Indien steht im Zentrum der globalen Klima- und Energiedebatte. Als bevölkerungsreichstes Land der Welt, drittgrößter Emittent von Treibhausgasen und zugleich eines der am stärksten von Klimafolgen betroffenen Länder entscheidet sich auch hier, ob globale Klimaziele erreichbar bleiben. Für Deutschland ist Indien daher kein „Partner unter vielen“, sondern ein zentraler Akteur für Klimaschutz, Anpassung und eine gerechte globale Transformation. Bundeskanzler Merz misst Indien vor allem auch geopolitische Bedeutung bei und wählte das Land im Januar 2026 bewusst als erste Station seiner Asienreise. Premierminister Narendra Modi bereitete ihm einen pompösen Empfang. Der freundliche und respektvolle Ton auf beiden Seiten bildet eine gute Grundlage für eine neue Qualität der Zusammenarbeit.
Dieser Blogbeitrag reflektiert den Besuch von Merz mit Blick auf mögliche neue Impulse für die deutsch-indische Kooperation zu Klima, Energie und Entwicklung – insbesondere im Hinblick auf eine Just Transition, also den sozial gerechten Übergang zu klimaverträglichen Energiesystemen
Indiens Klima- und Energiepolitik verstehen: Vielfalt statt Vereinfachung
Zwischen Kohleabhängigkeit und Energiewende
In Deutschland wird Indiens Klima- und Energiepolitik häufig als widersprüchlich wahrgenommen: Einerseits gilt das Land als Hoffnungsträger der globalen Energiewende, andererseits setzt es trotz ambitionierter Klimaziele weiterhin massiv auf Kohle. Die Parallelität dieser Entwicklungen lässt sich nur verstehen, wenn man Indiens Klima- und Energiepolitik zugleich als Wachstums-, Sicherheits-, Gerechtigkeits- und geopolitisches Projekt begreift. Die zentrale Frage lautet daher: Wie kann Indien seinen legitimen Wachstumsanspruch mit globaler Klimaverantwortung vereinbaren, ohne sozioökonomische Stabilität und politische Souveränität zu gefährden?
Eine aktuelle Studie des Thinktanks Ember (Januar 2026) zeichnet ein vergleichsweise optimistisches Bild: Demnach könnte Indien eine andere, sauberere und schnellere Energiewende durchlaufen als China, weil das Land nicht denselben CO2-intensiven Entwicklungspfad einschlägt, den China vor etwa einem Jahrzehnt wählte. Statt nur auf Kohle zu setzen, nutzt Indien zunehmend billige Solarenergie, Batteriespeicher und Elektromobilität, was dem Land mehrere Wettbewerbsvorteile verschafft.
Doch neben technologischen Fragen stellt sich auch die Frage der gesellschaftlichen Teilhabe und politischen Steuerung. Klima- und Energiepolitik wird in Indien in einem komplexen gesellschaftlichen Umfeld umgesetzt. Gerade an sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe zeigt sich jedoch, ob eine Just Transition – ein sozial gerechter Übergang der Energiesysteme in eine klimaverträgliche Zukunft – mehr ist als ein politisches Schlagwort.
Just Transition in Indiens politischen Debatten
Der Begriff der Just Transition ist längst in Indien angekommen und politisch anerkannt. Innenpolitisch zielt er vor allem auf den Schutz von Beschäftigten in Transformationsprozessen, etwa durch Umschulungen für grüne Berufsfelder oder Programme zur Nachnutzung stillgelegter Minen und Wiederaufforstung. International betont Indien vor allem den Respekt für die spezifischen nationalen Umstände, unter denen Transformation stattfindet, das Recht auf (nachhaltige) Entwicklung entlang eigener Prioritäten sowie globale Gerechtigkeit bei Finanzierungsfragen. Allerdings existiert bislang weder eine nationale Just-Transition-Strategie noch ein kohärenter Rahmen, der Klima- und Energiepolitik mit Arbeitsmarkpolitik, Regionalentwicklung und sozialer Sicherung zusammenführt.
Kooperation vor dem Hintergrund komplexer Interessen
Indiens Interessenvielfalt sollte in der internationalen Zusammenarbeit nicht als Hindernis verstanden werden, sondern als Voraussetzung für erfolgreiche Kooperationen. Wer Indiens Klimapolitik verstehen will, muss Prioritäten wie Wirtschaftswachstum und Entwicklung, aber auch föderale Dynamiken und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse ernst nehmen. Merz‘ Besuch abseits der Hauptstadt Neu-Delhi – im Bundesstaat Gujarat, einem Vorreiter beim Ausbau erneuerbarer Energien, sowie bei Wirtschaftsakteuren im wirtschaftsstarken Karnataka – bot dafür eine Gelegenheit. Doch welche Impulse für die deutsch-indische Kooperation mit Relevanz für die Just Transition wurden tatsächlich gesetzt?
Neue Vereinbarungen und ihre Relevanz für die Just Transition in Indien
Der Besuch von Bundeskanzler Merz vertiefte bestehende Kooperationen in den Bereichen Klima, Energie und Entwicklung, insbesondere im Rahmen der seit 2022 bestehenden deutsch-indischen Green and Sustainable Development Partnership (GSDP), und stärkte diese durch signifikante finanzielle Zusagen und die Botschaft einer klaren politischen Verpflichtung.
Die gemeinsame politische Deklaration betont, dass Klimaschutz sowie Energie- und Technologiekooperation zentrale Bestandteile der strategischen Beziehungen zwischen Deutschland und Indien sind. Ein Schwerpunkt der bilateralen Absichtserklärungen liegt auf der Fortsetzung der Zusammenarbeit in den Bereichen erneuerbare Energien, grüner Wasserstoff, Energieeffizienz und Klimaschutztechnologien: Beide Länder bekräftigen gemeinsame Interessen beim Ausbau erneuerbarer Energieprojekte (Solar, Wind, Wasserstoff) und der Dekarbonisierung der Energiesysteme. Die erweiterten GSDP-Finanzierungszusagen in Höhe von 1,24 Milliarden Euro stärken dieses Klima- und Entwicklungsportfolio.
Vielzahl an neuen Kooperationsfeldern
Der Transfer von Know-how, Finanzmitteln und Technologien soll Indien dabei unterstützen, sein Energiesystem schneller zu dekarbonisieren. Neben reduzierten Emissionen könnte dies zu einer stabileren Stromversorgung, neuen Beschäftigungschancen in Zukunftsindustrien und niedrigeren Energiekosten für Haushalte und Unternehmen führen. Abkommen in den Bereichen Telekommunikation und Technologie eröffnen zudem Möglichkeiten für digitale Energielösungen und nachhaltige urbane Transformation.
Insgesamt wurden rund 19 gemeinsame Erklärungen in verschiedenen Bereichen unterzeichnet – darunter Rüstung, Energie, Klima, Technologie, Mobilität und Ausbildung – sowie eine Vertiefung der Zusammenarbeit in strategischen Sektoren wie erneuerbare Energien, kritische Mineralien, Digitalisierung und Innovation angekündigt. Acht weitere Vereinbarungen betreffen Technologiepartnerschaften, Telekommunikation/ICT, Ausbildungsprogramme und Arbeitsmobilität sowie die Unterstützung klimafreundlicher Projekte. Die meisten dieser Absichtserklärungen sind jedoch nur implizit anschlussfähig an die Just Transition. Einige Vereinbarungen gehen über klassische Klima- und Entwicklungsthemen hinaus – etwa Kooperationen zu Telekommunikation oder kritischen Mineralien – könnten jedoch indirekt technologiegestützte Energie- und Umweltziele unterstützen.
Fragwürdig erscheinen Absichtserklärungen zwischen der Regulierungsbehörde für Erdöl und Erdgas (PNGRB) und dem Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches e.V. (DVGW), der sich auch mit Fragen der Energiewende befasst. Ziel der Kooperation ist es, evidenzbasierte Regulierung zu unterstützen, Sicherheitsstandards zu stärken und die Zukunftsfähigkeit der indischen Gasinfrastruktur für saubere Energie sicherzustellen. Auch die neue Abnahmevereinbarung für grünes Ammoniak zwischen dem indischen Unternehmen AM Green und dem deutschen Unternehmen Uniper Global Commodities zahlt auf die Just Transition nicht wirklich ein. Zwar wird der Ausbau eines grünen Wasserstoffsystems für die Dekarbonisierung indischer Schwerindustrie zentral sein – und Deutschland leistet hier auch bereits einen wertvollen Beitrag – aber es wäre vermutlich deutlich effizienter, Endprodukte wie grünen Stahl aus Indien zu exportieren statt energieintensiver Energieträger.
Gleichzeitig kündigten Indien und Deutschland Kooperationen im Bereich kritischer Mineralien, Technologie-Ökosysteme und grüner Industrien an. Dieser Aufbau lokaler Wertschöpfung in zukunftsrelevanten Industrien (z.B. Batteriespeicher, Photovoltaik, grüner Wasserstoff) reduziert Abhängigkeiten, schafft Arbeitsplätze und könnte dazu beitragen, dass soziale und regionale Ungleichheiten nicht zementiert, sondern verringert werden.
Qualifizierung von Fachkräften für die Energiewende
Ein weiterer Bereich vertiefter Zusammenarbeit betrifft Bildung, Fachkräfte und berufliche Mobilität. Mehrere Vereinbarungen zielen auf Kooperationen in der beruflichen Ausbildung, der Fachkräfteentwicklung und im akademischen Bereich. Eine Just Transition erfordert gezielte Umschulungs- und Weiterbildungsprogramme für Beschäftigte aus traditionellen Energie- und Industriebranchen sowie den Aufbau von Qualifikationen im Bereich grüner Technologien. Kooperationen mit Deutschland können hier Kapazitäten aufbauen und Beschäftigungschancen verbessern.
Hier könnte das jüngst angekündigte Centre of Excellence for Skilling in Renewable Energy einen Beitrag leisten, das für Qualifizierung im Bereich erneuerbare Energien in Hyderabad eingerichtet werden soll. Es wird laut Medienberichten Lehrpläne entwickeln, die sowohl den indischen als auch den deutschen Industriestandards entsprechen, und die Ausbildung intensivieren. Ziel sei es, Ausbildungsprofile in Schlüsselbereichen der Energiewende frühzeitig auch auf den deutschen Arbeitsmarkt abzustimmen und die Anerkennung von Qualifikationen zu beschleunigen. Zu hoffen bleibt, dass diese Initiative in erster Linie zur Qualifizierung von Fachkräften für den indischen Arbeitsmarkt und Indiens eigene Energiewende beiträgt.
Die lange Liste an gemeinsamen Erklärungen zeigt, wie Deutschland und Indien ihr breites Kooperationsportfolio kontinuierlich erweitern. Mehr Kooperation allein reicht jedoch nicht aus. Entscheidend ist die Qualität der Umsetzung – sowohl bestehender als dieser neuen Vereinbarungen im Rahmen der deutsch-indischen Green and Sustainable Development Partnership.
Lücken: Was die neuen Vereinbarungen nicht abdecken
Für Indien ist Klimapolitik nicht nur eine Frage der Emissionsminderung. Sie ist auch untrennbar mit der Anpassung an den Klimawandel verbunden. Zwar existieren nationale Anpassungsprogramme und erste innovative Instrumente wie Pläne für klima-verknüpfte Versicherungen, doch eine umfassende nationale Anpassungsstrategie ist bislang nur vorbereitet und noch nicht veröffentlicht. Gleichzeitig arbeitet Indien daran, Anpassung, soziale Sicherung, Gesundheitsschutz, Armutsbekämpfung und Entwicklungsziele enger zu verzahnen. Kooperationen zur Just Transition müssen in Indien daher auch als Just Resilience verstanden werden – als sozial gerechter Umgang mit den rapide wachsenden Klimarisiken.
In der deutsch-indischen Zusammenarbeit spielt Anpassung bislang nur eine untergeordnete Rolle. Der Fokus liegt klar auf Dekarbonisierung sowie Energie- und Technologiekooperation. Auch in den jüngsten Vereinbarungen finden sich keine expliziten Programme zu Anpassung oder Resilienz. Zwar benennt die gemeinsame Erklärung Klimarisiken und Naturkatastrophen als Sicherheits- und Entwicklungsfrage. Konkrete Ansatzpunkte für gemeinsame Resilienzstrategien fehlen jedoch bislang
Rolle der Zivilgesellschaft und partizipativer Prozesse
Ein weiteres zentrales Element einer gerechten Transformation sind partizipative Prozesse. Zivilgesellschaftliche Akteure testen Pilotprojekte, dokumentieren soziale Auswirkungen, vertreten marginalisierte Gruppen und entwickeln lokal verankerte Lösungen. Gleichzeitig ist ihr Handlungsspielraum in Indien in den vergangenen Jahren enger geworden. Die bilaterale Zusammenarbeit könnte hier wichtige Impulse setzen, um die Teilhabe zivilgesellschaftlicher Akteure zu stärken. Zwar enthält das Reformkonzept BMZ 2030 keine direkte Verpflichtung zur stärkeren Einbindung lokaler Zivilgesellschaft in großen Partnerländern wie Indien. Es schafft jedoch einen strategischen Rahmen, um die Zivilgesellschaft als eigenständigen Partner ernst zu nehmen, ihre Rolle auch in komplexen Transformationsprozessen zu stärken und neue Kooperationsformen jenseits klassischer staatlicher Entwicklungszusammenarbeit zu entwickeln. Damit eröffnet es politische Legitimation und institutionelle Spielräume für eine stärkere Einbindung lokaler zivilgesellschaftlicher Akteure in Indiens Just-Transition-Prozess.
Fazit
Die gemeinsame Erklärung von Indien und Deutschland sendet ein begrüßenswertes politisches Signal: Der Trend einer strategisch vertieften Partnerschaft beider Länder wird fortgeführt. Die Finanzzusagen im Rahmen der GSDP könnten langfristig dazu beitragen, projektbasierte Zusammenarbeit stärker in politisch kohärente, finanziell untermauerte Transformationsprozesse zu überführen.
Gleichzeitig unterstützen die neuen Absichtserklärungen die Just Transition und die Importunabhängigkeit von fossilen Energien bislang nur teilweise oder lediglich indirekt. Wenn die deutsch-indische Kooperation einen echten Beitrag zu einer sozial gerechten Transformation leisten soll, muss sie über wirtschaftliche Interessen und Technologieexporte hinausgehen. Notwendig sind gemeinsame Transformationspfade für wichtige Sektoren wie emissionsintensive Industrien und den Verkehrssektor, Strategien für resiliente Entwicklungspfade betroffener Regionen, umfassende Ausbildungsprogramme, innovative Finanzierungsmodelle und die systematische Einbindung betroffener Bevölkerungsgruppen.
Ohne diese Elemente bleibt eine Kooperation zur Just Transition unvollständig.