. Diese Spannungen zeigen sich innerhalb einzelner Gruppen, etwa wenn ältere Mitglieder eine Beteiligung ablehnen, während jüngere die damit verbundenen Chancen nutzen möchten. Sie können aber auch zwischen verschiedenen Gemeinschaften auftreten.
Ein aktuelles Beispiel ist das „Ring of Fire“-Projekt in Ontario, Kanada. Die Provinzregierung schloss mit den First Nations Webequie und Martin Falls Verträge im Wert von 40 Millionen Dollar über den Ausbau eines Straßennetzes zu einem abgelegenen Bergbaustandort ab. Beide Gemeinschaften sehen darin eine Möglichkeit, ihre isolierten Regionen besser anzubinden und Lebensbedingungen zu verbessern. Andere First Nations, darunter die Neskatanga, lehnen das Projekt dagegen ab und sehen in ihm eine Bedrohung für die Umwelt und die Unabhängigkeit ihrer Gemeinschaften. Die Unterstützung durch die beiden erstgenannten First Nations erschwerte es den Neskatanga jedoch erheblich, politischen Widerstand gegen das Bauvorhaben zu organisieren.
Führt indigene Unternehmensbeteiligung zu mehr Gerechtigkeit?
Diese Beispiele zeigen, dass eine Beteiligung der lokalen indigenen Bevölkerung kein Allheilmittel bietet. Auch wenn Gemeinschaften formal an Projekten beteiligt werden, bleiben die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen des Bergbaus oftmals bestehen. Die Frage nach Gerechtigkeit im Rohstoffsektor geht daher weit über Eigentumsanteile hinaus. Entscheidend sind verbindliche Sorgfaltspflichten sowie echte Mitbestimmungsrechte. Nur wenn indigene Gemeinschaften unabhängig entscheiden können und ihre Rechte umfassend geschützt sind, können Beteiligungsmodelle zu mehr Selbstbestimmung beitragen.
Neben Eigentumsanteilen existieren zahlreiche weitere Formen unternehmerischer Verantwortung und indigener Beteiligung. Im Fall der Gold- und Silber-Tagebaumine Eskay Creek in British Columbia unterzeichneten die kanadische Provinzregierung und die Zentralregierung der Tahltan First Nation ein sogenanntes Declaration Act Consent-Making Agreement. Die Vereinbarung beschränkt sich nicht auf eine einmalige Zustimmung der Tahltan Nation, sondern sieht eine kontinuierliche Überwachung der vereinbarten Bedingungen durch Tahltan Nation vor. Die Parteien einigten sich auf 38 rechtlich bindende Auflagen, um negative Auswirkungen auf die Gemeinschaft und das Ökosystem zu minimieren. Durch permanente Umwelt- und Risikobewertungen fungiert die Tahltan Nation damit weiterhin als Hüterin ihres Landes, auch ohne Unternehmensanteile zu halten.
Rahmenbedingungen zur Absicherung indigener Selbstbestimmung in Beteiligungsmodellen
Jedes Projekt erfordert individuelle Lösungen, die den Bedürfnissen und Prioritäten der betroffenen Gemeinschaften gerecht werden. Dennoch lassen sich grundlegende Bedingungen formulieren, unter denen indigene Unternehmensbeteiligung zu mehr Gerechtigkeit beitragen kann:
- Unternehmensbeteiligungsmodelle eignen sich vor allem für kleinere, langfristig angelegte Projekte, bei denen die ökologischen Auswirkungen begrenzt werden können und eine aktive Rolle der indigenen Vertreter:innen gewährleistet ist.
- Wenn Gemeinschaften in ein Projekt investieren sollen, müssen sie Zugang zu erschwinglichen Krediten sowie zu den notwendigen Informationen und Beratungen haben, um fundierte Entscheidungen treffen zu können.
- Die Beteiligung der Gemeinden sollte so ausgestaltet sein, dass sie ein absolutes Vetorecht bei Entscheidungen erhalten, die ihre Rechte unmittelbar betreffen. Die Einhaltung dieser Rechte sollte durch unabhängige Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen kontrolliert werden.
- Um Interessenkonflikte zu vermeiden, sollten indigene Governance-Strukturen und Aufsichtsorgane nicht direkt aus den Gewinnen des Bergbauunternehmens finanziert werden. Alle Dividenden sollten zweckgebunden innerhalb der Gemeinden eingesetzt werden.
- Um eine selbstbestimmte Beteiligung zu ermöglichen, sollten nationale und lokale Regierungen betroffenen indigenen Gemeinschaften ausreichende finanzielle Mittel bereitstellen. So können diese ihre eigenen Verwaltungsstrukturen unabhängig von den Gewinnen aus den Projekten und getrennt von ihrer Unternehmensbeteiligung aufrechterhalten. Die erforderlichen Mittel könnten durch eine Besteuerung der Bergbauunternehmen finanziert werden. Staaten könnten indigenen Gruppen zudem günstige Darlehen anbieten.
- Das Recht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung („Free, Prior and Informed Consent“) sowie weitere Sorgfaltspflichten müssen gesetzlich abgesichert bleiben, auch dann, wenn Gemeinschaften selbst an einem Projekt beteiligt sind.
Die weltweite Nachfrage nach kritischen Mineralien wird den Druck auf indigene Territorien weiter erhöhen. In vielen Fällen wird die entscheidende Frage für betroffene Gemeinschaften nicht mehr lauten, ob Bergbau stattfindet, sondern unter welchen Bedingungen. Gut ausgestaltete Beteiligungsmodelle können unter diesen Voraussetzungen ein Instrument größerer territorialer Selbstbestimmung und einer gerechteren Verteilung der Erträge sein. Sie ersetzen jedoch nicht die Notwendigkeit strenger Menschenrechtsstandards und wirksamer Umweltregulierung. Unter diesen Voraussetzungen könnten indigene Beteiligungsmodelle dazu beitragen, dass die globale Energiewende nicht auf Kosten jener Gemeinschaften erfolgt, die seit Jahrhunderten die Folgen des Rohstoffabbaus tragen.